DieErdbeere 15.02.2005, 17:47 Uhr 5 0

Meine Großmutter

Meine Großmutter war alt. Sehr alt. Und Kindheitserinnerungen sind schön. Sehr schön.

Meine Großmutter war alt. Sehr alt. Sie hatte schon so einige Kriege miterlebt, und an etlichen Beerdigungen teilgenommen, sie war alt und grau. Meine Großmutter lebte in einem alten Haus, und sie war froh, dass wenigstens etwas älter war als sie.

Das lange Leben meiner Großmutter war voller Sorgen gewesen. Sie hatte Kinder geboren und beerdigt, Geld verdient und verloren, Wäsche gewaschen und aufgehangen. Die Sonne hatte geschienen, die Vögel hatten gezwitschert, und der Regen war auf ihre Dächer niedergeprasselt.
Und all diese Jahre sind an meiner Großmutter vorbeigezogen.

Manchmal saß meine Großmutter in ihrer alten Küche, und wärmte sich die runzeligen Finger an einer Tasse Tee. Sie saß da für eine Weile, bis die Tasse kalt geworden war. Den Tee trank sie nie. Was sie in diesen einsamen Stunden dachte, weiß ich nicht.
Ich werde es einfach erfinden.

Meine Großmutter dachte an den einen Winter, als die Soldaten sie holten, und sie hinaus in den Schnee zerrten. In ihrem weißen Nachthemd, mit ihrer weißen Haut hatte sie da gestanden, und war kaum von der Landschaft zu unterscheiden gewesen. Es war sehr kalt gewesen. Die Soldaten hatten dagestanden und sie angeschaut. Es mussten Stunden vergangen sein. Die ersten Sonnenstrahlen waren aufgetaucht, und meine Großmutter hatte noch immer dagestanden, und die Soldaten hatten sie noch immer angeschaut. Seither fehlen meiner Großmutter drei Zehen, aber sie sagt, die hätte sie eh nie gebraucht.

Meine Großmutter machte sich Sorgen um ihr Gedächtnis. Sie hegte immerzu die Angst, das Vergangene nicht mehr aufrufen zu können. Es war weniger die Angst selber in Vergessenheit zu geraten, als die, die einstmals Lebenden zu entehren. Wenn sie so in ihrer alten Küche saß, zählte sie in ihrem geistigen Auge alle Menschen auf, die ihr Leben einst berührt hatten. Das ging vom Milchmann Theo als sie fünf war, bis zum Bauernsohn Herbert, der Vater ihrer Kinder wurde. Alle trugen sie einen Platz in ihrem Geiste, manchmal auch in ihrem Herzen, manchmal.
Wenn sie so dasaß und alle aufzählte, sah das sehr witzig aus, vielleicht aber auch traurig. Ihre Augen fixierten einen unsichtbaren Punkt in der Teetasse, und rotierten um diesen Punkt herum. Ihre dünnen, ausgetrockneten Lippen vibrierten, und berührten sich hin und wieder. Und wenn man sehr still war, konnte man ein unsichtbares Raunen hören.

Meine Großmutter war sehr alleine, aber nie einsam. Sie hatte ja all diese Leute, an die sie denken musste. Einmal, da hatte sie gerade wieder mühsam ihre wöchentliche Pflicht erledigt, da traf es sie wie der Blitz. Wir können froh sein, dass sie ein starkes Herz hat, hatte sie gesagt. Der Nicolas Schäfer, der kleine Nicolas Schäfer... Wie hatte sie ihn nur all diese Jahre vergessen können? Welch eine Scham sie da überkam, das kann keiner nachvollziehen. Unverzeihlich sei so was, schämen solle sie sich.
Sie saß an ihrem kleinen, alten Holztisch, und der ausgelaufene Tee tropfte auf ihre braune Schürze. Doch das spürte sie nicht. (Der Tee war ja schon kalt geworden, und meine Großmutter hatte einen dicken Wollrock und warme Strümpfe darunter an). Wer Nicolas Schäfer gewesen war, haben wir nie herausgefunden, auch nicht, warum von diesem Tag an, ihr Buckel etwas größer erschien.

