ShakespearesSchwester 12.10.2018, 16:34 Uhr 6 0

Lost in Adulthood

Einmal im Jahr werden die „30 unter 30“ gekürt. Jedes Jahr suche ich mich vergeblich auf irgendeiner dieser Listen.

Ich bin weder schön noch unternehmerisch erfolgreich oder falle durch sonst irgendwelche Talente auf.

Mein Onkel ist so jemand der zu Höherem bestimmt wurde. Er ist einer dieser Menschen, die dich beim Denken überrunden und beim Diskutieren massakrieren. Neben ihm stinkt man ab. Das weiß ich spätestens seitdem sich die Augen meiner Mutter mit Wasser füllten, als sie ihre eigene Unzulänglichkeit mit der Genialität ihres Bruders verglich. 

Während mein Onkel und die „30 unter 30“ also nahezu alle anderen hinter sich lassen, müht sich der gemeine Mensch mit der Mittelmäßigkeit seines Daseins ab. Das ist nicht immer leicht.

Manchmal da gehe ich sehr unbedarft mit meiner Mittelmäßigkeit um. Wie vor kurzem, als ich die Idee hatte einen Ausflug nach Cambridge zu machen. Dort angekommen kam der Besuch einem masochistischen Akt gleich. Stephen Hawking war gerade erst gestorben und grinste in gewohnt debiler Manier von sämtlichen Plakaten der Stadt, vielleicht hatte ihm gerade jemand das Modulhandbuch meines Masters in die Hand gedrückt.   

Dass es für Cambridge nicht gereicht hat, kann ich gerade noch so verkraften. Wenn aber eine vergleichbar mittelmäßige Person mit 190 Sachen auf der Überholspur an mir vorbeizieht, dann ist das deutlich schlimmer. Dann möchte ich mich selbst bemitleiden dürfen. Weil die Person die da Erfolg hat nicht irgendjemand ist und ich neidisch bin.

Und so warte ich täglich darauf, dass das Telefon klingelt und mir die Stimme am anderen Ende keine neuen Tarifkonditionen  ins Ohr haucht, sondern eher so etwas in Richtung: „Lehn Dich zurück, die deutsche Stiftung für Inkognitobegabte hat dein Potenzial erkannt und zahlt dir 100.000 netto pro Jahr“. Aber ich und alle anderen zu Mittelmäßigkeit-Verdammten, wissen, dass dieser Anruf nicht kommen wird. Man viel eher selbst zum Hörer greifen muss, sein Netzwerk durchforsten sollte, sich doch bitte mal gebührend selbst in den Arsch treten möchte. 

Ganz motiviert schreibe ich dann Bewerbungen, um daraufhin Monate zu warten, dass eventuell eine Antwort kommt. In der Zwischenzeit klicke ich täglich mindestens 1000 Mal auf "aktualisieren" im persönlichen FreeMail Postfach. Einfach weil ichs kann und vielleicht auch weil ich nicht noch mal Taschenrechner verpacken, oder Drinks servieren möchte. Schließlich habe ich ja einen Masterabschluss, Auslandserfahrung und Praktika in global agierenden Unternehmen. 

Und überhaupt was gibt es für Alternativen? Ohrringe am Strand von Tulum verkaufen. Aussteigen. Die ganze kapitalistische Scheiße hinter sich lassen. Es doch irgendwie mit dem Schreiben probieren, um dann mit Ende zwanzig noch Mama und Papa zu fragen, ob sie einem aushelfen.

Früher wollte ich Sparkassenangestellte werden, weil man sich dort in dem Glasgebäude zum Pizza Salami Essen mit den Kollegen verabreden konnte. Heute bin ich die, die alles möchte, aber ganz bestimmt nicht bei der Sparkasse arbeiten.   


Tags: Hard Knock Life, Plenty of Options
6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Denn Sinn von "30 unter 30"-Listen (es gibt auch "40 unter 40"- Listen) hat sich mir noch nicht erschlossen. Die üben ohnehin auch nur unnötig Druck aus. Sieht man ja auch an dem Text hier. Hm...vielleicht soll ja das gerade der Sinn sein.


    17.10.2018, 23:03 von mirror87
    • 0

      Sind das Listen, auf denen die 30 besten der unter 30 jährigen irgendwie aufgelistet werden? Wer macht und veröffentlicht sowas und wo?

      18.10.2018, 08:38 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Ja diese Listen gibt es tatsächlich, die Bekannteste stammt von Forbes. Mittlerweile erstellen aber auch andere Magazine ihre eigenen Listen. So wahnsinnig toll finde ich das alles auch gar nicht und verkrafte  dementsprechend ganz gut nicht drauf zu stehen ;) 

      18.10.2018, 17:43 von ShakespearesSchwester
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      Vielleicht schaffste es dann unter die 40 unter 40.

      18.10.2018, 18:40 von mirror87
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      Hallo S-Schwester, danke für die Info! Krass. Neee, kann ich mir vorstellen... einfach komplett ignorieren, das macht einen ja kirre und zieht einen nur runter.

      18.10.2018, 20:12 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    Find ich gut! Also den Text.

    Scheiß Situation.
    Ich wünsche dir viel Glück, und hoffe, dass sich bald etwas Gutes findet! Halt durch :)

    17.10.2018, 21:13 von Gluecksaktivistin
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