asamoa 13.10.2008, 22:48 Uhr 30 4

Landluft - Dorfmief

Beschaulich. Das ist wohl das Adjektiv, das neben klein am besten auf mein Dorf passt. Vielleicht teilweise auch noch idyllisch.

Das ist es nämlich, wenn man sich an einem der vielen Weiher begibt. Große, alte Bäume säumen das Ufer. Trauerweiden und Birken. Es kann sehr angenehm sein am ruhenden Wasser zu sitzen. Außer sonntags, sonntags wimmelt es nur so von Hunden.
Kommt man nach Hause, grüßen die Nachbarn. Man kennt sich. Höflich erkundigt man sich nach dem Hund und redet über das Schicksal der alten Frau Meierhofer, es werde ja immer ärger mit ihrem Bein. Auch das ihre Kinder sie nicht besuchen ist ja geradezu skandalös. Nach der Verabschiedung geht man nach drinnen.
Um kurz vor sechs erhascht man noch schnell den Einkaufkorb um den Laden noch vor Geschäftsschluss zu erreichen. Immerhin braucht man noch etwas zu Abendbrot.

An der Käsetheke wird einem erneut ein Plausch aufgedrängt. Die Ladenbesitzerin, in der dritten Generation, hat Neuigkeiten über Frau Meierhofer. Sie sei gestürzt. Ganz unglücklich. Und nun ist sie ans Bett gefesselt. Der Herr Doktor meine für mindestens zwei Wochen, doch bei Älteren Menschen wisse man ja nie. Der Heilungsprozess sei ja so eine Sache. Den könne man, bemerkt sie, ganz einfach im Auge behalten, denn in der Kirche hätte sie ja ihren Stammplatz. Auf der Frauenseite, dritte Reihe, ganz außen zum Gang hin. Wie schön sie doch singe, dabei noch alles auswendig, alle Lieder des Jahreskreises. Ob sie denn überhaupt noch in der Lage wäre die kleinen Noten und Liedtexte zu lesen? Man dürfe diese erfahrenen Leute niemals unterschätzen.

Man kennt sich eben.

Nach dem Abendessen versammeln sich die Männer beim Stanglwirt. Dem Gasthaus, das schon seit beinahe 100 Jahren von der Familie Stangl geführt wird, erzählt Franz-Xaver Stangl gerne den Interessierten und auch sonst allen. Während die alten beim Schafkopfen und Biertrinken philosophieren trifft sich die Jugend am anderen Ende des Dorfes bei Angelo. Angelo betreibt eine mittelmäßige Pizzaimbiss. Im Sommer hat er auch Eis und zwar solches wie seine Nonna es immer machte. Seine Kunden hören es zwar, es kümmert sie aber nicht. Sie sitzen draußen in Korbstühlen. Wer eines hat, lehnt sich gegen sein Mofa. Man raucht und trinkt Spezi. Das spannendste Thema ist immer das vergangene Wochenende. Tyrone, seine Familie wohnt schon immer hier, hatte was mit Svenja, aus der Hauptstraße, und ihr Freund hat die beiden gesehen. Den rasanter werdenden Ausführungen ist zu entnehmen, dass es in einer großen Rauferei endete. Stolz zeigt man sich die Blessuren: Wenn der Sieger so aussieht, wie muss es dann um dem Verlierer stehen.

Nach zehn verstummen dann langsam die knatternden Rollermotoren.

Beim vorbeigehen sehe ich in einigen Häusern noch Licht brennen. Fernsehbildschirme erzählen Geschichten von der weiten Welt. Sie werden gerne gesehen. Gleichzeitig ist man froh, dass die weite Welt so weit weg ist.

Ihren Gesichtern nach zu urteilen, bin ich ihnen nicht ganz geheuer. Bei Angelo sieht man mich nie. Der Dorfjugend habe ich nichts zu sagen. Sowas wie ein Gespräch findet zwischen uns nicht statt. Ich weiß nicht, ob ich mich verständigen könnte, nannte mich doch mein kleiner Bruder neulich erst P-R-O-I-S-E mit Betonung auf dem O-I. Er fügte noch an, wenn ich kein Preuße sei, dann doch mindestens Baden-Württemberger, sein Running Gag. Mir soll es recht sein.

