unfinished2008 28.07.2008, 11:24 Uhr 4 1

Krebs bekommen immer nur die anderen

Sie müsse auch gleich wieder in die Klinik, sagt meine Mutter. Ich bin schockiert, ich bin traurig, ich bin wütend. Warum gerade jetzt, denke ich.

„Es ist Krebs!“, lautet die Aussage meiner Mutter am Telefon, nachdem sie die Ergebnisse der Gewebeproben erhalten hat. Krebs, wieso Krebs, denke ich fassungslos. Krebs bekommen doch immer nur die anderen. Meine Gedanken drehen sich wie ein Karussell. Mein Leben steht Kopf. Ausgerechnet meine Mutter. Ich bin wie betäubt, bin sprachlos. Ich versuche meiner Mutter Mut zu machen, es herunter zu spielen. Tatsächlich habe ich Angst. Unbeschreibliche Angst sogar. Ein buntes Spektakel erschreckenster Bilder zieht an meinem geistigen Auge vorbei.
Sie müsse auch gleich wieder in die Klinik, sagt meine Mutter. Ich bin schockiert, ich bin traurig, ich bin wütend. Warum gerade jetzt, denke ich. Und dann wieder, warum nicht jetzt. Es wäre immer furchtbar. Dennoch bin ich erbost über den Lauf der Dinge und finde, die Ironie des Schicksals treibt ihr makaberes Spiel auf die Spitze: Unter meinem Herzen wächst ein Kind heran und meine Mutter wird nach dieser Operation nie wieder Leben schenken können.

Zwei Tage vergehen, dann wird sie operiert. Ich laufe durch den Tag, wie Falschgeld. Ich versuche mich durch Uni und Arbeit abzulenken. Gelingen will es nicht. Die Gedanken kreisen ständig nur um meine Mutter. Am Tag der Operation kann ich weder essen noch schlafen. Lange dauert sie, die OP. Das Warten macht mich wahnsinnig. Das Kind in meinem Bauch aber, arbeitet für mich. Es zwingt mich zur Ruhe und gibt mir in diesen Stunden die Kraft, die ich so dringend brauche.
Als ich später endlich auf die Intensivstation darf, liegt meine Mutter da und ich erkenne sie kaum wieder. Nie zuvor sah ich meine Mutter so schwach, so erschöpft. Fast leblos.
Ich muss bitterlich weinen, als ich das Krankenhaus verlasse. Die weiße Rose trage ich abermals in meiner Hand. Blumen seien auf der Intensivstation nicht erlaubt. Dort ist einfach kein Raum für solch schöne Dinge, denke ich.

Die Tage verstreichen. Langsam, aber sie tun es. Jeden dieser Tage verbringe ich Stunden im Krankenhaus. Der Tee dort schmeckt bitter und die Atmosphäre nimmt einem die Luft zum Atmen. Meiner Mutter geht es nur langsam besser. Sie versucht stark zu sein. Für mich und für das Baby. Aber ich sehe, wie sehr sie sich quält. Sie isst kaum und das Schlafen fällt ihr schwer.
„Du musst nicht immer stark sein.“, sage ich schließlich zu ihr. Ich weiß, was ich damit von ihr verlange. Spüre ich doch zur gleichen Zeit im eigenen Leibe, dass man für sein Kind stets stark sein möchte.

Die Tage vergehen und meine Mutter nimmt sich meine Worte zu Herzen. Langsam wirkt sie weicher, denke ich. Der Tonfall, der zahllose Male zum Ausdruck brachte, dass sie alles im Griff habe, ist verschwunden. Sie sagt mir, dass auch sie große Angst hatte. Ich bin erleichtert.

Nach einer Woche ist dann endlich der Befund da. Keine Metastasen im Körper und Krebs im ersten Stadium. Sie hätte Glück im Unglück gehabt. Meine Mutter weint, ich weine auch.

Nun steht Weihnachten vor der Tür und meine Mutter kann nach Hause. Noch nie bin ich zu Weihnachten so reich beschenkt worden. Meine Mama ist daheim. Meine Mama wird gesund. Meine Mama lebt.

Wir haben viel gelernt aus diesem Einschnitt in unser beider Leben. Ich habe realisiert, dass meine Mutter nicht ewig da sein wird. Dass sie sterblich ist. Die Angst davor ist nicht mehr ganz so groß. Ich bin ruhiger geworden. Weiß jetzt, dass ich stark sein kann.
Auch meine Mutter hat viel über sich gelernt. Sie hat verinnerlicht, dass sie nicht immer stark sein muss. Sie hat einen großen Teil der Angst davor verloren, schwach zu sein. Sie wirkt entspannter. Es geht ihr besser.

Zwischen all diesen Ängsten und Emotionen ist jedoch ein Gedanke ganz besonders wichtig für mich geworden: Der Krebs meiner Mutter hat einmal mehr bewiesen, dass die Zeit im Leben zu kostbar ist, um sie mit dem zu vertun, was einem nicht gut tut. Wissen wir doch alle nicht, wie viel dieser Zeit uns gegeben ist.

Denn schließlich bekommen Krebs nicht immer nur die anderen.

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4 Antworten

Kommentare

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    Genau die gleiche Situation hatte ich kürzlich und ich weiß auch noch nicht ganz, ob wir es alle geschafft haben, gut damit umzugehen. Aber ich wünsche dir und deiner Familie ganz viel Kraft, auch wenn die Geschichte schon etwas länger her ist.

    20.08.2010, 15:15 von Stefania2703
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    scheiß krebs ey!

    02.10.2008, 21:13 von Bembelbabe
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    ich musste ähnliche erfahrungen machen, nur gingen die leider nicht so "gut" aus wie bei deiner mama ...
    nutzt eure gemeinsame zeit kann ich da nur sagen!!

    28.07.2008, 11:45 von Nrob
    • 0

      @Nrob Das tut mir sehr leid für dich :-(

      03.08.2008, 20:34 von unfinished2008
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    Da bekommt man Tränen in die Augen beim lesen.
    Macht mir wieder einmal klar, wie wichtig die Eltern sind, und das man sich öfter Zeit für sie nehmen sollte.

    28.07.2008, 11:45 von Tanea
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