Madame_Frosch 03.01.2009, 20:18 Uhr 7 21

Lebenslängliche Liebeserklärung

Eine Liebeserklärung an den großen Bruder, den besten Freund. Oder sowas ähnliches.

Ich war fünfzehn und saß vor meinen ersten Pc. Weihnachten 2000. Ich logge mich unter einem ,,Mausi"-Namen ein und chatte, während ich rauche. Ich war ein ziemliches Burschchen zu dieser Zeit, rotzfrech, mitten in der Pupertät. Und du, Anfang zwanzig, warst ein wenig traurig und stolz.
Du mochtest meinen Ton. Wir redeten und mochten uns sofort. Eine schlampige Freundschaft entwuchs einem Telefonat. Ich lud mein Selbstmitleid bei dir ab und du wuschst mir den Kopf dafür. Du hast mich gelehrt, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Ein Jahr später kam ich mir schon ziemlich erwachsen vor, als du mir selbstmitleidige E-Mails schriebst, betrunken und recht melodramatisch und ich dir sagte, dass du zuviel trinkst und Blödsinn redest. Dass du jetzt mal aufstehen und mit der scheiß Heulerei aufhören musst. Seit einem Jahr waren wir nun die besten Freunde. Chatteten, telefonierten, smsten jeden Tag. Gesehen auf Fotos. Wir teilten alles. Jedes Gefühl. Jeden Gedanken. Und ganz besonders die Nächte, in denen ich heimlich Bier aus dem Keller meiner Eltern klaute und mit dir online Karten spielte und über das Leben philosophierte. Es war herrlich. Um es noch deutlicher zu machen: herr-lich.

Als ich siebzehn wurde, hast du mitgekriegt, wie ich mich zum ersten Mal so richtig verliebte. In einen Hitzkopf sondersgleichen und mehr als einmal hast du bei meinem ,,Ähm" aufgestöhnt: ,,Nein, hör auf, wenn du so anfängst, willst du mir immer sagen, dass du wieder mit deinem Ex-Freund zusammen bist." Ich liebte diesen Typen. Aber das sagte ich nie. Weder zu dir, noch zu ihm. Aber ihr beide, ihr habt es trotzdem gewusst.
Du lebtest am gefühlten anderen Ende dieser Welt, deshalb war es ganz selbstverständlich, dass wir uns immer noch nicht gesehen hatten. Unsere Freundschaft funktionierte ja auch so ganz gut.

Ich wurde achtzehn. Und hatte ziemlichen Ärger mit meiner Mutter. Ich riss Witze darüber, du erwidertest, dass ich deine beste Freundin bin. Die einzige beste. Die überhaupt einzige Freundin. Ich schluckte.

Und mit neunzehn, da wurde mir auf ganz jämmerliche Weise das Herz gebrochen. Schwer angeschlagen schrieb ich einen ziemlich peinlichen Brief an die Liebe. Nichts, was literarisch irgendwie hoch anzusiedeln gewesen wäre: melodramatisch war er, kindisch und voller peinlichen Weltschmerz. Ich zeigte dir diesen Wisch, um dich zum Lachen zu bringen. Ging auf eine Party. Und als ich traurig von dieser zurück kam, mitten in der Nacht meinen Pc einschaltete und eine Antwort von der Liebe in meinem Postausgang fand, heulte ich wieder. Vor Rührung. Du hast mir im Namen der Liebe erklärt, dass die Liebe und das Leben eben keine Autobahn ist. Und es keine richtigen Ausfahrten gibt. Nur Ummwege, Irrwege und das wunderschöne Dazwischen. Den Augenblick. Da hast du dich wohl ziemlich erwachsen gefühlt, warst ja auch schon Mitte zwanzig und mir haushoch überlegen. Ich liebte dich für diesen Brief.

Das war auch das Jahr, als wir beide das letzte Mal zusammen online feierten. Eigentlich hassten wir zu dieser Zeit längst schon den Chatroom, hassten die online-Welt und lebten lieber richtig. Nur unsere Freundschaft ist von dieser Zeit eben hängen geblieben. Und in eine dieser, unserer letzten Nächte, hockten wir zusammen, nach einer Party, beide angetrunken. Als du morgens um vier nuscheltest: ,,Wenn du nicht in der Arktis wohnen würdest, ich würde mich in dich verlieben."
Ich auch. Dachte ich.

Dann hast du dich total verliebt, in ein blondes, lustiges, liebes Mädchen. Und ich bin aus meinem Elternhaus ausgezogen, in die nächste große Stadt. Du bist mit dem Mädchen zusammen gezogen, ihr habt zwei Katzen. Ich habe mich verliebt. Und bin zu ihm gezogen. Doch du, du bist immer noch da. Der Schattenmensch, der mich immer zum Lachen bringen kann.
,,Und wann heiratet ihr beiden endlich?" Fragst du mich heute.
,,Ich heirate nie!"
,,Haha, ja genau so, wie du nie mit einem Mann zusammen wohnen wolltest!"

