Frau_Irma 30.11.-0001, 00:00 Uhr 22 13

Meine Freundin Charlotte.

Oder die leidige Frage nach dem Erwachsensein.

Meine Freundin Charlotte ist dreißig und verheiratet.
Wenn ich mich mit Charlotte treffe, habe ich immer das Gefühl, dass sie ein richtiges Leben führt. Mit einem erwachsenen Job, in dem sie unglaublich wichtige Entscheidungen treffen muss. Und einer erwachsenen Wohnung mit richtig viel Platz, ganz ohne Ikea-Möbel, dafür mit einem extra Arbeitszimmer ("Das wird mal das Kinderzimmer") und einem Jura-Kaffeevollautomaten.
Ich dagegen führe so ein Kinderleben. 
Mit zu viel Unsinn im Kopf, einem Job, in dem ich keinen Anzug tragen muss, kein sechsstelliges Jahresgehalt und keinen Quartalsbonus bekomme, und mit Romanzen wie mit sechzehn.

Wenn ich mich mit Charlotte treffe, dann redet sie immer so ernst. Über Altersvorsorge und das Betreuungsgeld. Und dass sie in ihrem Job heute jemanden entlassen musste. Das war nicht einfach, hat sie gesagt, aber es musste sein. Charlotte wusste schon immer, was sein musste.
Das ist komisch. Denn wir haben gemeinsam studiert. Und sie ist so erwachsen geworden und ich nicht.
Ich sitze einfach nur da und tue so, als ob ich genau weiß, wovon sie redet. Aber ich weiß es nicht. Bin ich beim Erwachsenwerden falsch abgebogen. Oder daran vorbeigefahren? 
Ich frage mich, wie sie jeden Tag in so einem verantwortungsvollen Job zurecht kommt. Und nebenher immer noch Zeit für Power Yoga hat. Und dafür, gesund zu kochen. Nach der Fünf-Elemente-Küche. Und nicht wie ich nach der Fünf-Minuten-Terrine.
Charlotte ist nun schwanger. Perfekt getimt mit dreißig. Sicherlich war es ihr genetisch vorbestimmt, so ein perfekt durchgeplantes Leben zu führen. Während meine Genetik bis heute immer noch eine wilde Party schmeißt und sich für nichts richtig entscheiden kann.
"Das ist ja auch so ein Problem", sagt Charlotte und zieht dabei ihre perfekt gezupfte Augenbraue nach oben, "dass sich die meisten in unserem Alter ja für nichts mehr entscheiden können."
Ich hab keine Lust auf diese Diskussion, auf dieses ewige "Generation Maybe", "Generation Spaß", "Generation Praktikum". Die Generation, die sich für nichts mehr entscheiden kann. Blabla.
Und wenn schon, die Zeiten haben sich geändert, wir haben mehr Möglichkeiten. Wir sind freier erzogen worden. Es ist einfacher geworden zu reisen, den Job zu wechseln, noch mal zu studieren oder sich scheiden zu lassen. Warum ist das alles ein Problem? Es ist doch toll, dass wir uns nicht für einen Schreibtisch-Job entscheiden müssen, wenn wir das nicht wollen. Dass wir das Privileg haben, uns zu fragen, was uns glücklich macht. Aber nein: das überfordert ja alle. Oder, um es mit Sartres Worte zu sagen: Wir sind zur Freiheit verurteilt. 
Also nicke ich nur kurz schuldbewusst. Und Charlotte erzählt von ihrem Urlaub mit ihrem Mann Friedrich (ja, der heißt wirklich so). Sie verreisen mindestens drei Mal im Jahr. Nach Südafrika oder Singapur. Einmal waren sie auch in Vietnam. Und haben unglaublich viel gesehen. Charlotte plant jede Reise ganz genau. Wenn ich sie frage, ob sie einfach auch mal nur am Strand rumgelegen sind, schaut sie mich immer ganz entrüstet an. So, als ob es keine Option wäre, im Urlaub auch mal nichts zu tun.

Auf eine Art bewundere ich Charlotte. Sie ist einer von den Menschen, die permanent dabei sind ihr Leben zu optimieren: geht die Karriere noch steiler, das Eigenheim noch größer, das Smartphone noch neuer. 
Ich traue mich manchmal gar nicht zu sagen, dass ich glücklich bin mit meinem unperfekten Leben - und meinem nicht ganz so optimalen Handy. 
Ich weiß nicht, ob sie das versteht oder insgeheim denkt, dass ich eine arme Wurst bin. Wer glücklich ist, hat doch was falsch gemacht. Wer sich nicht beschweren kann, lebt falsch. Es gibt immer etwas, das einen unzufrieden zu machen hat: die Politik, das Gehalt, die Kollegen, das Wetter, die gestiegenen Bahnpreise, die Atomkraft, Castingshows, Markus Lanz. 
Aber es gibt auch viele gute Dinge und viele Sachen, für die man dankbar sein kann. Doch Optimisus ist nicht in Mode. Ich bin old fashion.

