Kernkeule
...und wird sich gewahr
Es ist 21.56 Uhr an einem Dienstag in Saluda (South Carolina), als die
dreizehnjährige Schülerin Sarah Fuller aus ihrer trauten, Sicherheit
gebenden Bettstatt stürzt und in einen abyssalen Traum taumelt.
Allgewaltige
Dunkelheit umgibt das auf dem Rücken liegende Mädchen, welches
verzweifelt versucht, sich aufzurichten. Ohrenbetäubend tosender Sturm
jedoch drückt ihren nackten Leib in den moosigfeuchten Untergrund, lässt
ihre Haut prickelnde Wellen schlagen und ihre Haare wie einen
Fliegenden Teppich schweben. Ranken schießen aus dem Grund, umschlingen
Sahras Hand- und Fußgelenke sowie ihren Hals und krallen sich daran
fest. Sie stößt spitze Schreie aus, die im wilden Getöse allerdings
untergehen.
Der Sturm peitscht das Mädchen eine gefühlte Ewigkeit
mit mumifiziertem Laub, bevor er endlich nachlässt und dem Knistern der
Atmosphäre den Vortritt gewährt. Zwielichtiger Frieden durchwebt nun
die Dunkelheit. Sarah windet sich noch, ergibt sich aber letztendlich
ihren Rankenfesseln, beruhigt sich und lauscht gespannt dem
modulierenden Knistern in der Luft. Sie nimmt über ihre Fingerspitzen
herannahende Vibrationen wahr und öffnet vorsichtig ihre Augen. Das
Mädchen erkennt in der Dämmerung eine gesichtslose, schwarzglitzernde
Gestalt, die sich über sie beugt und eine geschlossene Faust in Höhe
ihres Herzens hält.
Mit verschüchterter Faszination fragt Sarah "Was bist du?".
Eine sanfte, tiefgrollende Stimme entweicht der wundersamen Gestalt. "Ich bin enttäuscht! Total enttäuscht!"
Noch
bevor sie Worte des Mitgefühls aussprechen kann, öffnet das Wesen seine
Faust und lässt rotglimmernde Partikel auf die Brust des Mädchens
regnen. Diese verteilen sich kitzelnd auf ihrem gesamten Körper, was
Sarah vergnügt aufquieken lässt.
Sie muss unweigerlich an
Feenstaub denken und fragt sich amüsiert, ob sie wohl in eine strahlend
schöne Prinzessin verwandelt wird.
Dass dem nicht so ist, bemerkt
sie, als der Staub in ihre Poren eindringt und mit dem Fressen ihrer
Hautschichten beginnt. Unter Sarahs Kreischen und Gezappel bahnen sich
die Sporen Blutschneisen durch Haut und Fleisch, die schlussendlich ihre
Gebeine freilegen.
Mit einem zufriedenen Grunzen legt sich nun
die schwarzglitzernde Gestalt auf den zerfurchten, blutüberströmten Leib
des Mädchens und taucht alles in erneute allgewaltige Dunkelheit.
Zur
gleichen Zeit erwartet im Rockview Staatsgefängnis bei Bellefonte
(Pennsylvania) der vierundvierzigjährige Landmaschinenvertreter Timothy
Plant gelassen seine Hinrichtung durch letale Injektion.
Er ist auf der Bahre fixiert und die Venenverweilkanülen sind gelegt. Vier Minuten noch bis zum ewigen Schlaf.
Timothy
tut das, was er jede Sekunde dieses zehn Jahre dauernden Tages tat. Er
denkt an seine Königinnen und die räudige Hündin einer Ehefrau, Laura,
die ihm das alles hier eingebrockt hat. Und an Deirdre.
Laura.
