Garmonbozia 19.05.2011, 11:32 Uhr 5 10

L'essentiel est invisible pour les yeux

Max wählt ihre Nummer, sodann warten wir gespannt auf ein Lebenszeichen am anderen Ende der Leitung und siehe da: da lebt was!

."Hallo! Ist die Andrea zu sprechen?"
Pause.
"Hmm, wer ist denn da?"
Pause.
"Ah, tut mir leid, verwählt! Ciao!"
Max entfernt sein Handy von seinem schmalzigen Ohr, wischt einmal kurz mit dem Wollpulli übers Display und tut kund: "Also Björn, sie heißt offensichtlich Steffi."
Steffi also! Während mein Gedächtnis weiterhin auf Sparflamme läuft, ändere ich den Namen in meinem elektronischen Telefonbuch. Mir schwant Übles.

Unter der Dusche habe ich immer die genialsten Eingebungen. Dort schoss mir auch gestern der Gedanke, Max als Informationsbeschaffungsinstrument zu missbrauchen, durch den Kopf. Eben habe ich beschlossen, heute Abend ausnahmsweise meine Brille auf der Nase zu lassen, wenn ich mit Steffi "was trinken gehe". Ich möchte in der heißen Phase meinen Augen hundertprozentig trauen können, weil mir ja Übles schwant. Das mit dem "was trinken gehen" war Steffis Vorschlag. "Was trinken gehen" sei supi, weil man sich da ausgiebig unterhalten und demzufolge näher kennenlernen könne, leider habe ich nicht widersprochen, obwohl derzeit meines Wissens einige tolle Filme mit interessanten Frauen im Kino laufen.

"Ich fahre nach München und treffe mich mit Christian und Hannes!"
Kein Bock auf Fragestunde. Die Wahrheit, nämlich, dass ich mich mit einer Dame treffe, die der betrunkene Björn letztes Wochenende in irgendeiner schäbigen Großraumdisko beinahe aufgefressen hätte, wäre für meine Mutter nur wieder Anlass gewesen, in der Ferne den wunderschönen Klang wunderschöner Hochzeitsglocken zu vernehmen. Dabei sind es lediglich vage Gedankenfetzen, welche sich in meinem Kopf zu einem allenfalls verschwommenen Bild Steffis zusammensetzen und mich Übles schwanen lassen. Aber vielleicht täusche ich mich, vielleicht stellt sich das Bild einer rothaarigen Profifußballerin im Nachhinein als böser Lausbubenstreich meines Gehirns heraus, ganz auszuschließen ist das nicht, also mache ich mich schnurstracks auf den Weg in Richtung Gewissheit. Es existieren ja auch hoffnungslos optimistische Leute, die Lotto spielen.

Kranker Scheiß! Mit Sehhilfe ist die Welt tatsächlich verteufelt scharf. Überall kleben hier mit Bedacht kombinierte Schriftzeichen an den Wänden, Schriftzeichen, die regelrecht darum betteln gelesen zu werden. "Bei Schwarzfahrern sehen wir rot." Ahso, mal gucken, abgestempelt, tatsächlich, juhu - welch wohliges Gefühl, abgestempelt zu haben. "Wenn Sie das lesen, haben wir einen guten Job gemacht." Ha, gratuliere! Ui, da drüben hat jemand einen ejakulierenden Penis an den Mülleimer gekritzelt, wahrscheinlich entsorgt die alte Greisin mit den monumentalen Ohrläppchen deswegen nicht ihren Pfirsichkern.
Da in Australien bereits die Sonne scheint, kann ich mein Antlitz problemlos im Fenster rechts neben mir beobachten. Meine Haare habe ich vorhin mehr als nachlässig gestylt, sonst markiere ich stets den Zwangsneurotiker und widme mich jeder Strähne einzeln, doch heute erscheint alles nicht so wichtig, heute muss man nicht verbissen versuchen, alles aus sich herauszuholen, heute darf man auch mal auf den Schein pfeifen und einfach nur sein, denn die Steffi, naja, die ist vermutlich der personifizierte Höhepunkt dessen, was mir der betrunkene Björn bisher angetan hat. Gleichwohl hat schon vor Stunden eine gleichsam unbegründete sowie monoton steigende Nervosität Besitz von mir ergriffen. Aufgrund dessen entschied ich mich auch dafür, eine S-Bahn früher zu nehmen, damit ich vor dem gnadenlos näher rückenden Stelldichein noch eine supercoole Entspannungszigarette unbehelligt in die kalte Luft blasen kann. Als Treffpunkt wird nachher der Hugendubel fungieren, ich wollte das so, weil das Gros der Menschen Buchläden erfahrungsgemäß großräumig umschlendert - man muss ja das Entdeckungsrisiko nicht unnötig erhöhen, wenn einem Übles schwant

Ach du lieber Himmel! Ist die rothaarige Profifußballerin, die sich da vorm Hugendubel eine Sheepworld-Postkarte zu Gemüte führt, wirklich Steffi? Ach du lieber Himmel! Sie ist es. Während ich mich bedächtig von hinten heranschleiche und meine Fluchtgedanken des Anstandsgefühls wegen mit aller Kraft beiseite schiebe, notiere ich gedanklich folgende Verhaltensregel in einen zauberhaft verbrämten Merkkasten: "Sollte dir mal Übles schwanen, dann lass es sein und bleib im Warmen." Ich begrüße Steffi mit einem entzückenden "Na du!"

