SteveStitches 02.12.2012, 16:22 Uhr 2 2

Kulturelle Differenzen

Oder wie die Amerikaner von Osama Bin Ladens Versteck erfuhren.

Afghanistan. Ein Paschtune und sein dreizehnjähriger  Sohn besteigen einen Berg um auf der anderen Seite, im Rücken eines Amerikaners, einen amerikanischen Schützengraben ins Visier zu nehmen.

Sie haben Stellung bezogen, der Vater will den Abschuss filmen, sein Sohn legt mit dem Scharfschützengewehr an, eine russische Dragunow mit zehn Schuss / á 7,62mm Geschosse. Sie sind etwa einen halben Kilometer vom beweglichen Ziel, GI Bob Doyle Lanzson entfernt.

Es ist eine Art Initiationsritus, bei dem der Sohn zum Mann wird, in dem er einen Ungläubigen tötet.

Die Kamera läuft deshalb wird das Gespräch aufgezeichnet:

 

V: Hast du ihn?

S: Ja, ich hab ihn, hast du ihn?

V: Jetzt hab ich ihn im Bild und jetzt, …, ist es scharf. Schau, die Gräser neben seinem Stand wehen ein bisschen nach links, das heißt du musst knapp rechts an ihm vorbei halten. Wie besprochen, beim Ausatmen schießen.

S: Was macht er da?

(Sie sehen beide wie Leutnant Bob Doyle Lanzson onaniert) Haben die keine Ziegen?

V: (empört) Nein, wie ich dir schon immer sagte: diese Ungläubigen kennen keine Liebe. Es ist empörend wie er schamlos unsere Heimaterde befleckt.

S: Ich schieß ihm in den Kopf! Ich schieß ihm in den Kopf!

V: Nein, warte.

S: Dieses Schwein, Papa lass mich ihn abknallen!

V: Nein, ich sagte doch Nein!

S: Aber Papa, es ist doch mein großer Tag, es ist doch meine Münze. (Die Taliban geben jedem der einen Amerikaner tötet einen amerikanischen Silberdollar)

V: (Haut dem Sohn auf den Hinterkopf) Bist du jetzt still. So können wir beweisen wie diese ungläubigen Schweine unsere Heimaterde beflecken und ihren Trieben aufs unnatürlichste nachgehen.

S: (Mault) Und was wird aus meinem Hit? (Hit haben sie von den Amerikanern, ein anderes Wort für Abschuss)

V: Den bekommst du noch früh genug, es ist wichtiger, dass wir der Welt zeigen was für unzivilisierte, ekelhafte, triebhafte Teufel diese Amerikaner sind.

S: (beobachtet weiter durchs Zielfernrohr) Der braucht aber lange.

V: Bei dem langen Ding, nur Tiere haben solche Schwänze.

S: Aber fürs Liebe machen soll so was doch gut sein.

V: Stell dir vor unsere Ziege Samra mit so einem Schwanz – das arme Tier!

S: (sie beobachten weiter) Du, Vater?

V: Was, mein Sohn?

S: Ist eine Frau besser als eine Ziege?

V: Eine Frau hat drei Löcher.

S: drei Löcher?

V: Eins um Kinder zu gebären, eins für die Liebe und eins um sich am Samen des Mannes zu kräftigen.

S: Darum warst du schon lange nicht mehr bei Samra.

V: Sohn, ich habe zwei Frauen und deine Mutter.

S: Aber da warst du auch schon lange nicht mehr.

V: (streng) Was willst du damit sagen?

S: Nichts. (schweigend beobachten sie weiter)

Vater, sind wir Taliban oder auf der Seite der afghanischen Regierung?

V: Wieso fragst du?

S: Wenn ich ihn abknalle oder wenn wir eine Aktion gegen die Amis, Deutschen und anderen Besatzer machen für Ehre und Beute, gelten wir als Taliban. Wenn du als Dorfpolizist arbeitest und Geld und Unterstützung von den Amis oder Deutschen bekommst sind wir deren Freunde – was sind wir eigentlich?   

V: Für die einen so, für die anderen so. Wir hoffen nur, dass das Keiner jemals durcheinanderbringt.

S: (glaubt dem Anblick im Zielfernrohr nicht) Oh Vater, was für eine Fontäne!

V: Oh Gott Allmächtiger. Daran erkennst du, dass diese Ungläubigen keine Menschen sind.

S: Deshalb nennt man ihn katschgrhander mit der schmierigen Hand.

V: Ja, vergiss nie die Hände zu waschen wenn du einem Ungläubigen die Hand gereicht hast.

S: Jetzt weiß ich auch warum von dem Amerikaner immer so ein Hühnersuppengeruch ausgeht.