Immer, wenn ich mit dir rede, merke ich, wie ,,groß" wir beide geworden sind. Manchmal werde ich richtig rot bei dem Gedanken daran, dass du mich, würden wir uns jetzt begegnen, nicht mehr als Mädchen, sondern als erwachsene Frau wahr nehmen würdest. Ich habe dir mit fünfzehn ganz stolz erzählt, dass meine Brüste endlich wachsen. Du hast meine schwersten pupertierenden Krisen mitgekriegt, die ich niemanden anvertrauen würde, so peinlich sind sie mir. Du sprichst mich aus gutem Grunde nie darauf an. Du kennst meine erste große Liebe so wie deinen großen Zeh und fragst nach meinen Eltern.

Als ich einmal einen Unfall hatte und dachte, das war´s jetzt, jetzt ist es vorbei, jetzt muss ich sterben. Als ich zuviel Zeit hatte und zu wenige Schmerzen, um über mein Leben nachzudenken und was ich ab sofort verpassen werde, da dachte ich nur an eines. An dich. Und daran, dass wir uns noch nie gesehen haben und du mich trotzdem fragst, ob du das weiße oder das blaue Hemd anziehen sollst. Ich weiß von deinem blöden Chef und ich habe Fotos von deinem besten Freund auf meiner Festplatte.

,,Hey." Rüttel ich dich mental.
,,Hm?"
,,Sag mir Bescheid, wenn du heiratest. Ich möchte eingeladen werden. Damit ich mich betrinken und lauter peinliche Parolen brüllen kann. Ist doch wohl meine Pflicht, oder?"
,,Klar. Ist gebongt."

Wir kennen uns seit sieben, nein falsch, entschuldigung, es sind ja schon acht. Jahren. Und wir haben uns noch nie persönlich gesehen. Trotzdem kennst du meine schmutzigsten Geheimnisse, meine peinlichste Achilles-Verse, du wüsstest, bei welchen Filmen ich heulen muss und du hast mir Geburtstags-Gedichte geschrieben. Ich weiß, dass du exakt zweimal verliebt warst. Wie dein erster Sex war. Wir beide, wir haben eine Geschichte zu erzählen, Anekdoten, es gibt sogar Fotos, eine Postkarte und SMS.

Ich denke oft an dich. Du bist mein großer Bruder, mein bester Freund und meine bessere Hälfte. Warste damals schon. Biste heute noch. Auch, wenn wir uns alle halbe Jahre mal schreiben. Mit dir zu schreiben, ist wie ein Lachen, ein beflügelter Moment. Wir waren damals schon zu zweit gegen den Rest der Welt.
Und das hier, du verrückter Spinner, das hier ist meine Liebeserklärung an dich. Meine Umarmung. Mein Versprechen, dass wir immer Freunde sind und bleiben, auch wenn wir uns Jahre nicht gesprochen haben.

,,Hey. Hey! Wo steckst du? Ich will mit dir reden. Ich weiß, ich hab dir ewig schon nicht mehr gemailt, aber eins lass dir gewiss sein: Ich werde dir auch mit sechzig noch furchtbar nervende E-Mails schreiben, die dich so richtig schön ankotzen werden. Ich werde dich wahnsinnig machen, wenn wir alt sind, harharhar..."

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    Danke für das teilhaben dieser wundervollen Story! Es ist sehr authentisch geschrieben und ich konnte mich so richtig reinfühlen und wünsche euch noch viele Jahre mit dieser wudnervillen Art von Freundschaft, die einem wahrscheinlich nur einmal im Leben so begegnet!

    16.02.2012, 21:50 von Love.Laugh.Life
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    ein bisschen beneide ich dich um die mysterioesitaet und intimitaet dieser freundschaft.
    ich jedoch verstehe diese freundschaft nicht. logisch kann ich begreifen, dass, wenn man sich so gut kennt, es nicht mehr noetig ist, sich zu sehen. eine romantische vorstellung. aber den letzten rest anonymitaet werdet ihr so nie ueberwinden. wie haelt er seine kaffeetasse? wie faehrt er sich durchs haar? wie sieht er aus, wenn er schielt? das wirst du nie wissen, aber vielleicht ist es dir nicht wichtig? vielleicht habt ihr ueber die jahre eine vorstellung voneinander gewonnen, und angst, sie wuerde zerspringen, wenn ihr euch tatsaechlich traefet!?

    09.12.2009, 17:49 von KATwoman
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    Ich frag mich, wie viele Bilder du von ihm mittlerweile auf der Platte hast.... :)



    05.05.2009, 15:37 von frl_smilla
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    Ich habe eine gänsehaut bekommen. und das sag ich jetzt nich einfach nur so, es ist wahr.
    Verdammt, du hast es wirklich wunderschön formuliert! :)

    05.05.2009, 15:29 von schokocrisp
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    Ich finde diesen Text Perfekt. Er ist so ehrlich und einfach unglaublich :O

    05.05.2009, 08:49 von glam_scandalous
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    Ein toller Text, alles in die richtigen Worte gefasst.

    Ja, auch so eine Freunschaft zu einem "Weit-weg-und-nie-gesehen-Menschen" kann etwas sehr, sehr Schönes sein.

    23.02.2009, 21:16 von Singer_in_the_Rain
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