johnny.fox 27.06.2008, 18:36 Uhr 2 5

Kaffeesatz-Philosophie aus dem Honigtopf

Ein Gedanke über die Leichtigkeit der frühmorgendlichen Nahrungsaufnahme.

Es ist früh am Morgen, so zwischen 11 und 13 Uhr. Mein Bett ist noch ganz warm, da ich selbst warm bin und noch drin liege. Ich habe ein paar Stunden früher schon mal die Augen geöffnet, um zu beschließen, dass ganz schnell wieder sein zulassen. Für den weiteren Tagesablauf ist das aber wichtig, weil ich sagen kann, dass ich schon um 8 Uhr wach war. Ich trödele mich durch die Traumlandschaft, die mal bunt, mal schwarz wie die viel zu schnell verstrichene Nacht ist, da klopft es an meine Tür und mein Mitbewohner steckt sein Kopf durch die Öffnung und sagt, dass Kaffee, frische Brötchen und ein von ökologisch erzogenen Hühnern abgezwungenes Ei in der Küche auf mich warten. Das Ei ist schon etwas kühler als der Kaffee, da unter fließendes Wasser gehalten - würde man das mit dem Kaffee tun, dann würde ich ihn wegschütten.

Mit einem für die frühen Morgenstunden viel zu scharfem Messer versuche ich das Brötchen, welches vom Bäcker fürsorglich mit Korn bestrichen, zu öffnen, um den dampfenden Teig mit Butter zu verschmieren und mit hauchzarten Scheibchen eines erst kürzlich verstorbenen Federviehs zu belegen.

Ja ich esse Fleisch! Und das sogar intensiv. Jeder der mich hier verurteilen mag soll das bitte tun, ich muss ihm aber leider sagen, dass mich das nicht interessiert. Ich habe schon genug dieser "Du-elender-Mörderbub-Diskussionen" geführt und bin es leid.
In unserer kleinen Gemeinschaft, die in morgendlicher Andacht beieinander sitzt, um Körper und erschlaffte Zellen mit Energie zu versorgen, genießt auch ein Vegetarier sein glückliches und pflanzliches Dasein. Es würde ihm aber nie einfallen mich als Fleischzerfleischer zu zerfleischen. Statt dessen gießt er mir den heißen Türkentrunk in meine mit Namen gekennzeichnete Tasse und ich bin ihm dankbar.

Die Körner hat der Bäcker umsonst auf mein Brötchen getan. Die liegen jetzt nämlich alle unter dem Tisch und meine Mutter würde, wäre sie hier, sagen: "Lass mal Einer die Hühner rein."
Am Anfang meines Lebens habe ich diesen Satz nie kapiert, die ersten drei Jahre aufgrund meiner kognitiven Indisposition. Ab meinem vierten Geburtstag begann ich mich aber dann doch zu fragen: "Was haben Hühner mit meiner Unfähigkeit zu tun, ein Brötchen völlig krümelfrei aufzuschneiden?"
Vielleicht nicht ganz so explizit aber doch schon sinnverwandt. Huhn und Brötchen? Da gab's für mich nur eine Verbindung. Das Eine liegt auf dem Anderen und drunter ist noch ein Teller.
Später natürlich erschloss sich mir, dass es ein verschleierter aber doch noch sichtbar winkender Zaunpfahl war, um meine Art der frühmorgendlichen Speiseplatzverschmutzung zu kritisieren. Sie hätte auch sagen können, dass sie sich diese Sauerei nicht mehr länger anschaut, und ob ich nicht wisse, dass sie jeden Morgen eine geschlagene halbe Stunde auf den Knien rumrutscht, um mir meinen Mist nachzuräumen. Aber nichts dergleichen. Meine Mutter wusste, sie war Eine von Vielen, die sich mit einem ähnlichen Martyrium rumschlugen. Der Appell an die Vernunft zu früher Morgenstunde ist einfach zwecklos. Deshalb wurde diese leise Anklage auch in einen Mantel der Ironie gehüllt, wie frischer Apfel in den Schlafrock.