Charlotte erzählt mir auch immer ganz überzeugt, was für einen Mann ich brauche. Wie er auszusehen hat, welchen Beruf er haben muss, auf was ich achten soll. Ich kann ihr nicht sagen, dass ich da anders ticke. Dass es mir nie wichtig war, ob jemand rasierte Achseln hat oder nicht, ein Muttermal am flaschen Platz oder sein Geld mit Kunst und nicht mit Aktien verdient. Ich bin so naiv, einfach auf mein Gefühl zu hören. Das klingt romantisch, ist aber mit der Realität nicht vereinbar. Gerade, wenn man mal Familie haben will. Sagt zumindest Charlotte.

Manchmal frage ich mich, ob sie recht hat. Und ob mich ihr Leben glücklicher machen würde. Ob es nicht wirklich Zeit ist, sesshaft zu werden. Geld anzusparen. Sich einen vernünftigen Mann zu suchen. Und einen Kaffeevollautomaten anzuschaffen.
Ist das Erwachseinsein? Dass man nicht impulsiv wie ein Kind auf das Leben zurennt, sondern Leidenschaft gegen Vernunft eintauscht?

Ich sehe Charlotte an. Zwischen ihren kleinen Perlenohrringen, dem karierten Schal und ihren stilvoll manikürten Fingernägeln mit dem sündhaft teuren Ehering, suche ich vergebens nach etwas Leidenschaft. 
Aber vielleicht wird man so, wenn man erwachsen geworden ist.
Und vielleicht sollte ich mir dann doch noch ein bisschen Zeit damit lassen.




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22 Antworten

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    Also erstmal finde ich, solltest du dich nicht an Charlottes oder sonst einem anderen Leben messen. Jeder Mensch denkt, fühlt und lebt unterschiedlich und sich dauerhaft mit anderen zu vergleichen macht unglücklich.
    Natürlich kann man sich dennoch ein paar Sachen abgucken, die man mit sich vereinbaren kann.

    Deine Erzählweise gefiel mir außerordentlich gut, mehr davon!

    29.08.2014, 12:18 von -Maybellene-
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  • 1

    Ah ja, und dann geht irgendwas schief und dann zerpfeffert es das bisher ganz so mühsam aufgebaute Leben. Ich will's ihr nicht wünschen. Denn offensichtlich ist es das, womit sie ja glücklich ist. Aber man kann nicht immer alles unter Kontrolle halten. Und ich wünsche ihr keine große Krise.


    Aber: Jeder nach seiner Fassong. Falsch oder richtig gibt es da wohl kaum, oder?

    29.08.2014, 10:52 von TheCaptainsFiancee
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    Ich möchte keine Charlotte sein.

    29.08.2014, 10:14 von Freulein_Taktlos
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    Ja..einen Kaffeevollautomaten anzuschaffen, heißt Erwachsensein.

    29.08.2014, 10:09 von Tora
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    Ich liebe dich für diesen Text!!!! <3

    DANKE

    29.08.2014, 09:41 von Sab_Rina
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  • 1

    Wer sagt was für ein Leben glücklich macht? Für die einen ist es ein eigenes Haus, Familie und ein gut bezahlter Job, für die anderen ist es die Freiheit, sich immer wieder aufs Neue entscheiden zu können, wie sie ihren Weg weitergehen wollen...

    24.06.2014, 13:27 von Herz-Hand-Kopf
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      13.05.2014, 17:04 von quatzat
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,..."

    19.03.2014, 09:42 von Halbgar
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  • 1

    Schööön! Wahrscheinlich ist Charlotte auch insgeheim immer ein bisschen neidisch auf dich- und wenn sie dann mal 50 ist, den Burnout hinter sich gelassen hat und zum Buddismus konvertiert ist, lässt sie vielleicht auch mal das Leben auf sich zukommen...;) Ne, aber im Ernst: jeder wie er mag. Warum sollten Freunde zwangsläufig die gleiche Definition von Glück haben?

    18.03.2014, 21:21 von ruma
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  • 3

    Das sind einfach unterschiedliche Einstellungen, was für einen persönlich Glück bedeutet. Was einem wichtig ist. Solang die Leute glücklich sind, mit dem was sie tun, ist für mich immer alles gut. Schlimm sind nur die, die die ganze Zeit rumlamentieren können, was sie nicht glücklich macht, anstatt was zu ändern.

    27.01.2014, 10:00 von Bender018
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