Im Sausalitos. Selbst an einem Montag Abend verschwenden hier beachtlich viele Menschen ihre wertvolle Lebenszeit, zu meiner Erleichterung kommen mir jedoch sämtliche anwesenden Fratzen reichlich unbekannt vor, überdies ist das Licht angenehm gedämpft und unser Plätzchen im äußersten Eck ein absoluter Volltreffer. Mein Ich hat indessen schon längst meinen Körper verlassen und verbringt nun eine herrliche Zeit unter Palmen auf diesem palmenförmigen Dings in Dubai. Nur gelegentlich, derweil Steffi ein Laberbombardement nach dem anderen abfeuert, souffliert es meiner Fleischhülle in München kurze, affirmative Bemerkungen wie "ja", "krass" oder "mmhmm". Während ich am Strand mit meinem zuckersüßen Cocktail in der Hand den Blick lässig nachdenklich gen Horizont richte, höre ich die erboste Stimme meines Gewissens: "Was ist nur aus dir geworden? Ein verdammtes oberflächliches Arschloch! Lieber lässt du hier den Lebemann heraushängen, als dieser sympathischen Person im Sausalitos den gebührenden Respekt zu erweisen. Und warum das alles? Nur weil sie einer rothaarigen Profifußballerin ähnelt. Du hast sie gar nicht verdient, du moralisch korrumpierter Bastard!" Ich erschaudere ob dieser Vorwürfe, keine Frage, trotzdem kehre ich nicht nach München zurück, da ich meinem Gewissen in einem Punkt ohne auch bloß den Hauch eines Zweifels zustimme: DIESE Frau habe ich wahrhaftig nicht verdient.

Die Abschiedsszene. Normalerweise hasse ich das! Solche Szenen haben meist mit einer uferlosen Erwartungshaltung zu ringen, so dass wirklich schon extrem gute Darsteller vonnöten sind, damit die Einstellung einigermaßen natürlich wirkt. Heute gestaltet sich der Schmarrn jedoch ziemlich einfach: ein "ciao" und weg.

Eine SMS: "War schön heute! Aber: warst du neulich arg betrunken oder bist du nüchtern nur ein bisschen schüchtern??? Freu mich aufs nächste Mal! LG, Steffi"
Verwirrung breitet sich aus. Den ganzen Abend war ich geistig abwesend und habe nicht das Geringste von mir preisgegeben, gleichwohl freut sich Steffi "aufs nächste Mal". Keine Ahnung - irgendwie oberflächlich.

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5 Antworten

Kommentare

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    ..was das schöne zitat aus dem kleinen prinzen nun mit deine story zu tun hat ist mir nicht ganz so klar...schlechtes date, schade um den guten burger aus dem saussa:-P

    24.05.2011, 13:45 von kiwicat
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    Sicher kein Zufall, daß der Text in der Rubrik "Erwachsen werden" zu finden ist...schwierig...








    20.05.2011, 13:22 von volltrottel
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    "...gleichwohl freut sich Steffi "aufs nächste Mal". Keine Ahnung - irgendwie oberflächlich." - genau wie dieser Text, finde ich...

    20.05.2011, 10:54 von topfbluemchen
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    Ich mags. Beschreibt alles, was ein schlechtes Date ausmacht: Treffpunkt Hugendubel am Marienplatz, Sausalitos, geistige Abwesenheit des einen, übertriebene Erwartungshaltung des anderen UND rote Haare.

    19.05.2011, 12:56 von Claud187
    • 0

      @Claud187 Dh. dann wohl man muß schlechte Dates haben, um Teil der Affirmationswelle zu werden. Das ist dann wie "lieber blöd und einsam statt allein".

      No.

      19.05.2011, 15:46 von Beatnick
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    Irgendwie ist das jeden Tag dreimal derselbe Text von dir. Bißchen wie "Dauerausflippen" in der Emodisco.

    19.05.2011, 12:09 von Beatnick
    • 0

      @Beatnick Wobei der hier maln bisschen flüssiger ist.

      19.05.2011, 12:21 von quatzat
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