bratapfel-suess-sauer 14.11.2017, 17:46 Uhr 3 7

meine erste kindheitserinnerung

meine erste kindheitserinnerung

An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern. Es soll ja Leute geben, die das können bzw. es können, dies zu behaupten. Laut Aussage meiner Mutter war ich eine schöne, unkomplizierte Geburt. Ich kam einen Monat zu früh, also bereits nach acht Monaten und das war angesichts meines Gewichtes und meiner Größe schon mal ihr Glück. Größer und schwerer als die Konkurrenz nach neun Monaten. Ähnlich wie mein Vater, nach dessen Geburt, meine Oma, zugleich Mutter meines Vaters, erst mal beschloss, die nächsten acht Jahre mit Geburtsvorgängen nichts mehr zu tun haben zu wollen.

Meine besonderen Kennzeichen beim Auftauchen: Milchschorf, dicker Kopf und zwei halb zusammengewachsene Zehen am linken Fuß. Also eine Art Schwimmhaut. Sonst erst mal nicht mehr.

Ein paar Monate später bekam ich dann Neurodermitis von Kopf bis Fuß. Und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die meine Eltern als solche aber nicht erkannten. Sie wunderten sich nur darüber, dass ich erstaunlich viele Nahrungsmittel einfach wieder auskotzte. Tja, sonst kann ich nicht viel zu meinen ersten Jahren sagen.


Meine ersten Erinnerungen, also die, deren ich mir sicher bin und die nicht nachträglich durch Fotos, Erzählungen und dergleichen zusammengepuzzelt wurden, setzen im Kindergarten ein. Also wahrscheinlich mit vier Jahren.

Im Kindergarten selbst, also vor Ort, erinnere ich mich nur an zwei Szenen: Irgend ein rotschöpfiges Asi-Kind knallt einem anderen Asi-Kind beim Streit um die Besitzverhältnisse an einer Holzburg einen ziemlich langen Holzbauklotz sehr schwungvoll in die Fresse, woraufhin letzteres einen Zahn und viel Blut verliert. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Einen weiteren Vorgang habe ich im Kopf, bei welchem unter vier- bis sechsjährigen fachmännisch über die zuletzt ausgestrahlte Zeichentrickserie „Masters of the Universe“ (He-Man) diskutiert wird. Auf die Frage, ob ich die Folge auch gesehen habe, log ich mit „Ja“ und schämte mich anständig. Zum einen generell, zum anderen konkret dafür, dass wir Zuhause nur öffentlich-rechtliche Sender empfangen konnten und ich, selbst wenn ich nach Erlaubnis meiner Eltern gedurft hätte - ha, ha - es gar nicht hätte sehen können. Ein Leben ohne Privatfernsehen mit drei oder vier Sendern. Heute unvorstellbar. Und kein Computer, geschweige denn Internet! Nicht mal einen Videorecorder. Kommt einem heute so vor, als hätten wir in Höhlen gehaust und Mammuts gejagt. Dabei ist das gerade mal dreißig Jahre her.

Somit traten Gewalt und Scham schon sehr früh in mein Leben, während Technik und Digitalisierung noch lange auf sich warten ließen.

Aber auch von überwältigender Freude kann ich berichten: An meinem fünften Geburtstag bekam ich „Orko“ geschenkt. Orko, den kleinen freischwebenden Magier, Freund He-Mans, um keinen Zauberspruch verlegen, und die wahrscheinlich am Harmlosesten wirkende Masters-Figur der ganzen Serie, die meine Eltern zähneknirschend mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten. Ich sollte nämlich damals kein „Gewalt-Spielzeug“ - was auch immer das sein mag – bekommen. Es waren schon komische Zeiten. Dieses Anti-Gewalt-Ding hat natürlich meine Liebe zu Action-Figuren im Allgemeinen und Masters-Figuren im Besonderen ins geradezu Unendliche gesteigert. Noch heute steht Orko bei mir im Bücherregal. Und hält seine schützende Hand über mich. Vielleicht.

Dieser Moment der Beschenkung, des puren Glückes, morgens um halb sechs in der Küche meiner Eltern – ich war ein notorischer Frühaufsteher – hat sich derart tief eingebrannt, dass ich ihn als meine erste, weil intensivste Kindheitserinnerung betrachte. Als hätte es erst gestern stattgefunden. Ich weiß noch heute, wie frisch aus der Plastikpackung rausgefummelte Masters-Figuren riechen. Unvergesslich gut.