Alles nur ihretwegen. Als er beruflich noch landesweit unterwegs war,
fiel es ihm natürlich leichter, die jungen Mädchen zu Königinnen zu
machen und dann zu entsorgen. Er tingelte ja ständig mit dem Van von
Bundesstaat zu Bundesstaat. Alles lief unkompliziert bis Laura mit
Deirdre schwanger ging. Timothy spielte zwangsläufig den braven
Familienvater und arbeitete nun als Verkäufer bei der ortsansässigen
John Deere Filiale, um in der Nähe seiner Frau und Tochter sein zu
können. Er wurde abstinent, fühlte sich seiner Freiheit
beraubt, schrie innerlich und wurde immer unleidiger. Nur Deirde gab ihm
Frieden, wenn er sie in seinen Armen hielt. Und so kümmerte er sich in
jeder freien Minute liebevoll um seine Prinzessin, was seine Frau mit
einer Mischung aus Eifersucht und Glück wahrnahm.
Kurz nach
Deirdres zweitem Geburtstag fuhr Laura mit ihr über das Wochenende zu
Freunden. Es war schon später Samstag Nachmittag, als das alte, unstillbare
Verlangen Timothy harsch übermannte und er sich mit dem Wagen in die
Stadt aufmachte, um sich in der Nähe von Spielplätzen auf die Lauer zu
legen. Er musste nicht lange warten, bis ihm ein fröhlich tippelndes,
blondes Mädchen auffiel, das alleine auf dem Weg nach Hause war. Er
folgte ihr unauffällig. Keine Menschenseele war sonst zu sehen, die
Sonne verschwand langsam hinter den Häusern und das Mädchen ruckartig in
Timothys Van.
Und so verbrachte er das geknebelte und gefesselte
Mädchen in seine Scheune. Er hätte genügend Zeit für die royale Vereinigung und die anschließende Entsorgung. Dachte er.
Timothy legte sie sachte auf den kalten Betonboden, da er erst einmal
das Gästebett aufbauen musste. Er hob die zitternde, tränenüberflutete
Elfjährige auf das Bett, holte sich ein Teppichmesser von der Werkbank
und schnitt ihr vorsichtig das Kleid und die Unterwäsche vom Körper.
Streichelte ihr über den Hals, massierte ihr die marginal vorhandenen
Brüste, küsste ihre Oberschenkel. Spulte sein Verwöhnprogramm ab.
Und dann ging alles ganz schnell.
Laura erwischte ihn, als er das Mädchen hinterlings zu seiner Königin machte. Deirde schlief glücklicherweise im Kindersitz
des Autos der Mutter. Timothy reagierte schnell, griff sich die Axt über
der Werkbank, holte seine flüchtende Frau ein und zerspaltete ihren Hinterkopf. Er erwürgte das Mädchen, entbettete es in eine Kühltruhe und hackte Laura in handliche Teile. Der Geschmack ihres Blutes gefiel ihm. Rosen und Tomaten düngte Timothy dann mit den Stücken seiner
Frau und erzählte der Polizei und Deirdre eine abstruse Geschichte über das
Verschwinden seiner Frau.
Natürlich glaubte man ihm nicht.
Natürlich fand man die beiden Leichen auf seinem Grund. Und natürlich
konnte man ihm durch DNA-Abgleich vierzehn weitere, bisher unaufgeklärte
Morde anlasten. Man nahm ihm sein Kind und gab es in die
Hände einer Pflegefamile.
Timothy versuchte über seinen Anwalt
herauszufinden, wo seine Deirdre steckte, ob es ihr denn gut ginge. Er
hat in den zehn Jahren nie wieder etwas von ihr gehört. Und das ist das
einzige, was an ihm nagt.
Er bereut, dass er seine geliebte
Prinzessin nicht mehr zu seiner Königin machen konnte. Sicher, er ließ
sie seinen Geist kosten. Sicher, er tunkte seinen Indexfinger in ihre
zweifache Unschuld, schmeckte sie. Jedoch musste sie noch einige Jahre
reifen, um seinen Ansprüchen zu genügen. Alles vorbei.
Enttäuschung
macht sich in Timothy breit, weil Deirdre offensichtlich nicht im
Zuschauerraum zugegen ist, um sich von ihm zu verabschieden. Er seufzt
laut auf, sagt dann nichts mehr.
