Mit 30...!
Früher, als ich im Kindergarten war, wollte ich immer ein Schulkind sein. Schulkinder, so dachte ich, sind bereits groß und schlau.
Ich habe meinen Kinder-Rätsel-Spiele-Block und meine Buntstifte in meinen kleinen Rucksack gepackt, mir diesen geschnappt und bin zur Haustür gelaufen. Dort angekommen öffnete ich die Tür, nur um sie wieder geräuschvoll ins Schloss knallen zu lassen, zurück in mein Zimmer zu rennen und dabei auf dem Weg ganz laut meine Eltern zu zurufen, dass ich gerade aus der Schule zu Hause käme, nun Hausaufgaben mache und dabei nicht gestört werden dürfe.
Während ich versuchte, die Rätsel und Spiele in meinem Block zu lösen und ein wenig rum malte, träumte ich davon, endlich dreizehn Jahre alt zu sein. Mit dreizehn, das wusste ich bereits, war man groß. Fast erwachsen. Man ging, im besten Fall auf das Gymnasium in unserer Kleinstadt, und weil man sehr schlau war, machte man die ganze Zeit Hausaufgaben.
Als ich, nach einer Unendlichkeit, die irgendwie verdammt schnell um war, auf das Gymnasium kam, schaute ich in den Pausen immer ehrfürchtig zu den älteren Schülern, den „Abiturienten“, auf. Die waren erwachsen. Spielten in der Theater-AG mit, rauchten, waren verdammt cool und verdammt schlau. Genau so wollte ich sein. Erwachsen, verdammt cool und verdammt schlau. Früher wollte ich immer dreizehn sein? Weil man da groß und schlau war? Pah! Dreizehnte Klassen, das war der heilige Gral…
Kurz vor meinem Abitur, ich konnte mich mal wieder nicht zum Lernen bewegen, musste ich irgendwann plötzlich an das dreizehnjährige Mädchen von damals denken. Ich war 19 Jahre alt. Hatte einen Führerschein, durfte legal Alkohol trinken und rauchen. Ich war erwachsen. Doch war ich das wirklich? Was wusste ich denn schon vom Leben?
Ich wollte 30 sein. Einen tollen Job haben. In Berlin leben. In einer tollen Wohnung wohnen. Mit meinem Traummann. Und mit ihm, in vielleicht vier Jahren, ein wunderschönes, süßes Kind bekommen. Die Zeit dazwischen wollte ich einfach nur überspringen. Mit 30, da war man erwachsen, erfolgreich und wusste was vom Leben.
Seit nun fast zwei Jahren lebe ich in Berlin. Bis auf ein paar Mängel habe ich eine tolle Wohnung mit einer super Lage. Habe momentan einen recht akzeptablen Job und verdiene genug um zu leben. In rund drei Monaten werde ich eine Ausbildung in einem interessanten Institut beginnen.
Ich bin zwar irgendwie noch immer nicht erwachsen und manchmal wäre ich gerne wieder das kleine Mädchen aus dem Kindergarten, das „Hausaufgaben“ macht und in deren Vorstellung dies der schönste Zeitvertreib ist, doch ich fühle mich wohl und nehme mein Leben so, wie es kommt.
Aber wenn ich meine Eltern besuche und mal wieder gefragt werde, wann ich ihnen denn endlich mal einen „Mann in meinem Leben“ vorstelle, antworte ich trotzdem immer noch: „Mit 30…!“



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