Kopfhoerer 15.08.2008, 00:13 Uhr 1 1

Jumping Cars

Denn jeder muss bekanntlich seinen eigenen Holzweg finden.

Sechzehn Stunden nach Mitternacht oder vier nach zwölf oder einfach nur Nachmittag, sonniger Nachmittag und blaue Wolken und siebenhundertfünfzig Milliliter Rotkäppchen Sekt, aber halbtrocken, trocken wäre ja noch unerträglicher als Sekt es ohnehin schon ist, dieses Gesprudel und dann das Aufstoßen danach, aber zwölf Prozent waren ok, sahen gut aus und die Flasche ohnehin, auch wenn man von einer Marke wie dieser mehr erwartet als einen Plastikverschluss, aber ich wollte Sekt, gerade jetzt, so früh am Tag, es war eben das Wetter dazu und die Stimmung, das Gras hat geduftet und der Schatten der Bäume lud ein zum hinsetzen und plaudern, zum tief einatmen, Geschichten ausdenken, und zum vereinzelte Wolken beobachten, die wie Zuckerwatte wirkten, auch wenn Zuckerwatte kein origineller Vergleich ist, aber die hätte man sehen müssen, so leicht und verspielt, da kann man nur an Zuckerwatte denken, so wie man bei manchen Lippen nur an Frankreich denken kann oder an gutes Essen oder an Wein, nur nach Wein war mir jetzt überhaupt nicht, Wein wäre zu viel gewesen, zu groß und süffig, einfach nichts für die Sonne, Wein muss abends genoßen werden in verqualmten Räumen und am besten zu zweit aus zu tiefen Gläßern und mit einer Packung Zigaretten, siebzehn Stück, die für den Abend reichen müssen, weil die nächste Tankstelle zu weit weg ist um mit Weinweichen Knien noch einmal hinzulaufen und für Nachschub zu sorgen, aber ohnedies war es erst Nachmittag und der Sekt schmeckte ertragbar und wie gesagt, das Wetter war gut.
So sitzt man also in augenblicklicher Zufriedenheit auf einem Fleckchen trockener Wiese, es hatte die Tage zuvor häufig geregnet, das Attribut trocken darf am also keinesfalls für selbstverständlich erachten, und erfreut sich der Ruhe und weiß, es gibt nur eine Erklärung für diese Ruhe und die Ausgeglichenheit, die einem manchmal überkommt, der Mangel an Menschen ist es, nicht jeden Tag unzähligen Menschen zu begegnen kann ein wahrer Segen sein, weil man immernoch am besten mit sich selbst klar kommt und selbst am besten weiß, wann man sich auf die Nerven geht, wann man lieber mal die Klappe halten sollte, wann man sich zuhören muss und wann man einfach nur zustimmend nicken sollte, ja, sich mit sich selbst beschäftigen muss auch mal sein und trägt immens zur Balancefindung bei, das wird unterschätzt glaube ich, bei den meisten Menschen, vor allem bei den jungen, die ja stets weiter höher schneller, mehr mehr mehr wollen, nie still stehen, weil Stillstand das Schlimmste sei, wie sie immer betonen, womit sie ja auch recht haben im Grunde, nur begreifen sie nicht, das man mit zu viel äußerer Aktivität im Kopf nicht weiter kommt, denn das braucht Zeit und Zeit hat bekanntlich niemand, der sie sich nicht nimmt.
Nach neunzig Minuten, fünf Zigaretten und eben dieser einen Flasche Sekt hat sich mein Rücken von dem vielen Grashalmen wundgelegen und es zieht mich in die Bibliothek, ich weiß nicht warum, eigentlich bin ich dort oft, man grüßt mich freundlich, weil man mich mittlerweile kennt, ich mag den Geruch und die Stille und die vielen hohen Regale, gerade jetzt will ich unbedingt dorthin und ersteinmal angekommen muss ich feststellen, das Erstemal beschwippst in der Bibliothek lässt keinen großen Unterschied zu sonst erkennen, man sieht sich vielleicht die Buchrücken etwas länger an, weil man irgendwie interessierter zu sein glaubt und sich Buchrücken irgendwie besser anfühlen und ja, ich muss zugeben mein Gang wirkt schon etwas flapsig langsam, der Geschmack