jetsam 07.10.2013, 17:43 Uhr 21 22

Matrikelnummer 25017859

Warum laufen lernen so schwierig ist und Christophorusplaketten nicht schützen.

„Fuck -  Fuck“ schallte es durch den Flur. Kurzer Stille folgt ein dumpfer Schlag mit darauffolgendem Klirren von Glas. Showdown der Gefühle, gemischt mit Wut, Verzweiflung des eigenen Versagens. Ich reflektiere kurz die Reihenfolge der Geräusche und warte. Stille. „Ist noch ein Bier im Keller?“ „Natürlich ist noch ein Bier im Keller, wie auch ein Handfeger und Kehrblech für das Bild, welches du wohl soeben zertrümmert hast.“ Zerschlagene Träume einer bildhaften Darstellung von im Raum schwebenden Teilchenverbindungen. Kurze Zeit später steht es im Flur, dieses kopflose Häufchen Elend. „Ich habe es verkackt! Nichts bringe ich zustande. Ihr braucht nicht meinen, dass ich auch zu irgendwas tauge.“

So hatte ich mir diesen Abend nicht vorgestellt und versuche meine Gedanken zu ordnen. Nein, mir ist nicht nach Motivationstrainer. Und doch, was bleibt mir anderes übrig? Früher war es einfacher einem Kind die Welt zu erklären, Stärken zu stärken und Versagen in Erfolg zu lenken. Aber jetzt steht da kein Kind mehr, sondern ein fast Erwachsener. Einer, der in seinem Leben so viel erreicht hat, mir in vielen Bereichen gnadenlos überlegen und doch am Anfang steht. „Bring mir ein Bier mit“ rufe ich hinterher. „Ich muss nur kurz ans Auto und was holen.“ So krame ich im Handschuhfach nach dem, was mich seit 18 Jahren begleitet, nicht sichtbar am Armaturenbrett gepappt, jedoch immer in meiner Nähe ist. Manchmal krame ich es hervor, wenn ich den Sinn verliere und meine eigenen Zweifel anfangen zu wachsen. Dieses kleine Foto ist es, was mich über die Jahre hinweg aufstehen lässt, wenn ich stolpere. Jetzt lege ich es auf den Tisch und nehme einen Schluck aus dem gefüllten Glas, versuche den Kloß in meinem Hals herunterzuspülen. „Und?“

„Ich habe die Klausur verhauen und gehe da nicht mehr hin. Welchen Sinn macht es, wenn ich lerne wie bekloppt, aber die scheiß Testate verhaue? Ich suche mir jetzt einen Job – bei Aldi an der Kasse. Da schiebe ich dann die Teile über den Scanner. Das kann jeder! Dazu braucht man kein Studium, geschweige den eine Ausbildung.“ Okay denke ich, das Glas der Gefühle ist also voll und gleichzeitig leer von dem, was man eigene Überzeugung und  Anspruchsdenken nennt. Du könntest jetzt über die Verantwortung von Kassenpersonal diskutieren, über Berufsaussichten, Aufstiegschancen und allgemeinen Arbeitsmarkt. Aber bringen würde es wohl wenig.

„Schau dir dieses Foto an“ fange ich an, reflektiere die Vergangenheit ohne zu wissen, wohin meine Gedanken mich tragen. „Du warst 8 Monate alt, als du laufen wolltest. Viel zu früh, aber es war dein eiserner Wille, der dich angetrieben hat. Lediglich mein kleiner Finger hat dich gehalten, den du schnell losgelassen hast. Wenn du gefallen bist, dann bist du trotz blutiger Knie aufgestanden und hast nicht aufgegeben. Von da an gab es kein Halten für dich. Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag? Nein, da wolltest du nicht mehr hin. Du wolltest doch Rechnen und Schreiben  lernen und nicht Reihen mit gleichen Buchstaben füllen, Zahlenreihen im Einserblock addieren. Kindergartenkram hast du es genannt. Die erste Note war ein Minus. Wie habe ich innerlich gelacht und dich davon überzeugen müssen, dass eine 1- eine gute Note ist.“
Zwischendurch schaue ich hoch und vergewissere mich davon, dass meine Worte auf dem Weg nicht verloren gehen. Was bleibt mir anders übrig?
„Du hast es allen gezeigt“ fahre ich fort. „Aber zugegeben, du hast es immer leicht gehabt, hast nie lernen müssen und manchmal hätte ich es mir gewünscht. Ja, gewünscht dich bremsen zu können - die Bodenhaftung zu behalten. Wann kommt dieser Punkt in deinem Leben, an dem du scheitern wirst, das habe ich mich oft gefragt. Und wie tief wirst du dann fallen? Einen Fallschirm, einen Plan-B, den hast du nie gebraucht."


Mist, ich habe von SCHEITERN gesprochen, was soviel wie VERSAGEN bedeutet. Du bist mir ein schöner Motivator, denke ich und greife nach meinem Bier. Aber was sagt man einem Überflieger, der Lernen nie lernen musste, der Versagen nie kennengelernt hat? Jemanden, dessen eigene Ansprüche über dem liegen, die man sich selbst nie zugetraut hat? Vorgelebt habe ich ihm dieses unwegsame Leben nicht. Oder vielleicht doch? Nur die Gene zweier Menschen hat er bekommen, die so unterschiedlich sind. Ehrgeiz auf der einen Seite, wie Sturheit auf der anderen Seite. Selbstvertrauen jedoch wächst aus sich selbst und erbt man nicht.