Die funkelnagelneuen Körner liegen immer noch auf dem Boden und niemand schert sich drum.
Da sich die Situation wiederholt - gestern und die drei Tage zuvor spielte sich Ähnliches ab - sind meine Krümel gar nicht so auffällig frisch neben den anderen Krümeln der vergangenen Frühstückszeremonien. Für einen kurzen Moment denke ich noch, wir werden uns schon drum kümmern, aber dann sind die zeitlichen Fristen meines Kurzzeitgedächtnisses überschritten und ich hab's vergessen.

Ein Mensch, der in der frühen Morgenstunde nach Gold zwischen seinen Zähnen sucht, kann anstrengend für ein Nachtschattengewächs sein. Meine Mitbewohner, beide mit einem güldenen Gebiss gesegnet, kennen die Dramaturgie meines morgendlichen System-Resets und reagieren dementsprechend. Vergleichen lässt sich das mit zwei Autos, die sich auf einer engen und zugleich steilen Passstraße entgegenkommen. Derjenige, der sich in einer erkennbar schwierigeren Lage befindet, bekommt den Vorrang. Im Falle der beiden Autos heißt das, als Herabkommender weicht man dem Aufsteigenden aus und lässt ihn passieren. Vielleicht fährt er ja schon im dritten Gang Richtung Gipfel und ein weiteres Heraufschalten würde dem Getriebe seines sichtlich bemühten Motors den Rest geben.
In meinem Fall heißt das, ich bin nicht sehr gesprächig und auch nicht aufnahmebereit. Meine Freunde wissen das und ersparen mir jede Form von Infotainment und lassen mich in Ruhe über herabgefallene Krümel nachdenken. Die aufgelegte Musik schmeichelt mir und ich bekomme das Gefühl von Sonntag übermittelt, während ich im dritten Gang Richtung Maximalleistung schnaufe.
Wenn ich die 75 Prozenthürde genommen habe, kann ich mir einen Teil der Zeitung nehmen und lesend tun, mehr aber auch nicht. Ich will noch nicht wissen, dass es uns Menschen wieder einmal gelungen ist einen ganzen Tag lang komplett zu versagen. Ich trage ja selbst eine Teilschuld mit mir rum. Und wenn ich Elend am Morgen nicht vertrage, wie könnte ich da mit Selbstkritik fertig werden?

In einem Haushalt, in dem drei Männer versuchen die Wortgruppe ORGANISIERE DEIN LEBEN zu begreifen, ist es nicht zwangsweise Pflicht, dass der Kühlschrank nur Dosensuppe und vom Verfall bedrohte Rückensalbe beherbergt. Zwar ist bei uns das unterste Schubfach gänzlich dem Überleben örtlicher Brauereien gewidmet - die aufgedruckte Empfehlung des Kühlschrankherstellers, man solle dieses Fach mit Gemüse bestücken, haben wir vorsorglich mit einem alten C.C. Catch Aufkleber, der nie den Weg auf ein Hausaufgabenheft gefunden hat, überklebt - aber öffnet man die weiße Tür unseres Kühlexperten, wird man sehen, dass drei große Fächer Platz für Speisen in allen erdenklichen Formen bieten. Die finden selbstverständlich ihren Weg auf den reichlich gedeckten WG-Frühstückstisch und stellen mich vor ein Problem, dass ich mal mehr, mal weniger erfolgreich lösen kann.
Die tägliche Aufgabe lautet: ENTSCHEIDE DICH!
Meine innere Anatomie erlaubt nur den Verzehr von maximal zwei Brötchen und einem Frühstücksei. So bin ich genötigt meine Nahrungsaufnahme einer kulinarischen Hackordnung zu unterwerfen.

Und die ist so einfach wie brutal: Je leckerer du bist, um so eher esse ich dich.

Klar, dass die exklusiven Sachen ganz oben auf der Liste stehen. Ich nenne sie liebevoll Randgruppenspeisen. Der Blauschimmelkäse aus Frankreich, Parmaschinken aus Italien und Ziegenkäse aus der Schweiz. Im Supermarkt um die Ecke wird man lange danach suchen müssen, aber wer Freunde hat, die in ihrem Urlaub lieber Essen einkaufen, anstelle von T-Shirts, die einen ganzen Comic-Strip von kopulierenden Schildkröten auf der Vorderseite zeigen, ist klar im Vorteil.
Meine neuste Entdeckung und immer unter den Top Vier, ist ein streichzarter Honig aus Wildkräutern. Die Pflanzenabbildungen auf dem Etikett erinnern mich zwar an mein letztes Herbarium für den Biologieunterricht der 12. Klasse, aber ich glaube, wenn es einen Honighimmel gibt, dann hat der eine Wiese aus Wildkräutern.