Sie dachte auch oft an den Inhalt ihrer Vorratskammer. Sache für Sache ging sie im Geiste durch. Da war die Erdbeermarmelade, die sie vor drei Sommern gekocht hatte, die Speckschwarte, die sie vom Bauer Franz bekommen hatte, der Kasten gold-brauner Äpfel, die von Tag zu Tag brauner wurden, und die blaue Keksdose mit den weißen Sternen, die ewig leer blieb. Meine Großmutter hätte gerne einen Kühlschrank gehabt, aber sie wollte es nicht noch kälter in ihrer kalten Küche haben. Kochen tat sie schon lange nicht mehr. Meine Großmutter lebte von Fertiggerichten, die sie jeden Tag in ihrem Mikrowellenherd wärmte. Die Fertiggerichte bekam sie jeden Morgen von ihrer Tochter geliefert. Sie waren immer noch gefroren.

Die Tochter mochte den täglichen Besuch bei der Mutter nicht. Sie konnte sich nicht mit diesem vertrauten Verfall konfrontieren, und es roch nach alten Menschen. Jeden Morgen musste sie in aller Eile klingeln, die Tüte hineinreichen, und schnell wieder zum Auto, mit noch immer laufendem Motoren, zurücklaufen, um anschließend ihren Sohn und ihre Tochter in der Schule abzusetzen.
Sie war eine gute Mutter. Nicht viele Kinder wurden täglich zur Schule gefahren. Ihre Kinder würden ihr eines Tages dankbar sein, für die tägliche Aufopferung, die ihre junge Mutter ihnen zuliebst gemacht hatte.

Was Mama in diesem alten Märchenschloss jeden morgen machte, wussten wir nicht. Jeden Morgen dachten wir uns die wundersamsten Geschichten aus. Eine Prinzessin lebte darin, im hintersten Zimmer, fern abgelegen von allem Sonnenschein. Sie hatte noch nie das Licht gesehen, und träumte von der Dunkelheit. In diesem großen, finsterem Zimmer, gab es keine Geräusche, abgesehen von einem dumpfen Summen. Die dicken Vorhänge filterten alle Lautlosigkeiten durch.
Die Farbe des Zimmers war blau, aber das wusste die Prinzessin nicht, da sie keine anderen Farben kannte. Sie war selbst von einem bläulichen Schimmer umgeben. Die blaue Prinzessin war nie traurig, aber auch nie froh. Sie kannte die Welt der Gefühle nicht. Und so lag sie da, tagaus, tagein, in einem blauen Zimmerlein, und war allein. (Mein Bruder kicherte bei diesem Satz, und ich musste zugeben, dass es ein sehr guter Reim war.) Was Mama in der ganzen Geschichte zu suchen hatte, war etwas komplizierter. Mein kleiner Bruder und ich hatten Tage damit verbracht, verschiedene Lösungen zu finden. Einmal war Mama eine gute Fee, die der Prinzessin farbiges Lebenselixier vorbeibrachte, weil kein Mensch eintönig überleben konnte. Ein andermal war unsere Mama verflucht gewesen, tagtäglich eine Tüte mit einer Flasche Wasser abzugeben, damit sie selbst nicht in das blaue Zimmer gesperrt würde.

Ob die blaue Prinzessin heute, in dem modernen Zeitalter, wohl noch immer in diesem dumpfen Zimmer, in diesem alten Haus, in dieser heruntergekommenen Gegend lebt, das frage ich mich manchmal, wenn ich daran vorbeifahre.
Ich habe meine alte Mutter nie gefragt, was sie jeden Morgen in diesem Haus getan hatte.
Heute ist es dafür zu spät.



Nachwort.

Meine Großmutter träumte vom Leben da draußen. Sie hörte dem Lied des Sekundenzeigers zu, und wartete auf das Ende der Melodie. Nach einer Weile wurde sie immer unruhig, denn es wollte einfach nicht aufhören. Dann nahm sie ihre kalte Porzellantasse, goss den Inhalt zu ihren Vergiss-mein-nicht, und verließ schlurfend ihre alte Küche.