lässt nach aber die Wirkung setzt jetzt erst ein, ein gutes Gefühl und während ich so vor dem Zeitschriftenregal stehe denke ich daran, wie man mir vor ungefähr drei Stunden ein Probe-Abo der NEON aufschwatzte und wie diese aufschwatzende Vertreterperson jedem Satz ein "... ne?" anhängte, wie sie mir erklärte ihr Verlag hätte Geburtstag und zum Geburtstag schenke man ja seinen Freund etwas (..ne?), ich erinnere mich noch, das ich diese Aussage unsinnig fand und das mir ihre komische Redensart furchtbar prollig vorkam, ich hatte aber dennoch dem zweimonatigen Probe-Abo zugestimmt um das Prozedere schnell zu beenden und eigentlich lese ich die NEON ja auch gerne und außerdem gab es als kleine Aufmerksamkeit zusätzlich noch ein furchtbar schickes oranges Halstuch von FORD, auf dem eine kleine Geschichte von einem Auto abgebildet war, das sich hüpfend aus der Einfahrt bewegte, während ein kleines Mädchen vor der Garage stehend, dem Auto zuwinkte, aus welchem Grund auch immer, dies ging nicht aus der Abbildung hervor und wurde auch nicht näher erläutert und um ehrlich zu sein ist es mir bis heute nicht klar.
Von diesem Gedanken abgekommen trugen mich meine Beine mitten in die Riege der großen Philosophen und ich füllte mich sofort wohl, heimisch, nicht weil ich mich ihnen ebenbürtig sah, keinesfalls, so anmaßend wäre nicht einmal ich, auch nicht nach einer Flasche Sekt, ich fühlte mich wohl weil man spürt wenn man von klugen Menschen umgeben ist, Menschen die dich weiterbringen können, reifen lassen können, wenn du ihnen nur aufmerksam genug zuhörst, deine Lehren aus ihren Lehren ziehst und sie dir dann durch deine eigenen zukünftigen Fehler noch einmal bestätigst um sich nun wirklich verinnerlicht zu haben, und so ist es das geborgene Gefühl wie es große Brüder geben sollten, das mich überkommt wenn ich zwischen den Regalen der Philosophen stehe und mir einen von ihnen auswähle als kurzweiligen Wegbegleiter wie Kant, Nietzsche, Kierkegaard, auch wenn ich von all den Worten dieser Denker nur die Hälfte verstand, so erwärmte es doch mein Herz, Menschen zuzuhören die Weisheit entdeckt haben und sie teilen wollen, doch plötzlich, wirklich ganz plötzlich, ohne sanften Übergang oder Vorankündigung, suchte mich diese seltsame Empfindung heim, ich musste weg, weg von den Büchern, weg aus der Stadt, sofort wieder für mich sein, alleine und niemand, ich griff schnell in das Regal und verschwand, zog die Kopfhörer tief über die Ohren und ließ mich nach Hause singen (und fahren von dem üblichen Lininenbussen), nicht ohne vorher daran zu zweifeln ob das der richtige Bus sei, denn was wolle ich eigentlich zu Hause, Home is where your heart is, das weiß man ja, aber in diesen vier Wänden, von meinen Eltern erbaut, liegt mein Herz schon lange nicht mehr, aber irgendwann kommt man eben doch wieder zu Hause an, in diesen vier Wänden und stellt dann fest, das man sich Heidegger's "Holzwege" ausgeliehen hat und muss lachen über die Ironie, die in einem zufälligen Buchtitel stecken kann und solange man über Ironie, ich meine echte Lebensironie, noch lachen kann ist alles halbsoschlimm, glaube ich, einfach mal den Ernst beiseite legen und den kleinen Sekt noch leeren, der noch auf dem Kühlschrank stand, und anschließend friedlich einschlafen, in Träume verlieren und Tage wie diesen Revue passieren lassen, denn jeder muss bekanntlich seinen eigenen Holzweg finden.

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Kommentare

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    Schöner Tag :-)

    26.11.2008, 16:18 von Sturmkind
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