odradek 23.04.2009, 20:15 Uhr 7 10

Mein Hund stirbt

Ich weiß noch genau, wie meine Mutter und ich lachen mussten, als wir ihn zum ersten Mal sahen, er hüpfte aus dem Kofferraum und guckte sich um. Es sah aus, als würde er jeden Moment mit seinen viel zu großen Pfoten auf seine viel zu großen Ohren treten. Dann wollten wir mit ihm spazieren gehen, aber kaum war die Leine um seinen Hals, bewegte er sich keinen Zentimeter, störrisch wie ein Esel, das war er immer. Die Leine hat er sein Leben lang gehasst, wenn wir ihn irgendwo anbanden, konnten wir sicher sein, dass er nicht mehr dort sein würde, wenn wir zurückkamen. Er hat die Leine einfach durchgebissen und ist abgehauen. Er hat so viele Leinen durchgebissen in all den Jahren. Und war er an der Leine, ging er, wie um mich zu ärgern, immer an der anderen Seite eines Baumes vorbei, blieb dann stehen und sagte, gehst du zurück oder ich, ich finde, du solltest zurückgehen. Dann blieben wir beide stehen und warteten, wer zuerst nachgibt. Meistens war ich es.

Er hatte einen Freund, einen anderen Hund im Dorf, den besuchte er dann. Wir wussten schon, wo wir ihn suchen mussten, wenn er mal wieder ausgebüchst war. Irgendwann begann er sich zu verstecken. Ich kam dorthin und er war nicht zu sehen. Er hat einfach hinter der Scheune gewartet bis ich wieder weg war. Das hat er ständig gemacht. Man war mit ihm spazieren, zuerst rannte er voraus, dann trottelte er eine Weile neben mir her, gab vor etwas Interessantes entdeckt zu haben, schnüffelte ausgiebig an einer Ecke, bis man an ihm vorbei war und wenn man sich zehn Sekunden später nach ihm umdrehte, war er nicht mehr zu sehen. Er hat sich einfach im Graben geduckt, nur wenn er ausgetrocknet war selbstverständlich, oder hinter einen Busch gesetzt. Man suchte ihn und ging irgendwann nach Hause. Oder man fand ihn und dann tat er ganz unschuldig. Er hob das Kinn und sah mich mit einem Seitenblick an, du wirst doch nicht denken wollen, dass ich abhauen wollte, ich doch nicht, niemals, das schien er zu sagen. Um ehrlich zu sein, manchmal vergaß ich, dass es einfach ein Hund war, jeder seiner Blicke sprach Bände.

Und wenn ich sage, dass es der klügste und beste Hund der Welt war, dann ist das nicht das übliche Gerede von Hundebesitzern, sondern die Wahrheit. Andere Hunde kläffen und toben und rennen am liebsten durch jede Dreckpfütze. Meiner hat um jede Pfütze einen großen Bogen gemacht und nach jedem Spaziergang hat er stundenlang seine Pfoten geleckt, manchmal so lange bis es blutete. Wir gingen zum Tierarzt mit ihm, doch der fand nichts, er meinte, das sei der erste Hund mit Waschzwang, der ihm je begegnet war.

Einmal rollte sein Ball in die Ecke, hinter einen Blumentopf, so dass er nicht rankam. Jeder andere Hund hätte angefangen zu bellen und an dem Topf zu kratzen. Meiner nicht, er setzte sich davor und zog die Ohren an, das sah dann immer aus, als würde er die Stirn runzeln, weil sein Fell Falten schlug. Das war seine Denkerpose, den Kopf leicht schräg, die Stirn gerunzelt. So saß er einige Zeit da, dann zog der den Blumentopf mit dem Mund zur Seite und holte sich seinen Ball.

Er liebte das Wasser, im Sommer war er kaum zu halten, ich fuhr fast jeden Nachmittag mit ihm zum Fluss. Man konnte richtig lange mit ihm schwimmen, einmal bis zur Trauerweide und zurück. Aber am liebsten tauchte er. Anfangs wusste er nicht, dass man unter Wasser besser nicht atmet. Er prustete und röchelte und blickte mich dann empört an. Bald hatte er den Dreh raus. Ich warf einen Stein ins Wasser und er holte ihn hoch. Nur die großen Steine, einen kleinen erkannte er schon, wenn er ins Wasser plumpste. Dann guckte er mich so unten nach oben an und sein Blick sagte, dass ich bloß nicht glauben solle, dass er diesen Stein rausholen würde, dieser Stein war unter seiner Würde. Je größer der Stein umso weiter trug er ihn auf die Wiese hinaus. Abends sah man immer eine Linie, ein Stein, gerade groß genug, dass es sich lohnte ihn herauszuholen, direkt am Ufer und dann immer größere. Das war eine ernste Angelegenheit.