5 Antworten

Kommentare

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    In Deiner Geschichte finde ich mich sehr stark wieder. Meine Großmutter und auch meine Mutter leben aber auch. Mutter und Tante sind beide etwas geheimnisumwittert, wenn es um ihre eigene Mutter geht.
    Meine Großmutter ist auch schon immer gewissermaßen eine Märchenfigur gewesen. Aus der Perspektiver ihrer beiden Mädels war sie dann doch vielleicht ein Mutterideal, dem die beiden Töchter nie standhalten konnten. Umso mehr betonten sie ihren eigenen Kindern gegenüber, wie sie sich aufopferten.
    Heute scheuen sie es beide, die alte Dame zu besuchen und werfen ihr auch immer nur eine gefrorene Mahlzeit ins blaue Häuschen hinein.

    Wenn mir jemand mal schreiben mag -> ich will baldmöglichst eine Entscheidung fällen. Soll ich: die letzten Jahre der Oma mit begleiten und mein Leben damit ins östliche Ausland rüberwuchten? Oder lieber hier den eigenen Werdegang ankurbeln? Wovor laufe ich weg? Vor mir selbst oder vor irgendwelchen Pflichten?

    06.01.2007, 21:43 von martika
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    Schöner Text...
    Ich bin froh, dass ich von meiner Großmutter so viel mitbekommen habe. Sie hat bei uns gewohnt, und bis sie vor zwei Jahren gestorben ist habe ich sie fast jeden Tag in meinem Leben gesehen.
    Die Geschichten und Erinnerungen, die sie an mich weitergegeben hat, sind mir wahnsinnig wichtig...
    Sicherlich ist der Umgang mit den Großeltern nicht immer einfach- besonders meine Mutter hatte oft einiges zu ertragen- aber es ist es wert, sich um ein gutes Verhältnis zu bemühen.
    Ich hoffe, es wird nie dazu kommen, dass ich meiner Mutter nur noch widerwillig ein Mikrowellenessen vorbeibringe...

    28.02.2005, 22:32 von HerrNilsson
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    schön geschrieben. meine mutter ist oft bei ihrer mutter, meiner oma.
    ich wünschte meine oma könnte sich noch an so vieles aus ihrem leben erinnern, wie deine, denn sie ist noch nicht sehr alt.
    heute erzählt sie viel immer & immer wieder, oder besser gesagt, sie fragt immer das gleiche.
    mein großvater kannte viele geschichten aus alten tagen, die mochte ich gern, da wollte ich oft bei beiden sein.
    heute sollte ich es auch sein...aber es ist anstrengend geworden...

    28.02.2005, 14:16 von celtic
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    irgendwie angenehm zu lesen, doch aber auch etwas traurig.

    bei mir ist das ungefähr das gleiche, meine mutter versucht auch nur so kurz wie möglich meine großmutter zu besuchen, und empfindet dies als lästige angelegenheit. ich hingegen finde es amysant, geschichte aus vergangenen zeiten zu hören, auch wenn man jedesmal das gleiche zu hören bekommt, da das gedächtniss mit der zeit doch etwas nachlässt umd meine oma sich nicht mehr erinner kann was sie gestern gesagt oder getan hat.

    es ist aber grausam, im alter alleine zu sein, und meistens nur gezwungene besuche zu bekommen, die immer nach dem gleichen muster ablaufen.

    nur wenn man dann mal merkt was man vermisst ist es zuspät.

    meine oma ist jetzt 78 und ich 23, aber ich hab jedes mal spaß wenn ich mit ihr zusammen was unternehme, und das geht uns beiden so. an weihnachten durfe ich sie abholen und zum essen fahren, als ich bei ihr ankam, merkte ich relativ schnell das was nicht passt, sie hatte vergessen wo sie ihr gebiss abgelegt hatte. auch nach 30 minuten suche konnte ich nichts finden, mussten dann aber fahren da ein tisch reserviert war. wärend des essen kamen vom nachbartisch komischerweise blicke, doch sie stellte sich nur an wie ein kleines kind beim essen. ich fands sehr amysant, meine mutter allerdings nicht.

    naja, kann nur sagen, nutzt die zeit, irgendwann bereut man das ganze...

    23.02.2005, 18:27 von Soulfood
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