Ein Mofa habe ich auch nicht, der Stilbruch schlechthin. Ich setze meinen Weg fort. Langsam gehen die Lichter aus. Vor unserem Haus denke ich noch: "Ich will hier weg. Auf der Stelle." Ich sage es zur Bestätigung laut vor mich hin. Erst wie ein Versprechen, dann wie einen Schwur und schließlich als Glaubensbekenntnis.
Kurz vor dem Einschlafen hallt noch einmal das Wort P-R-O-I-S-E durch meinen Kopf.

Tags darauf ist meine Tante zu Besuch. Sie springt auf als ich das Wohnzimmer betrete: "Du glaubst ja gar nicht, was der Frau Meierhofer passiert ist?" Lächelnd setze ich mich und bin in Gedanken schon längst umgezogen. Irgendwohin. Wo man sich nicht kennt.

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30 Antworten

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    Nicht dieser Text ist langweilig, sondern das was er beschreibt: die Realität.
    Ich danke dir für diesen Text, denn ich zähle selbst die Tage, bis ich mein Kaff hinter mir lassen kann. ; )
    o.

    01.06.2009, 17:04 von streetlight
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    Schöner Text, als Leidensgenosse kann ich deine Gefühle nur zu gut verstehen :-)
    Meine Eltern haben mich mit 14 Jahren aus München in ein niederbayerisches Dorf verfrachtet - mir kommt vieles äußerst bekannt vor...
    Aber auch ich bin wie du in Gedanken schon längst umgezogen und körperlich ziehe ich in 2 Jahren auch um - Großstadt, ich komme zurück!

    02.05.2009, 18:33 von Fairytaile
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    ...gelungener Artikel! Der Schluß gefällt mir am besten. Super nachzuempfinden wenn man es selbst erlebt hat. Da kann ich nur sagen: "Nichts wie weg!"

    04.11.2008, 12:33 von sabrina1980
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    Ganz nett, schön geschrieben, aber ich denke, du verlierst dich etwas zu sehr in deinen Dorfmief-Ausführungen und kommst zu spät auf den Punkt worums eigentlich geht. Außerdem sind mir beim Drüberlesen einige Rechtschreibfehler aufgefallen, das stört ziemlich beim Lesen.

    28.10.2008, 11:30 von HisHiasness
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    Genau so ists hier auch. Vll auch i n jedem anderen kleinen Dorf...
    Auch wenn ich das alles so schnell wie möglich hinter mir lassen möchte, ein wenig Angst vor der Anonymität der Großstadt habe ich auch.

    Toller Text!

    27.10.2008, 00:00 von Raketenmartsi
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    oh ja, ich kenne das. nur die stalker-nachbarn, mit der kamera überm tor, fehlen ;-)

    26.10.2008, 21:22 von anni1803
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    kommt mir sehr bekannt vor alles wenn ich so ausm fenster schau :)

    26.10.2008, 00:33 von rOqz
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    Beim lesen musste ich echt schmunzeln...
    Bin größtenteils in nem achthundert Seelendorf aufgewachsen u du beschreibst es sehr treffend wie es dort so ist bzw. sein kann.
    Find den Text gelungen u mich drin wieder!!! =)

    24.10.2008, 15:43 von _mona_
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    So ist es bei mir daheim auch! :)
    Ein Supermarkt, eine Apotheke, ein Italiener, eine Tankstelle,die Isar die durchs Dörfchen läuft, ein Lokal wo die Männer immer hingehen und die Kirche. Wohn schon seit längerem jetzt in München und mir fehlt das alles sehr obwohl ich dort immer der Außenseiter war!

    24.10.2008, 15:23 von Yram-nna
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