Oft reden wir darüber, was wir gedenken dem Tag an Zeit und mit welcher Strategie abzuringen. Ich bin ja nicht übersensibel. Ich vertrage das schon, wenn mir meine Leute erzählen, dass sie noch in die Unibibliothek müssen, um Handapparate oder Bücher zu lesen, die aus einem mir nicht logischen Grund nur im Lesesaal verkonsumiert werden dürfen. Ich leide mit ihnen, denn ich weiß, dass da eine Menge Ärger dran hängen kann.
Während ich die zweite Hälfte meines köstlichen aber doch krümelnden Backwerkes mit aus irischen Kuheutern gewonnener Butter und Wildkräuterhonig bestreiche, lass ich all die Unannehmlichkeiten eines Bibliothekbesuchs an mir vorbei ziehen.

(Student tritt auf. Emotional unentschieden, da zwar das Seminar beendet, der Tag als Gesamtwerk aber noch nicht überstanden ist. Bibliotheksangestellte sitzt am Empfang und ordnet Karteikarten aus einer blauen in eine gelbe Kiste)

DAME: (schneidend) Junger Mann mit ihre Jacke könnse hier nich rein!!

STUDENT: Guten Tag.... äh..., 'tschuldigung, aber das ist keine Jacke, das is nen Longsleeves mit Reißverschluss. Ich hab da auch nix drunter.

DAME: Mir egal wie das heißt. Für mich ist das da eine Jacke und basta.

STUDENT: (angespannt) Is aber keine Jacke. Und was denken se denn was ich hier vorhabe?

DAME: (pikiert) Ach nee!! (kurze Pause, dann weiter mit verstellter Stimme) Wer liegt mir denn ständig inne Ohrn? Da sind keene Bücher mehr. Ich brauch das doch aber unbedingt für meine Hausarbeit. Abgabe is in drei Tagen. Wat schon wieder jeklaut? (kurze Pause) Aber Jacken wolln wa nich ausziehen, hä?

STUDENT: Wenn ich das Teil jetzt auszieh' steh ich halb nackt hier rum, könn wa nich mal ne Ausnahme machen. (scherzend) Und außerdem, wenn ich hier Bücher rausschleppen würde, ich würde doch gar nich an IHNEN vorbei kommen. (lacht etwas gequält)

(Der Scherz geht schief und verschlimmert die Situation. Die Bibliothekarin erhebt sich vom Drehstuhl und schiebt sich die große Brille bis zur Nasenwurzel)

DAME: (mit fistelnder Stimme) Verklappen kann ich mich alleene!

STUDENT: Aber so war das doch.....

DAME: (unterbricht ihn) ...hörn Sie auf mit ihr Gestammel. Jacke aus oder es jibt keen Buch, so einfach is dit! (brubbelt vor sich hin) Lass mich doch nicht vascheißern. Nich für dit Geld und schon gar nich von nen Studenten. (wieder laut) Der Herr is wohl wat Besseres, wa?

STUDENT: (denkt) Alter hat die'n Schuss? Hat nen paar Tage zu lange hier hinterm Regal verbracht. Komm mir nich mit son Scheiß blöde Kuh. (sagt) Tut mir leid, dass wollte ich nicht. Ich bin nichts Besseres. Es ist bloß nicht gerade die beste Zeit, um im Unterhemd in der Bibliothek zu sitzen.

DAME: (Stimme überschlägt sich. Kleine Spuckefäden bilden sich in den Mundwinkeln und spritzen auf den Empfangstisch) hörn se auf mit dem Jeschleime, da kann ich drauf verzichten. Soll ich ihn vielleicht noch nen Sessel hinschieben und den Kamin anfeuern? Rummeckern kann ja Jeder. Aber interessiert sich och mal Jemand wie es mir jeht? Nur weil ihr da in euren Unterricht so verdrehtes Zeug quatscht, denkt ihr, na die Alte is ja nich mehr janz bei Trost. Neee, aber nich mit mir!!

STUDENT: (laut) Jetzt reicht's aber. Reißen se sich mal zusammen. Was habe ich ihnen denn getan? (überspitzt entrüstet) Sie machen mich für ihr Leben verantwortlich? Wenn se wat nich auf die Reihe kriegen, dann ist das ja wohl nicht meine Schuld. Sie können doch nich allen Ernstes von mir verlangen, das ich hier im Hemd..... (kommt nicht mehr weiter)

DAME: (hysterisch brüllend, Spuckebatzen fliegen bis zum Studenten) EINE FRECHHEIT IS DAS!!! WAS GLAUBEN SIE WER SIE SIND? SIE, SIE.....SIE FEINER SCHNÖSEL!!! WISSEN SIE WAS SIE SIND? SIE SIND NEN HOSENSCHEISSER!! SCHREIBEN SIE SICH DAS HINTER DIE OHRN!!! NUR WEIL SIE STUDIERN, KÖNNEN SIE SICH NOCH LANGE KEIN URTEIL ERLAUBEN ÜBER MICH. UND VERDAMMT, DAS GEHT SIE AUCH GAR NICHTS AN. ICH MACH MIR HIER DEN ARSCH KRUMM UND MUSS MICH MIT PACK WIE MIT IHNEN RUMÄRGERN, ABER DEN HERRN INTERESSIERT DAS JA NICHT, DER WEISS JA ALLES BESSER. UND DAMIT SE KLAR SEHN, SIE KOMMEN HIER GAR NICH MEHR REIN. ALSO RAUS HIER!!! (zeigt mit eindeutiger Geste in Richtung Bibliotheksausgang)

STUDENT: (zeigt eine eindeutige Geste in Richtung Bibliotheksangestellte) Sie könn mich gar nich rausschmeißen, sie sind gar nicht weisungsbefugt. Aber soll ich ihn mal was sagen, ich scheiß auf ihr Buch. Könn' se sich sonst wo hinschieben. Tun' se mir nur ein Gefallen. Lassen sie sich mal gründlich untersuchen. Irgendwas stimmt da nicht.

(Student geht ab. Emotional total im Arsch, da der Tag als Gesamtwerk nicht mehr zu retten ist und er nicht weiß, wo er das verdammte Buch jetzt herbekommen soll.)

Gerade wende ich mich dem Verzehr meines mittelweich gekochten Eies zu, da verliere ich glücklicherweise das Interesse, am Alltagsgeschehen einer öffentlichen Buchausleihstation. Meine Leistungskurve sinkt wieder beharrlich unter 75 Prozent, so wie das die Lebenslinie im Computerspiel tut, die dem begeisterten Vierzehnjährigen berichten will, dass der Protagonist seines 3D Ego-Shooters, wenn er nicht bald ein Medi-Pack zu sich nimmt, in die ewigen Jagdgründe einzieht.
Der Einmann-Armee im Elektronenspiel haben blutspuckende Zombiefrauen zugesetzt, mir meine eigenen Gedanken. In meiner Wohnung kann ich kein Medizinpäckchen finden, dass mich wieder Richtung Maximum bringt. Und wenn doch, dann gehört es bestimmt zu den verbotenen Substanzen, die nach dem Betäubungsmittelgesetz nicht in meine vier Wände und auch nicht in meine zehn Finger und erst recht nicht in meine eine Blutbahn gehören. Da ich es aus eigener Kraft nicht schaffe, mich in ein alltagstaugliches Maximum zu hieven, entscheide ich mich es einfach zu lassen. Statt dessen befehle ich mir den Tag aus den Augen eines Menschen zu betrachten, der gelöst von Fron und Arbeit ist. Und natürlich gehorche ich.

Meine beiden Freunde, die auch auf die Hilfe von bahnbrechender Medizin verzichten wollen, möchten es mir gleich tun und so beschließen wir einen Pakt:

WIR SIND FREI!!! - Und das an einem Montag!

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2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    johnny,
    du flachst mich.
    diese mutwillige bekümmertheit vergnügt.

    01.07.2008, 10:39 von .horriblygood.
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