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3 Antworten

Kommentare

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    Bochumer Heizkraftwerk, auf das wir von unserem Zimmer aus gucken konnten. Aber eine abenteuerliche wildnis in der anderen Richtung. Taubenschlag. Garagenhof. Idyllisch eben. Ein bisschen, wie bei jetsam... Fernseher hatten wir nicht. 

    15.11.2017, 05:46 von sailor
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  • 0

    Müsste knapp schon mein zweites Lebensjahr gewesen sein. Ich hatte so viele Salzstangen in der Hand, wie ich greifen konnte.

    15.11.2017, 03:49 von Grumpelstilzchen
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  • 1

    Ich saß mit einem knappen Jahr in einem Karton voller Styroporchips, schmiss meine rote und blaue Haarspange rein und dachte:"Oh, hoffentlich finde ich die wieder!"

    15.11.2017, 00:01 von frl_smilla
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      ie Entwicklung eines Langzeitgedächtnisses, das uns erlaubt, Erlebnisse
      und Erfahrungen, die Jahre zurückliegen, zu erinnern, dauert aber noch
      einige Zeit. Deshalb gibt es an die ersten drei bis vier Lebensjahre
      keine Erinnerung und meist nur wenige an das 5. und 6. Lebensjahr

      Quelle:

      15.11.2017, 13:36 von Gluecksaktivistin
    • 0

      " Die Entwicklung eines Langzeitgedächtnisses, das uns erlaubt,
      Erlebnisse und Erfahrungen, die Jahre zurückliegen, zu erinnern, dauert
      aber noch einige Zeit. Deshalb gibt es an die ersten drei bis vier
      Lebensjahre keine Erinnerung und meist nur wenige an das 5. und 6.
      Lebensjahr."

      Quelle

      16.11.2017, 10:27 von Gluecksaktivistin
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    Ach ja,...
    Wir hatte ja nichts – damals, als Kinder.

    Wir mussten uns unsere Burgen aus Sand selber bauen.

    Bei schönem Wetter waren wir gezwungen auf Bäume zu klettern, denn im Hof gab es nur eine Teppichstange. Bei schlechtem Wetter bauten wir ganze Städte mit Holzklötzen im Kinderzimmer.

    Im Herbst, wenn die Felder geerntet waren, gingen wir in den Keller und bastelten aus schmalen Holzlatten Rauten, verbanden die äußeren Enden mit Fäden und beklebten diese dann mit Folien. Wir nannten sie Windvögel und ließen sie steigen.

    Unsere größte Leinwand war der Garagenhof, auf dem wir mit Kreide Straßenzüge malten. Eine eigene kleine Welt für unsere Kettcars, an die ich erinnere.

    König war der, der Glasknicker hatte und diese geschickt in ein kleines Erdloch schnipsen konnte. Eine große Kugel schlägt 3 kleine und 5 Tonis.

    Jeder hatte ein Fahrtenmesser in der Tasche oder an seinem Gürtel. Nicht, dass wir uns bedroht fühlten und verteidigen wollten. Nein, aber ein richtiger Junge brauchte ein Messer um Sperre zu schnitzen und damit auf Zielscheiben zu werfen.

    Es war eine schlimme Zeit. Wir mussten uns miteinander beschäftigen. Einen Fernseher gab es auch. Der hatte 3 Sender. Sonntags lief Flipper und die Waltons. Und wenn sich alle eine gute Nacht wünschten, dann wurde die Kiste abgeschaltet.


    https://www.youtube.com/watch?v=oeOWv88NtC0

    14.11.2017, 20:33 von jetsam
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      Du bist doch nicht gar ein Nostalgiker ;)^^

      14.11.2017, 22:53 von Gluecksaktivistin
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      das kann man mehr als vermuten. Ich denke ja auch nicht retro. warum auch, bin ich doch das original. :D 

      15.11.2017, 15:28 von jetsam
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    Irgendwie süß, gern gelesen!

    14.11.2017, 20:27 von Gluecksaktivistin
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    Das hat NUT-Potential!


    Meine erste Kindheitserinnerung war Kakao mit Haut in der Kinderkrippe und irgendwie verbinde ich mit dieser Zeit auch den Geruch von Amaretto-Plätzchen.... weiß nicht, was das soll.

    14.11.2017, 18:44 von Tora
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  • 2

    Jaaaa...

    Orko aus dem Zauberland, reich mir deine helfende Hand!

    Hach... was ging mein Bruder mir auf'm Zeiger, aber Orko war wirklich toll!

    14.11.2017, 18:19 von Fin_Fang_Foom
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