V: Ja, iss nie Hühnersuppe wenn du von einem Ungläubigen dazu eingeladen wirst.

(Sie schweigen wieder, beobachten)

S: Mit was wäscht er seinen Schlauch?

V: Trink nie aus der Wasserflasche eines Ungläubigen.

S: Der wäscht ja sehr gründlich.

V: Ein langes Krummschwert muss lange geschliffen werden. (altes Paschtunisches Sprichwort)

S: Sein Schwert ist kein Säbel mehr!

V: Was? Fängt der jetzt schon wieder an?

S: Sieht so aus.

V: Diese krankhaften Tiere, diese unzüchtigen Waldesel, diese wiedernatürlichen Lurche. Deshalb sei immer auf der Hut, wenn du mit Amerikanern kämpfst: Man sagt diese Amis haben immer noch einen zweiten Schuss im Lauf.

(wieder Schweigen)

S: (frägt vorsichtig) Wieso bist du immer wieder bei der Witwe Madina?

V: Bei der Witwe Madina? Woher weißt … - ich musste etwas reparieren, …, ihr Wasserhahn hat getropft.

S: Aber sie holt doch ihr Wasser auch vom Brunnen?

V: ..äh… ach was red ich denn (lacht entschuldigend) … Feuerholz ich hab ihr Feuerholz gehackt.

S: Aber als Witwe bekommt sie doch gehacktes Feuerholz vom Dorf?

V: (schimpft) Du frägst ja, wie mich die Amerikaner in Guantánamo befragt haben, (vorwurfsvoll) musst du mich an diese schlimme Zeit erinnern?

S: Entschuldige Vater. (sie schweigen, beobachten) Waterboarding, haben sie mit dir auch Waterboarding gemacht?

V: Nein, zum Glück nicht. Zu der Zeit waren gerade Wahlen in Amerika.

S: Was sind Wahlen?

V: Das ist irgend so ein Teufelskram, keine Ahnung – irgend so ein Ungläubigenritus.

Aber glaube nicht, dass ich nicht gefoltert wurde – ich musste Tag und Nacht the Mammas & the Pappas anhören.

S: (schockiert) Mammas & the Pappas – das ist ja schrecklich!

(sie schweigen, der Sohn aus Betroffenheit, der Vater weil  er an die schreckliche Zeit zurückdenkt)

V: Aber weißt du was noch viel schrecklicher war?

S: Nein, Pappa.

V: Puff, the magic dragon! Das wünsche ich niemand, nicht einmal meinem schlimmsten Feind.

(beobachtet, stellt fest:) Jetzt spritzt er normal.

S: Bei dem was er bisher verschossen hat, wundert mich, dass da überhaupt noch was rauskommt. (lacht) Schwarzer Mann – weißer Saft!  

V: Aus diesem Teufelszeug machen sie auch Badita de Coco.

S: Was ist Badita de Coco?

V: Es ist ein teuflisches, milchiges, rauschhaftes, süßliches, leckeres Getränkt.

S: (erschrocken) Lecker? Wieso, schmeckt das nach Hühnersuppe?

V: Nein, es schmeckt total anders, wie Honig und Nuss. (wirkt plötzlich wie verzaubert oder verträumt) Wie schokobraune Mädchen, die am Strand aufreizend ihre Hüften schwingen.

S: Was ist ein Strand?

V: Wie eine tropische Sommernacht mit einer rassigen Latina.

S: Was ist tropisch und was ist eine Latina, meinst du Latrine?  

V: (löst sich aus dem Zauber seiner Gedanken, wird wieder ernst und väterlich kommandierend) Komm wir gehen, der Mann vom Berg (Bin Laden) wird sich über diese Aufnahmen freuen und sie an Al Jazeera schicken, damit sie in der ganzen Welt Beachtung finden.

 


(Auf dem Weg ins Dorf werden sie von einem Platoon überrascht, der Sohn kann fliehen, der Vater, der Scharfschützengewehr und Kamera trägt, kommt ins nächste US-Militärcamp. Ein Dolmetscher kommt und spricht mit dem Bärtigen, einer der Soldaten probiert die Kamera aus:)

 


V: Ich werde euch niemals verraten wo sich unser geliebter Führer Osama Bin Laden aufhält. Auch nicht wenn ihr Puff the magic dragon spielt.

GI 1: Du Johnson, haben wir Puff the magic dragon?

GI 2: Hm, hab eine Kassette von meinem Sohn, ich glaub da is es drauf.  

GI 1: Hol mal.

 

     

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2 Antworten

Kommentare

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    schöne Gratwanderung zwischen Sarkasmus u Ironie.

    21.12.2012, 13:07 von sheila88
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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