„Weißt du, stolpern gehört zum Leben dazu. Manchmal tut es weh zu erkennen, dass nicht alles so glatt läuft. Aber dann alles hinzuschmeißen, das bedeutet auch sich selbst aufzugeben. Ich habe dir das Laufen gelehrt und zugesehen, wie dein Rückrat gewachsen ist. Deinen Stotz habe ich gerne geteilt. Bitte wirf ihn nicht weg, diesen Weg, den du gegangen bist, Träume deiner Zukunft, die deine Ziele sind. Ich kann nur hinter dir stehen und dich auffangen, wenn du gefallen bist. Aber das bist du nicht. Du bist nur stehen geblieben und hast vor einer Hürde gestanden. Die erste in deinem Leben, die du vorher nicht gesehen hast. Gehe einfach einen kleinen Schritt zurück und springe.  - Und jetzt pappe dir dieses Bild auf deinen Monitor, schaue zurück, stehe auf und laufe, wie du es immer getan hast.“
„Und noch was. Die Kassierer bei Aldi machen einen guten Job. Aber du würdest damit nicht glücklich werden. Nicht, weil die nur Teile über den Scanner schieben. Du wolltest schon  immer Teilchen im Raum betrachten und in ihr Inneres vordringen. Hast du mal einen Kassierer gesehen, der Packungen aufreißt und einzelne Nudeln über das Lichtband zieht?“

Mit diesen Worten schiebe ich meinen kleinen Christophorus zu dem Häufchen Elend neben mir, welches mir doch tatsächlich bis jetzt zugehört hatte.     

22

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ... noch was für den "Motivations-Trainer":
    Stolpern heißt zunächst erstmal n u r  Spurwechsel, nicht zwangsläufig schon Versagen!

    12.01.2014, 06:39 von nickleby
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      es sei an diese stelle nur gesagt: es wurde eine lange nacht - feucht und fröhlich ;)

      09.01.2014, 19:46 von jetsam
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ... das ist die  g u t e Version, aber ... !
      :-)

      12.01.2014, 06:41 von nickleby
  • 1

    Das macht wohl jeder durch. Versagensängste, Verzweiflung, Frustration - das volle Paket. Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast.
    Nebenbei auch sehr schön geschrieben!

    09.01.2014, 18:18 von blauertag
    • Kommentar schreiben
  • 1

    dieses große kind erinnert mich an ein kleiners. die geschichte macht mich lächeln und seufzend nicken.

    schöne geschichte jetsam, danke!

    09.10.2013, 10:38 von pocket
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Also, ich mag ihn und ich mag ihn sehr. Ich weiß, dass es um Erziehung geht. Mir persönlich springt der erhobene Zeigefinger dennoch ein wenig zu sehr zwischen den Zeilen hervor. Fühl mich von der Erfahrungsperson ein wenig zu sehr an den Ohren gepackt - irgendwie persönlich. Auch, wenn ich sehe, dass die anderen Leser dieses Gefühl offenbar nicht teilen. :)

    08.10.2013, 11:06 von TheCaptainsFiancee
    • 1

      Die sind vleicht alle schon bissel weiter weg von der 18....

      08.10.2013, 11:09 von Tanea
    • 0

      No, so wahnsinnig nah an der 18 dran bin ich aber auch nicht mehr. :D Aber offensichtlich fühl ich mich ja trotzdem angesprochen. :P

      08.10.2013, 11:12 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      ja der zeigefinger immer. den versuche ich aber in der hosentasche zu lassen. manchmal rutscht er dann raus. aber wenn er zwischen den zeilen bleibt, dann finde ich es schon ok.

      08.10.2013, 11:42 von jetsam
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Der weiße Jeti.

    08.10.2013, 10:44 von cosmokatze
    • 0

      heheheee..weise Jeti natürlich !

      08.10.2013, 10:44 von cosmokatze
    • 0

      weise bin ich sicher nicht. :) 

      08.10.2013, 11:40 von jetsam
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Das kommt mir ein bisschen bekannt vor :)

    Schön geschrieben.

    08.10.2013, 10:37 von Jingeling89
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Kann ich mich auch mal auf deinen Schoss setzen um mich ermutigen zu lassen? :)

    08.10.2013, 10:19 von See_Emm_Why_Kay
    • 1

      wer hat es nicht mal nötig? manchmal ist der platz frei, dann darfst auch du dich setzen. ;)

      08.10.2013, 11:39 von jetsam
    • 0

      Au ja :)

      08.10.2013, 11:49 von See_Emm_Why_Kay
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Das ist ein ganz wundervoller Text. Zu mehr fehlen mir die Worte.


    (Klitzekleiner Haken: Ehrgeiz.)

    08.10.2013, 09:49 von Bender018
    • 0

      mönsch, dabei habe ich doch so aufgepasst. Aber die fehler schleichen sich immer dazwischen. Danke.  

      08.10.2013, 11:37 von jetsam
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare