Surecamp 24.05.2012, 09:22 Uhr 102 36

Katzenzungen

Freundschaften

Steven hatte blonde Haare, er war schmächtig, groß und ungelenk.

Stevens Eltern hatten sich scheiden lassen. Seine Mutter war in unser kleines Mistdorf gezogen und hatte ihre drei Söhne mitgenommen.

Steven war der Älteste. 


Natürlich suchte er Anschluss, gab sich Mühe und wollte schon in der ersten Pause mit uns Jungs auf dem Schulhof spielen. Er war freundlich, erzählte von seiner alten Schule, seinen alten Freunden.
Ich glaube, es dauerte keine Woche bis wir ihn das erste Mal verprügelten. Er war nicht stark, aber auch nicht so schwach, dass man sich schämen musste, einen Schwächling zu verprügeln.
Wir verprügelten ihn fast jede Pause. Mal alle zusammen, mal nur einer von uns - während die Anderen Steven festhielten. 


Einen Grund für unsere Aktivitäten hatten uns die Erwachsenen im Dorf schon früh vorgelebt und so erklärten wir ihm oft nach der Pause, nachdem es geklingelt hatte und alle anderen Kinder wieder im Gebäude waren, dass er doch verstehen solle, es läge an seinem Nachnamen und da dieser ja ausdrücke, dass er unmöglich deutsch sein könne und wir ihm eben die Fresse polieren mussten.
Steven verstand das nicht, er lag heulend auf dem Boden und schrie laut "Aber ich bin doch Deutscher!"

Anfangs wehrte er sich noch - oder versuchte es - aber nach ein paar Wochen wurde es zur Normalität, dass wir ihn in fast jeden Tag verprügelten. Wenn wir von einem unserer großen Brüder einen neuen Karate Film auf VHS gesehen hatten, probierten wir die Kampftechniken, die wir gesehen hatten gleich am nächsten Tag aus - an Steven.
Steven ging nicht zur Lehrerin. Denn trotz der ganzen Scheiße, gab er die Hoffnung nicht auf, dass er unser Freund werden könnte. 


Es gab auch Pausen, in denen wir uns ganz normal mit ihm unterhielten, ihn nach seiner alten Heimat und besonders nach seinem Vater ausfragten, der ja die Familie verlassen hatte. Wir fanden das unglaublich witzig, weil wir sowas nicht kannten, dass sich Eltern scheiden und verlassen.
Aber jedes Mal wenn er glaubte, dass er zu uns gehören würde, verprügelten wir ihn wieder: In der Schule, im Schulbus oder auf dem Weg von oder zur Bushaltestelle.
Wir zogen ihn an seinem Schulranzen die Straße entlang oder warfen seine Hefte über irgendwelche Hecken in fremde Gärten und er musste mit seinem verheulten Gesicht bei den Leuten dort klingeln.

An einem Morgen in der Schule erzählten wir ihm, dass ich Geburtstag hätte - was eine Lüge war. Wir sagten ihm, dass meine Eltern am Nachmittag eine Geburtstagsparty bei uns im Garten veranstalteten und dass er auch eingeladen sei.
Als ich mich nach der Schule mit meinen Freunden traf, dachte ich nicht mehr an die angebliche Geburtstagsfeier. Erst beim Abendessen erzählte mir meine Mutter, dass ein Schulkamerad von mir am Mittag da gewesen wäre, mit einem Geschenk, und auf meinen Geburtstag wollte. Sie hätte ihn wieder nach Hause geschickt. Ich musste lachen.


Einmal fragte uns Steven, ob wir ihn nicht mal besuchen wollten. Blöde Idee. Dadurch lernten wir seine zwei kleinen Brüder kennen. Oder sie uns. Der Kleinste war noch ein Baby und bei der Mutter in der Küche. Der Mittlere war vielleicht drei oder vier Jahre alt.
Steven war sehr stolz darauf, dass er Freunde mit nach Hause brachte und stellte uns seiner Mutter vor, die in der Küche saß und Fernsehen schaute. Sie war sehr nett und brachte uns Limonade in Stevens Zimmer, wo wir zusammen mit ihm und dem mittleren Bruder an der Carrerabahn spielten.
Das wurde irgendwann langweilig, also verprügelten wir Steven in seinem eigenen Zimmer, vor den Augen seines Bruders. Der starrte uns erschrocken an, er wusste wahrscheinlich nicht, was da gerade passierte. Er wollte weiter Carrera spielen. Aber wir nahmen ihm die Joysticks ab. Einen Joystick nach dem Anderen. Er fing an zu heulen. Steven heulte auch. Plötzlich kam seine Mutter ins Zimmer und fand ihre Söhne flennend auf dem Fußboden und die drei "Freunde" von Steven, die sich an ihr vorbeizwängten und schnell nach draußen rannten.