Nun ist es 22.00 Uhr und die
dreistufige Tötungsprozedur beginnt. Timothy wird schnell in tiefe
Bewusstlosigkeit geschubst, seine gesamte Muskulatur wird gelähmt, er
beginnt zu ersticken und letztendlich stoppt sein Herzschlag. Sein
letzter Gedanke trägt den Namen seiner Tochter.
Es
ist 5.07 Uhr an einem Mittwoch in Saluda (South Carolina), als die
dreizehnjährige Schülerin Sarah Fuller von der über ihre Augenlider streichelnde Sonne geweckt wird. Das zerzauste, benommen wirkende Mädchen
streckt sich, tritt kraftlos die schweißfeuchte Bettdecke beiseite und
setzt sich seufzend auf.
Herzhaft gähnend lässt Sarah ihren
müden Blick durch ihr Zimmer wandern. Poster von einem Milchbubi namens
Justin und einer nuttig aussehenden Göre, Miley, an der mintgrünen Wand
links ihres Bettes. Auf ihrem Nachttisch liegen Kopfhörer, ein
schwarzglänzendes Frühstücksbrett und ein zu dessen Design passender
Glasuntersetzer. Eine pinkfarbene Westerngitarre in der rechten
Zimmerecke.
Die Blase drückt, also steht das blonde Mädchen
murrend auf und tapst etwas unbeholfen an der Anrichte vorbei, die von
allerlei Plüschgetier und Fotos ihrer Eltern besetzt ist, Richtung
Zimmerausgang.
Endlich im Bad angekommen, schält sich Sarah
erstmal aus ihren am Körper klebenden Trägerhemd und Slip, um sich dann
zu erleichtern. Vor dem Spiegel hält sie jedoch inne und vergisst sofort
den Druck ihrer Blase.
Mit angeschrägtem Kopf und hochgezogenen
Augenbrauen betrachtet sie ihren asthenischen Körper. Sie streicht an
ihrem Hals entlang, massiert ihre kleinen Brüste, kratzt sicht sanft mit
dem Fingernagel über ihren Freudenknopf, was leichte, prickelnde
Stromstöße in ihrem Unterleib auslöst.
Dann taucht Sarah in ihre
vor langer Zeit geraubte Unschuld, ertastet ihre schlüpfrige Wärme und
steckt den benetzten Zeigefinger in ihren Mund. Ihre Zunge umspielt den
Finger, sie saugt an ihm, schmeckt sich und wird sich gewahr...
Ein lüsternes Grinsen wischt die Jugend aus dem Gesicht des Mädchens.
...und wird sich gewahr:
"Deirde!"



Kommentare
uff.
03.02.2013, 17:49 von mo_chroimag ich triffts zwar nicht, aber echt gut geschrieben und ich will ihn wiederfinden, also herz.
15.08.2012, 16:09 von halbkindmfDanke dir :D
15.08.2012, 16:11 von Die.sass.daAls ich Deidre und Landmaschinenverkäüfer las, mußte ich sofort an John Deere denken, seltsame Verknüpfung.
07.08.2012, 06:55 von TaneaÜberraschend war das jetzt nicht, aber trotzdem gut geschrieben und gute Idee.
06.08.2012, 12:03 von wordmageLieben Dank dir! :)
06.08.2012, 15:31 von Die.sass.daBitte sehr.
07.08.2012, 20:23 von wordmageEins wollte ich noch anmerken: Ich finde das Wort "Freudenknopf" unsäglich umständlich und sehr unpassend. Vielleicht fällt dir ein anderes Wort ein, das man eher von einer 13jährigen erwartet.
Ja, verstehe dich. Habe ich aber mit Bedacht gewählt, da Timothy ja jetzt langsam das Kommando übernimmt. Und der hat dieses Wort sicher in seinem Sprachgebrauch.
08.08.2012, 08:51 von Die.sass.daWas wäre denn dein Vorschlag?
