Meine blauen Wände und dein roter Regen
Du gingst an einem Sonntagnachmittag. Sonntagnachmittage. Das sind die schlimmsten.
Seitdem du weg bist, streiche ich die Wände. Ich streiche sie rot und gelb und orange und blau. Ja, blau. Furchtloses blau.
Schwedische Möbelhäuser wissen nichts von blauen Wänden. Sie wissen auch nichts von dem quälenden Bedürfnis, einfach nur zu sein. Und so werfe ich das Anzeigenblatt in den Papierkorb, drehe mich dreimal im Kreis und beschließe, das Möbel eh nicht zu blauen Wänden und meinem Leben passen.
Einfach nur sein. Seit Jahren nun bemühe ich mich eben dieses, womöglich größte Glück auf Erden für mich zu gewinnen. Und ich strenge mich sehr an, das tu ich wirklich. Alles, was diesem Wunsch auch nur auf einen Meter zu nahe kommt und somit sein ewiges Scheitern verspricht, wird von meiner bestimmten Hand systematisch eliminiert. Alles. Vorschriften. Regeln. Sternzeichen. Der Fernseher. Arbeitgeber. Fertige Pastasauce aus dem Supermarkt. Und du. Alles aus meinem Leben gestrichen. Einfach so.
Als ich dir sagte, ich müsse wieder einfach nur sein, fingst du zu weinen an. Und ich habe mitgeweint, weil es nicht das erste Mal war und weil ich mir so sehr gewünscht hatte, dass du es verstehst. Du hast es nicht verstanden. Dann kam Sonntag.
Und nach Sonntag kam die Einsamkeit. Ich habe geschrieen und geflucht, getrunken und gekotzt. Und mir so sehr gewünscht, diese Dämonen aus meinem Leben zu entfernen.
Deswegen gehe ich zum Arzt. Wegen der blauen Wände. Und wegen der Angst, wieder jemanden aus meinem Leben entfernen zu müssen. Jemanden wie dich.
Bernd ist mein auserwählter Therapeut. Er ist 35 oder 40 und trägt einen gelbgoldenen Ring an der rechten Hand. Ich sehe mich um, auf seinem Schreibtisch steht ein gerahmtes Familienfoto. Fotobernd winkt mir entgegen, während sein Ehemann voller Stolz ein kleines chinesisches Mädchen in die Kamera hält. Ich zweifle, ob das hier der richtige Ort ist, um meine perversen Spielchen zu diskutieren.
Warum ich da sei, fragt er mich. Ich sage, dass ich Angst habe und dass meine Wände jetzt blau sind. Er fragt, ob ich Angst vor den blauen Wänden hätte und ich finde, er versteht mich nicht. Und so lüge ich was das Zeug hält, denn das ist meine Spezialität. Ich lüge seitdem ich ein kleines Kind bin. Früher habe ich meinen Eltern immer erzählt, dass meine Kindergärtnerin mich bereits mit 4 Jahren in die Schule stecken will; dann dass meine Lehrerin gesagt hat, ich sei unheimlich schlau und später einfach nur, dass ich definitiv den ganzen Tag in der Schule war (und nicht bei dem hübschen Marc aus der zwölften). Meine Freunde glauben bis heute, ich sei adoptiert und du – ja, du glaubtest bis Sonntag, du bist der einzige Mann in meinem Leben. Jemals und für immer. Alles gelogen. Und so belüge ich auch Bernd. Erzähle ihm von Schlafstörungen und Depressionen, von einer schwierigen Kindheit und fehlenden Freunden. Nur vor dem Suizid mache ich Halt, denn der bringt dich direkt in die Klinik, hab ich mal gelesen. Und das will ich nicht. Da müsste ich viel zu lange am Stück lügen und wirklich gut bin ich ja eigentlich nicht.
Bernd, der Therapeut, hört mir zu, nickt dann und wann, macht sich Notizen und scheint generell zu glauben, er versteht mich. Das dachten schon viele, geht es mir durch den Kopf. Männer sind da besonders empfänglich. Beschützerinstinkt. Aber keiner, nicht einer, versteht meine blauen Wände. Noch nicht einmal ich selbst, noch nicht einmal Bernd. Ich fange zu weinen an und sage, es seien die Depressionen. Er gibt mir ein Schlafmittel und legt mir nahe, zweimal wöchentlich in seine Praxis zu kommen. Ich bedanke mich artig und lüge, dass ich das auf jeden Fall tun werde.
Wieder draußen auf der Straße bemerke ich den roten Regen nicht, der vom Himmel fällt. Zu sehr bin ich mit mir beschäftigt. Selbst ein Wildschwein mitten auf dem Alexanderplatz entzieht sich meiner Aufmerksamkeit. Wann hab ich bloß damit angefangen, mich und meine Person so ernst zu nehmen? Seit wann ist nichts mehr gut genug für mich, noch nicht einmal mein eigenes Leben, noch nicht einmal die Pfannkuchen, die du mir machtest, wenn meine Welt zu klein für mich wurde?
Und plötzlich fühle ich mich traurig und allein, ich habe Angst, dass die Regentropfen mich erschlagen könnten. Dann wäre niemand da. Nur das Wildschwein.
Zu Hause angekommen schließe ich die Tür auf, meine Haare und Kleider sind rot durchnässt. Und da stehst du. Groß und schön wie du bist. Du stehst einfach nur da und schaust mich mitleidig an. Nein, ich verdiene dein Mitleid nicht. „Keine Sorge“, sagst du, „das Blau geht bald wieder weg.“






Kommentare
@[Benutzer gelöscht] na dann danke ich ihnen doch gleich einmal mehr, dass sie, lieber herr dent, den artikel trotz des themas empfohlen haben.
07.01.2008, 14:48 von luacheia