Den Befehlston mochte er nicht. Sagte man Sitz! oder Platz!, legte er den Kopf schräg, zog missbilligend die Augenbrauen hoch und sagte, nicht in diesem Ton, meine Liebe. Hatte man hingegen etwas zu Fressen in der Hand war es etwas anderes, dann setzte er sich sehr langsam und umständlich und sein Blick sagte, ich setze mich zwar hin, aber nicht weil du es befiehlst, sondern weil ich gerade selbst auf den Gedanken gekommen bin. Stolz war er. Man musste sehr freundlich und höflich sein, wenn man etwas wollte, man musste sagen, lieber Herr Hund, würden Sie sich bitte auf ihr entzückendes Hinterteil setzen, das wäre mir eine große Freude. Dann tat er es anstandslos.

Es war auch zwecklos ihn zu rufen. Dann blieb er stehen, guckte sich um, drehte den Kopf zu mir und sagte, ich sehe keinen einleuchtenden Grund weshalb ich zu dir kommen sollte. Gab es dagegen einen Grund, zum Beispiel den giftigen Hund mit seinem cholerischen Herrchen, der immer über unseren ungezogenen Köter schimpfte, dann kam er und ließ sich an die Leine nehmen, sanft wie ein Lämmchen, und hocherhobenen Hauptes lief er an dem Kläffer vorbei ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Stöckchen holen ging gar nicht. Ich warf eines und er blieb einfach stehen, sah mich an und sagte, du glaubst ja wohl nicht, dass ich mich hier zum Deppen mache. Wenn er kotzen musste, dann ging er immer auf den Teppich, nie auf nackten Fliesen. Überhaupt mochte er Teppiche und Bettdecken. Wenn meine Eltern abends nicht zuhause waren, legte er sich zu mir ins Bett, zuerst ans Fußende, dann kroch er immer höher, bis sein Kopf neben meinem auf dem Kissen lag. Du hast Mundgeruch, sagte ich dann, aber das war ihm egal und ich drehte mich halt um.

Wenn er voraus lief und ich rief ihm zu, dass wir bei der nächsten Kreuzung nach links oder rechts laufen, dann tat er das. Einmal wollte ich das meinem ersten richtigen Freund vorführen, ich rief dem Hund zu: Da vorne geht’s links. Und er lief rechts. Das Grinsen in seinem Gesicht sah nur ich. Mein Freund hat mich ausgelacht und gesagt, Hunde können so was nicht.

Er hatte eine Vorliebe für lockige, kleine Hundedamen, andere übersah er, aber wenn eine lockige, kleine Hundedame an uns vorbeilief, dann sah er ihr hinterher, am liebsten hätte er gepfiffen. Wenn eine dieser Damen läufig war, roch er das auf zehn Kilometer. Dann wendete der den alten Trick an, versteckte sich irgendwo beim Spaziergang und war auf und davon. Meistens kam er wieder, wenn sein Hunger groß genug war.

Hunger hatte er eigentlich immer. Wenn es Trockenfutter gab, dann wartete er einfach ein paar Stunden, bis die Spatzen die Haferflocken rausgepickt hatten und aß den Rest, der ihm besser schmeckte. Er mochte Erdbeeren, Himbeeren und Kirschen. Aber wehe man wagte es ihm ein von Schnecken angefressenes Stück einfach hinzuwerfen, dann setzte er sich hin, betont ruhig, sah erst die Erdbeere an und dann mich und sagte, du glaubst ja wohl nicht, dass du so mit mir umgehen kannst. Jeden Abend während der Erdbeerzeit streifte seine Schnauze die Reihen im Garten entlang und er suchte sich nur die saftig roten aus. Einmal hatte meine Mutter einen Eimer Kirschen gepflückt und in der Küche abgestellt, als sie wiederkam war der Eimer leer, der Hund hatte sie gefressen, bestimmt fünf Kilo, mit den Steinen. Am liebsten mochte er aber gelbe Pflaumen. Ich kletterte auf die Leiter und wir schlugen uns die Bäuche damit voll.

