Katzenzungen
Freundschaften
Steven hatte blonde Haare, er war schmächtig, groß und ungelenk.
Stevens Eltern hatten sich scheiden lassen. Seine Mutter war
in unser kleines Mistdorf gezogen und hatte ihre drei Söhne
mitgenommen.
Steven war der Älteste.
Natürlich suchte er Anschluss, gab sich Mühe und wollte schon in der ersten Pause mit
uns Jungs auf dem Schulhof spielen. Er war freundlich, erzählte von
seiner alten Schule, seinen alten Freunden.
Ich glaube, es
dauerte keine Woche bis wir ihn das erste Mal verprügelten. Er war
nicht stark, aber auch nicht so schwach, dass man sich schämen
musste, einen Schwächling zu verprügeln.
Wir verprügelten ihn
fast jede Pause. Mal alle zusammen, mal nur einer von uns - während
die Anderen Steven festhielten.
Einen Grund für unsere
Aktivitäten hatten uns die Erwachsenen im Dorf schon früh vorgelebt
und so erklärten wir ihm oft nach der Pause, nachdem es geklingelt
hatte und alle anderen Kinder wieder im Gebäude waren, dass er doch
verstehen solle, es läge an seinem Nachnamen und da dieser ja ausdrücke, dass er unmöglich deutsch sein könne und wir ihm eben die
Fresse polieren mussten.
Steven
verstand das nicht, er lag heulend auf dem Boden und schrie laut
"Aber ich bin doch Deutscher!"
Anfangs wehrte er sich noch - oder versuchte es - aber nach ein paar
Wochen wurde es zur Normalität, dass wir ihn in fast jeden Tag
verprügelten. Wenn wir von einem unserer großen Brüder einen neuen
Karate Film auf VHS gesehen hatten, probierten wir die
Kampftechniken, die wir gesehen hatten gleich am nächsten Tag aus - an Steven.
Steven ging nicht zur Lehrerin. Denn trotz der ganzen
Scheiße, gab er die Hoffnung nicht auf, dass er unser Freund werden
könnte.
Es gab auch Pausen, in denen wir uns ganz normal mit ihm
unterhielten, ihn nach seiner alten Heimat und besonders nach seinem
Vater ausfragten, der ja die Familie verlassen hatte. Wir fanden
das unglaublich witzig, weil wir sowas nicht kannten, dass sich
Eltern scheiden und verlassen.
Aber
jedes Mal wenn er glaubte, dass er zu uns gehören würde,
verprügelten wir ihn wieder: In der Schule, im Schulbus oder auf
dem Weg von oder zur Bushaltestelle.
Wir zogen ihn an seinem
Schulranzen die Straße entlang oder warfen seine Hefte über
irgendwelche Hecken in fremde Gärten und er musste mit seinem
verheulten Gesicht bei den Leuten dort klingeln.
An einem Morgen in der Schule erzählten wir ihm, dass ich
Geburtstag hätte - was eine Lüge war. Wir sagten ihm, dass meine Eltern am Nachmittag eine
Geburtstagsparty bei uns im Garten veranstalteten und dass er auch
eingeladen sei.
Als ich mich nach der Schule mit meinen Freunden
traf, dachte ich nicht mehr an die angebliche Geburtstagsfeier. Erst beim Abendessen
erzählte mir meine Mutter, dass ein Schulkamerad von mir am Mittag
da gewesen wäre, mit einem Geschenk, und auf meinen Geburtstag
wollte. Sie hätte ihn wieder nach Hause geschickt. Ich musste lachen.
Einmal fragte uns Steven, ob wir ihn nicht mal besuchen wollten. Blöde Idee. Dadurch lernten wir seine zwei
kleinen Brüder kennen. Oder sie uns. Der Kleinste war noch ein Baby
und bei der Mutter in der Küche. Der Mittlere war vielleicht
drei oder vier Jahre alt.
Steven war sehr stolz darauf, dass er
Freunde mit nach Hause brachte und stellte uns seiner Mutter vor, die
in der Küche saß und Fernsehen schaute. Sie war sehr nett und
brachte uns Limonade in Stevens Zimmer, wo wir zusammen mit ihm und dem mittleren Bruder an der Carrerabahn spielten.
Das wurde irgendwann langweilig, also verprügelten wir Steven in seinem eigenen
Zimmer, vor den Augen seines Bruders. Der starrte uns erschrocken an,
er wusste wahrscheinlich nicht, was da gerade passierte. Er wollte
weiter Carrera spielen. Aber wir nahmen ihm die Joysticks ab. Einen
Joystick nach dem Anderen. Er fing an zu heulen. Steven heulte auch.
Plötzlich kam seine Mutter ins Zimmer und fand ihre Söhne flennend
auf dem Fußboden und die drei "Freunde" von Steven, die
sich an ihr vorbeizwängten und schnell nach
draußen rannten.