Stevens Mutter rief noch am selben Abend die Mutter meines besten Freundes an und beschwerte sich über uns. Mein Freund bekam großen Ärger - den wir am nächsten Tag wieder an Steven ausließen. Nun hatten wir ja einen weiteren Grund, ihn zu vermöbeln. Steven war sich sicher, dass er durch seine verräterische Aktion großen Unmut bei uns gestiftet hatte.
Also versuchte er am folgenden Nachmittag es wieder gut zu machen, in dem er eine Packung Katzenzungen - diese ovalen Schokoladenteilchen - vor die Haustür meines Freundes legte. Mit einer Nachricht, dass es ihm leid tat und er unser Freund sein wolle.

Mein Freund und ich aßen die Katzenzungen und gingen mit der leeren Packung zu Steven. Wir riefen auf der Straße seinen Namen, bis er aus dem Fenster schaute. Vor seinen Augen warfen wir die leere Packung in eine Mülltonne, sagten ihm, dass er seine Billigschokolade behalten könne und verschwanden.

An einem Sommertag lief es aus dem Ruder.

Wir waren an diesem Tag in der Nähe von einem Bach, an dem wir sehr oft spielten. Wir hatten dort eine kleine Hütte gebaut und streiften durch die Büsche am Bach.
Der Bach grenzte an den Garten eines Freundes und dadurch konnten wir uns immer mit Getränken und Keksen versorgen.
Steven und sein kleiner Bruder waren dieses Mal auch dabei. Wir hatten ihn eingeladen und er freute sich, dass er mit uns spielen durfte.
Uns wurde irgendwann wieder langweilig und wir fingen an, Steven zu verprügeln. Wir trampelten auf ihm herum, zerrissen sein T-Shirt und bewarfen ihn mit Erde, bis er nur noch auf dem Boden lag, mit einem roten, verquollenen Gesicht. Zu schwach, um sich noch irgendwie zu wehren.
Sein Bruder erkannte die Lage und wollte nicht in unsere Finger geraten, also flüchtete er in den Garten unseres Freundes. Der Freund holte gerade einen Kartoffelsack aus dem Schuppen seiner Eltern. Wir wollten Steven in den Kartoffelsack stecken und in den Bach werfen. Steven wehrte sich mit Händen und Füßen, aber wir waren zuviele.
Als er schon bis zur Brust in dem riesigen Sack steckte, kam plötzlich der Vater unseres Freundes aus dem Garten gerannt. Der kleine Bruder von Steven hatte ihn gerufen. Der Vater schrie uns an, dass wir sofort den Jungen in Ruhe lassen sollen. Wir ließen den Sack mit Steven darin los. Zusammen mit dem Sack knickte er ein und ließ sich auf den Boden fallen, schrie und heulte und schnappte nach Luft.
Wir verpissten uns schnell, weil wir wussten, dass der Vater unseres Freundes sehr wütend war.

Seit diesem Tag ließen wir Steven in Ruhe. Er wollte auch mit uns nichts mehr zu tun haben, er distanzierte sich. Er spielte fast nur noch mit den Mädchen.
Nach ein paar Jahren zog seine Mutter wieder aus unserem Dorf weg.
Ich hab ihn seitdem nur einmal gesehen. Jedenfalls glaube ich, dass er es war. Ich war 16 oder 17. Ich sah ihn an einem Kino stehen. Vielleicht wartete er auf eine Freundin?  Oder auf Freunde, um mit ihnen ins Kino zu gehen? Vielleicht wurde er auch versetzt, ich weiß es nicht. Es war mir auch egal.



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102 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich bin auch in die emotionale Falle getappt...  Aber wenigstens isset nich langweilig, mal die Welt aus der Sicht eines Soziophaten zu lesen..... Von daher - Like.

    08.08.2013, 00:21 von Thoooo
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  • 1

    Zum kotzen!

    07.08.2013, 22:26 von singende_katze
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  • 2

    Kinder sind das grausamste Volk das ich kenne. Und nach dem Text hätte ich kotzen können. 

    30.05.2012, 19:45 von missbutterfly400
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  • 1

    gott, waren diese kinder arschlöcher.

    30.05.2012, 13:52 von tyrknauf
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  • 0

    mir ist ganz schlecht

    28.05.2012, 15:52 von steffisi
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  • 1

    Sehr gut geschrieben! Großes Lob!

    28.05.2012, 12:53 von acespik
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  • 0

    Armer Steven.

    27.05.2012, 12:46 von Mrs_Noir
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  • 1

    ..und solche geschichten in der kindheit können das ganze weitere Leben eines Menschen bestimmen :(
    Nur weil den anderen "langweilig" war. armer steven.

    27.05.2012, 11:53 von faon
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  • 2

    wow das klingt echt grausam. Mich beeindruckt diese Gleichgültigkeit, mit der der Text geschrieben ist. Es ist schrecklich, dass sowas immer und immer wieder passiert.

    27.05.2012, 01:59 von Lastchance
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  • 1

    wie krank und grausam kinder sein können

    26.05.2012, 14:24 von WeCouldBePerfect
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