T-A 24.05.2009, 14:38 Uhr 6 9

Mag Marc mich?

Zehn Jahre war es her, dass sie seinen Namen auf ein Stück Papier gekritzelt und mit Herzchen umrandet hatte.

Der Himmel über der Stadt hing so tief, dass man glaubte gebückt laufen zu müssen. Die Menschenmasse zog wie eine Lawine aus Schutt und Geröll durch die Straßen, alles mit sich reissend, nur das eigene Ziel vor Augen. Nur wenn man den Einzelnen betrachtete sah man, wie müde und schwach sie eigentlich waren. Für sich allein verloren sie die furchteinflössende Stärke der Masse. Und jeder von ihnen wartete nur auf den erlösenden Donner, der den schmerzenden Druck der letzten Tage aus der Stadt vertreiben würde.

Sie lies sich treiben, mitziehen, versuchte den Berührungen der anderen und der beklemmenden Schwüle auszuweichen. Ihre Füsse schmerzten von den hohen Absätzen, die sie an Tagen wie diesen daran erinnern sollten, dass sie eine erwachsene Frau war. An ihren Schläfen bildeten sich kleine Schweisströpfchen, die sich langsam den Weg über ihre Wangenknochen bahnten. Sie nahm heute einen anderen Weg nach Hause. Viel früher als sonst. Und nicht nur dies lies sie lächeln. Das Leben war gut zu ihr gewesen. Sie war glücklich und hatte Gefühle wie Einsamkeit und Langeweile längst vergessen. Nicht nur ihr Gang und ihre Kleidung offenbarten, dass sich ein Großteil ihrer Träume längst erfüllt hatten. Am Finger der rechten Hand trug sie einen Ring, von dem sie noch nicht wusste, dass sie ihn schon in einem halben Jahr erst in Gedanken und schließlich ganz und gar ablegen würde. Noch ahnte sie auch nicht, dass das, was sie und andere eine selbstbewusste Frau nannten, in Wahrheit nur die äußere Hülle einer Matrjoschka war, die in ihrem Bauch ein kleines, ängstliches Mädchen verbarg und beschützte. Das Leben war nicht immer gut zu ihr gewesen. Aber sie hatte vergessen und war geflohen. Hier in ihrer neuen Welt fühlte sie sich groß und stark und konnte der Schwüle und Hitze des Sommers mit einem Lächeln trotzen.

Sie bog wie die anderen um die Ecke zum Treppenaufgang, der sie zu den Gleisen führen sollte. Und dann sah sie ihn. Er stand mitten auf der Treppe, stach aus der wabernden Masse hervor, als würde die Sonne nur für ihn scheinen. Zehn Jahre war es her, dass sie seinen Namen auf ein Stück Papier gekritzelt und mit Herzchen umrandet hatte. „Mag Marc mich?“ Sie liebte diese Alliterationen so sehr wie sie die Antwort auf die Frage hasste. Er mochte sie. Genug, um mit ihr die Nächte hindurch Weinflaschen zu leeren und zu reden. Nicht über Gott und die Welt. An einen Gott hatten sie nie geglaubt und die Welt erschien ihnen damals so schrecklich, dass sie sich nur an die Hoffnung klammern konnten, irgendwann mächtig genug zu sein, sie ändern zu können. Daran hatten sie geglaubt. Er mochte sie. Genug, um mit ihr Gedanken und Träume zu teilen. Aber nicht genug, um sie zu küssen. Ein einziges Foto hatte sie von ihm besessen. Er mochte es nicht fotografiert zu werden und um so mehr wurde diese kleine glänzende Stück Papier zu einem Schatz für sie, den sie ständig bei sich trug. Ihre beste Freundin hatte sie herausgetrennt. Erst ganz vorsichtig und mit Bedacht. Doch in den letzten Zügen mit soviel Wut, dass ein Stück von seinem Arm verloren ging. Die Farben auf dem Foto waren über die Jahre verblasst wie Erinnerungen an vergangene Zeiten. Und da stand er nun plötzlich, sah sie nicht und raubte ihr dennoch wie damals die Kraft für kluge Gedanken und Taten.

Seine Kleidung wirkte alt und zerschlissen, aber sie gab ihm nicht mehr die Aura des Künstlers und Denkers, wie es das alte Cord-Jackett getan hatte, das sie in einem Secondhand-Laden irgendwo im Prenzelberg gefunden hatten und das er von diesem Tage an in ihren Erinnerungen niemals abgelegt hatte. Er selbst war nicht nur älter sondern alt geworden und sie konnte sich nicht so recht entscheiden, ob sie die tiefen Furchen in seinem Gesicht mit Erschrecken oder Genugtuung zur Kenntnis nehmen sollte. Doch dann sah sie, was er in der Hand hielt und den vorbeiziehenden Menschen immer und immer wieder entgegenstreckte. „Die neuste Ausgabe vom Strassenfeger - oder vielleicht eine kleine Spende?“ Die Welt blieb nicht stehen und es wurde auch nicht still um sie herum. Stattdessen brachen sich Wellen des Entsetzens direkt über ihr und durchtränkten ihren Körper mit einem Gefühlssaft auf Scham und Mitleid. Tausende Fragen, noch nicht einmal zu Ende formuliert waren, hämmerten an ihre Schädelwände und brüllten nach Antworten. Das Bedürfnis Wegzulaufen gewann von Sekunde zu Sekunde an Größe und war doch nicht stark genug um den Kampf gegen die versteinerten Muskeln in ihrem Körper für sich zu entscheiden. Erst jetzt sah sie den Dreck an seinen Händen, die schlechten Zähne in seinem Mund und die vielen anderen Dinge, die von einem Leben auf der Straße erzählten, das nichts mit ihren gemeinsamen verklärten Träumen von einem Leben ohne weltlichen Besitz und ohne Verpflichtungen zu tun hatte.