Stevens Mutter rief noch am selben Abend die Mutter meines besten
Freundes an und beschwerte sich über uns. Mein Freund bekam großen
Ärger - den wir am nächsten Tag wieder an Steven ausließen. Nun
hatten wir ja einen weiteren Grund, ihn zu vermöbeln.
Steven war sich sicher, dass er durch seine verräterische Aktion
großen Unmut bei uns gestiftet hatte.
Also versuchte er am
folgenden Nachmittag es wieder gut zu machen, in dem er eine Packung
Katzenzungen - diese ovalen Schokoladenteilchen - vor die Haustür
meines Freundes legte. Mit einer Nachricht, dass es ihm leid tat und
er unser Freund sein wolle.
Mein Freund und ich aßen die Katzenzungen und gingen mit der leeren Packung zu Steven. Wir riefen auf der Straße seinen Namen, bis er aus dem Fenster schaute. Vor seinen Augen warfen wir die leere Packung in eine Mülltonne, sagten ihm, dass er seine Billigschokolade behalten könne und verschwanden.
An einem Sommertag lief es aus dem Ruder.
Wir waren an diesem Tag in der
Nähe von einem Bach, an dem wir sehr oft spielten. Wir hatten dort
eine kleine Hütte gebaut und streiften durch die Büsche am
Bach.
Der Bach grenzte an den Garten eines Freundes und dadurch
konnten wir uns immer mit Getränken und Keksen versorgen.
Steven
und sein kleiner Bruder waren dieses Mal auch dabei. Wir hatten ihn
eingeladen und er freute sich, dass er mit uns spielen durfte.
Uns
wurde irgendwann wieder langweilig und wir fingen
an, Steven zu verprügeln. Wir trampelten auf ihm herum, zerrissen sein
T-Shirt und bewarfen ihn mit Erde, bis er nur noch auf dem Boden lag,
mit einem roten, verquollenen Gesicht. Zu
schwach, um sich noch irgendwie zu wehren.
Sein Bruder erkannte die
Lage und wollte nicht in unsere Finger geraten, also flüchtete er in
den Garten unseres Freundes. Der Freund holte gerade einen Kartoffelsack
aus dem Schuppen seiner Eltern. Wir wollten Steven in den
Kartoffelsack stecken und in den Bach werfen. Steven wehrte sich mit
Händen und Füßen, aber wir waren zuviele.
Als er schon bis zur
Brust in dem riesigen Sack steckte, kam plötzlich der Vater unseres
Freundes aus dem Garten gerannt. Der kleine Bruder von Steven hatte ihn gerufen. Der Vater schrie uns an, dass wir sofort den Jungen in Ruhe lassen sollen.
Wir ließen den Sack mit Steven darin los. Zusammen mit dem Sack knickte er ein und ließ sich auf den
Boden fallen, schrie und heulte und schnappte nach Luft.
Wir
verpissten uns schnell, weil wir wussten, dass der Vater unseres
Freundes sehr wütend war.
Seit diesem Tag ließen wir Steven in Ruhe. Er wollte auch mit uns
nichts mehr zu tun haben, er distanzierte sich. Er spielte fast nur noch
mit den Mädchen.
Nach ein paar Jahren zog seine Mutter wieder
aus unserem Dorf weg.
Ich hab ihn seitdem nur einmal gesehen.
Jedenfalls glaube ich, dass er es war. Ich war 16 oder 17. Ich sah ihn an einem Kino stehen.
Vielleicht wartete er auf eine Freundin? Oder auf Freunde, um mit ihnen ins
Kino zu gehen? Vielleicht wurde er auch versetzt, ich weiß es nicht. Es war mir auch egal.





Kommentare
Kinder sind das grausamste Volk das ich kenne. Und nach dem Text hätte ich kotzen können.
30.05.2012, 19:45 von missbutterfly400gott, waren diese kinder arschlöcher.
30.05.2012, 13:52 von tyrknaufmir ist ganz schlecht
28.05.2012, 15:52 von steffisiSehr gut geschrieben! Großes Lob!
28.05.2012, 12:53 von acespikArmer Steven.
27.05.2012, 12:46 von Mrs_Noir..und solche geschichten in der kindheit können das ganze weitere Leben eines Menschen bestimmen :(
27.05.2012, 11:53 von faonNur weil den anderen "langweilig" war. armer steven.
wow das klingt echt grausam. Mich beeindruckt diese Gleichgültigkeit, mit der der Text geschrieben ist. Es ist schrecklich, dass sowas immer und immer wieder passiert.
27.05.2012, 01:59 von Lastchancewie krank und grausam kinder sein können
26.05.2012, 14:24 von WeCouldBePerfectJeden Tag verprügelt? Das hat doch garantiert Spuren hinterlassen.. das fällt der Mutter nicht auf?? Hier sehe ich die größten Defizite.
26.05.2012, 11:25 von Chicceria...
26.05.2012, 11:17 von pocketnebst h. miller schafft es niemand mich derart negativ zu affizieren. kompliment!