Mir ging etwas mit "Perle" durch den Kopf. Ja, wie sagt man denn heutzutage so dazu??
08.08.2012, 23:22 von Mrs.McHJa, Perle, Klitze, Knöpfchen...wäre mal was für "Neon Täglich", hm? :D
09.08.2012, 08:49 von Die.sass.daWohl eher für den Wortschatz. Ich glaube aber nicht, dass sie das drucken würden. Ich habe bisher übrigens immer nur Klit gesagt...aber naja, bin ja kein Slangmensch.
09.08.2012, 09:41 von wordmagesehr interessant
06.08.2012, 10:09 von FrauTinaDanke dir! :)
06.08.2012, 15:31 von Die.sass.daWow!
06.08.2012, 09:38 von LeyluraLegbreakerFreu mich sehr! Danke! <3
06.08.2012, 15:31 von Die.sass.daMehr als ein Herz kann ich am frühen Morgen noch nicht hergeben. Es bringt zum Ausdruck, dass ich mich sehr freue: endlich mal wieder eine nicht allzu kurze Kurzgeschichte, in der etwas passiert. Später gerne mehr ;-)
06.08.2012, 06:40 von Mrs.McHDanke dir ganz herzlich, liebe Mrs.!
06.08.2012, 15:30 von Die.sass.daDachte, die Geschichte wäre immer noch zu lang, aber noch mehr stutzen konnte und wollte ich nicht. Hab ja schon mehr als ein Drittel rausgeschmissen :D
Freut mich, dass sie dir gefällt und dass die Länge scheinbar passt! Danke! :)
Ich gehöre nicht zu denen, die ein generelles Problem mit Textlängen haben, da ich meine, ein Text ist so lange, wie er eben sein muss. Insofern bin ich wohl leider kein Maßstab. Es sind 1250 Wörter, für einige Neonleser AKA Textfresser, tatsächlich zuviel. Aber: egal!! Ich mag übrigens, dass er in den USA spielt, ist mal was anderes.
07.08.2012, 07:37 von Mrs.McHHab auch kein Problem mit langen Texten, aber kann schon verstehen, dass manche Neonleser auf der Arbeit, wenn sie mal Leerlauf haben, nicht unbedingt mehr als ein paar hundert Wörter lesen möchten. Daher kürze ich dann teilweise auch schon mal mehr als die Hälfte weg (wie bei "Wespen"). Und manchmal wirds so rumpelig, dann ärger ich mich schwarz und füge wieder ein paar Sachen ein (wie bei "Wespen"). Bin da sehr impulsiv :D
07.08.2012, 09:07 von Die.sass.daUSA passte halt gut wegen der Todesstrafe und weil es ja eine Fortsetzung geben soll, die im Bereich der "Beauty Pageants" spielen soll. Timothy/Sarah/Deidre hat ja noch einiges zu erledigen, Und das Kannibalismusthema möchte ich auch gerne noch ein bisschen erforschen :D
Witzig... hatte ich auch was im Sinn, als ich von dieser Story in Florida hörte, wo der eine dem anderen im Drogenwahn das Gesicht abgesfressen hat. Stichworte: Kroks/Krokodil (die neue Droge) oder CloudNine.
07.08.2012, 20:32 von Mrs.McHBin zu müde zum gescheite Links raussuchen, sorry...
ja, mach das mal, schön abartig ;)
07.08.2012, 20:35 von Mrs.McHBoah! Schreib da ruhig was drüber! In die Richtung wollte ich ja nicht gehen. Aber das ist ja heftig.!
08.08.2012, 08:57 von Die.sass.daDanke für den Link :)
Hahaha. Ja, das ist echt abartig mit den kleinen Dingern da.
Ich kann gerade nüschts schreiben... funzt nix :-/
08.08.2012, 23:20 von Mrs.McHJaaa, das kenn ich! :(
09.08.2012, 08:50 von Die.sass.daAber das kommt ja auch wieder