Wäre das ein Film, würde sie die paar Stufen auf der Treppe emporsteigen und ihn ansprechen. Sie würden gemeinsam die Peinlichkeit des ersten Wiedersehens überwinden und sie würde ihn zum Essen einladen. Er würde vom Pech und sie vom Glück erzählen und die alte Vertrautheit würde beiden immer häufiger ein Lächeln ins Gesicht malen. Sie würde ihm auf helfen und mit jedem Schritt von ihm ihr eigenes Leben mehr und mehr in Frage stellen. Erst wenn die alte Vertrautheit die Vergangenheit überholt hätte, würde es zu einem Missverständnis kommen, das sie im Streit auseinander gehen ließe und den Zuschauer bei Laune halten würde. Aber fünf Minuten später, die eigentlich eine Ewigkeit erzählen, würden sie wieder zu einander finden und sich erinnern, wer sie füreinander waren und sind. „Enden auf Marc und Lilli küssend“, hätte im Drehbuch gestanden und während weiße Buchstaben auf schwarzem Grund vorbeiziehen, hätten sich die Zuschauer entspannt in ihren Sesseln zurückgelehnt, weil ihnen erzählt wurde, was sie hören wollten: Dass die Welt gerecht ist und dass am Ende alles gut wird. Aber es ist kein Film. Also wendet sie sich ab und geht.

Am nächsten Tag kehrt sie an die Stelle zurück, getrieben von ihrem schlechten Gewissen. Er ist nicht da und niemand weiß, ob oder wann er wieder kommen würde. Erinnerungen und die Ahnung von alten Gefühlen lassen sie am Tag darauf erneut zum Bahnhof laufen. Wieder ist er nicht da. Sie wird noch ein paar Mal zurückkehren, warten und wieder nach Hause gehen. Sie wird viel an ihn denken und Listen aufstellen, was zu tun ist, wenn sie ihn endlich findet. Aber sie wird nicht ihn finden, sondern nur Gründe um nicht mehr zu suchen. Schneller als ihr das Bild vom guten Menschen erlaubt, wird sie aufhören an ihn zu denken und die Erinnerungen und Gedanken zu dem alten Foto packen, das immer noch in der kleinen Kiste liegt. Nur manchmal, wenn sie einen Strassenzeitungsverkäufer in seinem Alter sieht, wird sie sich erinnern. Und jedes Mal wird sie sich schämen. Für ihr eigenes kleines Glück, dessen wacklige Beine sie erst viel später spüren wird.

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6 Antworten

Kommentare

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    Schöne Idee.

    (2x "ließ" statt "lies"!)

    07.08.2010, 08:05 von ka.tharina
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    der filmvergleich ist mir ein bisschen zu ausgelutscht, aber sonst ein sehr guter, für mich persönlich unangenehmer text, da ich mich an manchen stellen mit der protagonistin bzw, mit ihrer situation identifizieren kann.

    29.07.2009, 19:56 von .Elendstouristin.
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    Eine beschriebene Situation, der ein klein wenig zum Nachdenken anregt.
    Was würde der Leser machen ? Auch weggehen ? Oder hingehen ? Mit welcher Erwartungshaltung ? Die Sache mit einem einfachen Hallo und ein wenig Quatschen nach dem Motto „Weißt Du noch, damals .. .?“ auf sich beruhen lassen, oder mit der Erwartung (oder gar dem Anspruch) dem anderen aus seiner Situation herauszuhelfen ? Und warum das schlechte Gewissen .. schließlich kann man ein schlechtes Gewissen haben wenn man etwas verbockt hat, aber hier ? Schlechtes Gewissen weil man nicht in der Lage ist allein die Welt zu retten ?

    Wie auch immer, es ist ein sehr lesenwerter Text, wie ich finde.

    01.07.2009, 11:44 von Cyro
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Für mich weder böse, noch luxusprobleme, noch moralisierend und erst recht nicht zu distanziert...aber mit tolle idee kann ich mich anfreunden ;)

    10.06.2009, 20:43 von Ikaros
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    bös bös bös... tolle idee.

    aber die andeutung, dass auf sie ja auch noch (luxus-)probleme zukommen, find ich irgendwie zu moralisierend. der erzähler hat so wahnsinnig viel abstand.

    30.05.2009, 16:27 von sophietrauer
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