Er war der erste, dem ich meine Gedichte vorlas, ich setzte mich auf einen Stein im Wald, er davor und hörte mir aufmerksam zu. Er war meistens nicht besonders angetan. Wir führten auch lange Gespräche, ich erzählte ihm eine meiner neuen Theorien zur Ordnung der Welt und er trottelte neben mir her. Wenn ich das jemandem erzählte, dann glaubte er mir nicht, aber ich behaupte bis heute, dass es eine höhere geistige Ebene gibt, auf der wir beide kommunizierten. Wirklich, es klingt absurd, wenn man das so ausspricht, aber mein Hund und ich, wir haben unsere Gedanken ausgetauscht, ganz sicher. Er hat mir oft widersprochen und neue Denkanstöße gegeben. Er war weiser als die meisten Menschen.

Er hat gesehen, wie sein bester Freund eingeschläfert wurde, das hat uns später dessen Besitzerin erzählt. Der Tierarzt kam und legte den Hund auf den Küchentisch und mein Hund saß vor dem Fenster und hat die ganze Zeit zugesehen, denn das Fenster war ebenerdig. Tagelang ließ er die Ohren hängen und fraß nicht. Außerdem hatte er ab da furchtbare Angst vor Spritzen. Beim Impfen wand er sich, sonst eher phlegmatisch, aber da konnte er plötzlich flink immer wieder den Händen des Tierarztes entwischen. Wochenlang ging er zu dem Haus seines toten Freundes und jaulte jämmerlich.

Ganz anders war es, als ich zuhause auszog. Meine Mutter sagte, er würde oft ratlos vor meiner Zimmertüre sitzen, aber wenn ich am Wochenende kann, behandelte er mich wie Luft. Erst am Sonntagabend, wenn ich meinen Koffer in den Flur stellte, kam er zu mir, legte seinen Kopf in meinen Schoß und blickte mich fragend an. Nach einer Weile jedoch sah er ein, dass es keinen Sinn hatte, beleidigt zu sein und er war wie früher. Wir lernte auch über die Distanz hinweg zu kommunizieren, ich träumte oft von ihm und er von mir, wir begegneten uns in unseren Träumen, auch wenn mir das keiner glaubt.

Jetzt stirbt er und ich werde ihn nie mehr sehen. Meine Mutter sagt, er ist ganz dünn geworden, liegt immer nur auf dem Teppich, hat einen großen Knoten am Bauch. Er hat zu mir gesagt, es ist nicht schlimm, wenn man stirbt, Tiere sind da ja ganz anders als Menschen, er ist nicht traurig. Mal schauen, ob die Kommunikation auch auf längere Distanz klappt.

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7 Antworten

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    erinnert mich an meinen hund. obwohl er trotzdem anders is.

    12.08.2010, 00:32 von sommersonnenfee
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    schöner Text :)

    29.07.2010, 21:18 von BoxofSecrets
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    Meiner mag Trauben. Und ist auch sonst ein bißchen anders. Und hoffentlich noch nicht ganz so weit. Dennoch hab ich nach dem Lesen das Gefühl, daß ich bald schreiben muß.

    Sie sind zum Glück anders. Ich glaube, genau das macht sie so besonders für uns. Unangreifbar in ihrer und damit unserer Liebe.

    Du kennst die "Regenbogenbrücke"?

    25.04.2009, 03:37 von Hexenkraut
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    Ich hatte mal drei Mäuse. Zwei haben dann eine aufgegessen. Zum Umzug hab ich beide abgegeben, weil ich den Platz für Scanner und Drucker brauchte.

    Tiertexte sind so... ichweißnicht. Zu sehr Tagebuch?

    24.04.2009, 10:01 von frl_smilla
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      @[Benutzer gelöscht] Irgendwie hat es hier auf Neon zunehmend so richtig blöde Arschlöcher, gell frl_smilla & Vector Love?!

      ...tz tz tz.

      25.04.2009, 03:11 von Kiyan
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      @[Benutzer gelöscht] @VectorLove
      Um zehn Uhr noch so müde? Geh heut mal besser früher ins Bett.

      24.04.2009, 09:57 von Tanea
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    Hatte leider keinen eigenen Hund, bin aber Jahrelang mit der Hündin vom Nachbar spazieren gegangen und, ich glaub dir jedes Wort.

    Schöner Text.

    24.04.2009, 09:51 von Tanea
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