Philipp_Nagels 05.06.2012, 15:49 Uhr 2 1

Jobsuche und Hosenkauf: Die drängenden Probleme unserer Zeit

Beides unvermeidlich, beides nervig und beides besser zu ertragen mit einem Eiskaffee in der Hand. Achso, und Selbstbeschränkung ist die neue Freiheit

Wir wissen: Geld hat man, man redet aber nicht darüber. Einem beliebten logischen Fehlschluss folgend*, muss ich also besonders viel darüber reden, da ich zurzeit wenig habe. Um in der Hinsicht Abhilfe zu schaffen, komme ich nicht umhin, nach Jobs zu suchen.

*[Alle Schwäne sind weiß. Der Vogel vor mir ist kein Schwan. Also ist er nicht weiß.]

Nach Jobs suchen. Ugh. Die Freude, die dieses bereitet, ist ungefähr mit jener zu vergleichen, sich an einem heißen Sommertag durch die überfüllten Geschäfte einer durchschnittlichen deutschen Innenstadt zu schleusen, um nach einer dringend benötigten neuen Hose zu suchen.

Man weiß auf einem abstrakten Level in etwa, was man sucht, aber kann nicht genau sagen, wie es dann konkret aussehen soll. Man kann sich bei verschiedenen Optionen vorstellen, dass sie vielleicht einigermaßen passen könnten, aber von denen, die man bisher an-/ausprobiert hat, saß keine wie auf den Leib geschneidert.

Je länger man sucht, desto nerviger wird es. Die Vielzahl von Optionen macht es nicht etwa leichter, sondern schwerer. Die Optionen sind in der Überzahl, sie haben einen umstellt. Außerdem sieht man unter den Neonstrahlern in der Umkleide fett und blass aus. Eigentlich möchte man sich doch nur bei Starbucks einen überteuerten Frappuccino holen, in der Sonne sitzen und Leute gucken, verdammt. Muss das denn ausgerechnet heute sein mit der Hose…?!

Tja, ein einziger Gordischer Knoten, das. Beziehungsweise zwei: Jobsuche und Hosensuche. Vielleicht zerschlägt man sie beide auf einen Streich, wenn man Hosenverkäufer wird. Eine gute Frage an Hosenverkäufer: Setzt man in diesem Job das Raum-Zeit-FuckvieleOptionen-Kontinuum außer Kraft und gleitet lässig in perfekt sitzenden, smoothen Leinenhosen durchs Leben?

Es ist das alte Lied unserer Zeit, meiner Generation: Gefühlt gibt es so viele Möglichkeiten, was man aus seinem Leben machen könnte, dass es manchmal unmöglich scheint, mit einer Wahl glücklich werden zu können.

Wenn man sich mit jeder Entscheidung für eine Sache gleichzeitig immer gegen beliebig viele andere Sachen entscheiden muss, werden die Opportunitätskosten, die durch die vermuteten verpassten Möglichkeiten notwendig entstehen, extrem hoch. So hoch, dass ein sich-offen-halten (scheinbar) aller Möglichkeiten für eine Weile als Ausweg aus dem Dilemma erscheinen kann.

(Schön, wenn es tatsächlich nur ein Dilemma wäre, bei dem man sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden müsste. Fuck Multilemma.)

Auf der einen Seite möchte ich mich für einen Job/eine Karriere/einen Lebensweg entscheiden und eine klare Perspektive haben. Auf der anderen Seite fühle ich mich schon bei dem Gedanken, mich einer Sache (von der ich nicht vollkommen überzeugt bin) über mehrere Jahre zu verpflichten, extrem eingezwängt und in meiner Freiheit beschnitten. Und man sollte sich nie in seiner Freizeit beschneiden, das sollte wenn unter medizinisch-hygienischen Bedingungen geschehen. Was?

Jedenfalls gibt es eine hervorragende Taktik, um diesem Problem zu begegnen: <schließt die Augen, steckt die Zeigefinger in die Ohren>  LALALALALALALALALALALALALA. Oh Moment, das war die andere Seite dieser Taktik-Medaille. Was ich eigentlich meinte: Intellektualisieren.

Es gibt wenige Probleme auf der Welt, die nicht gelöst worden wären durch unmäßiges Intellektualisieren, Beleuchtung von allen Seiten und Rückführung auf die großen, gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen einer jeweiligen Zeit. Gerade heute noch bin ich mit dieser Taktik der challenge begegnet, aus der großen Auswahl von Keksen diejenigen zu identifizieren, die ich mir optimaler Weise selbst zum Cappuccino reichen sollte. Lest diesen Satz noch einmal.

Nun, man sollte also seinen sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und lebensklug umsetzen, was wir ja längst wissen: Freiwillige Selbstbeschränkung ist die neue Freiheit. Addition by substraction. Also: Zugewinn an Handlungsfreiheit durch bewusste Verringerung von Handlungsoptionen.

Dafür möchte ich mich einsetzen und ich kann es nur jedem aus meiner Generation dringend ans Herz legen, sich diese Maxime zu Eigen zu machen, denn Gott weiß, ich werde es nicht tun! Da wäre ich ja schön blöd, hört mal, wenn ich mir selbst auch nur einen Stein in einen der vielen Wege legen würde.

Aber die Welt wäre bestimmt ein besserer Ort, wenn ihr schon mal damit beginnt. Ihr wisst ja: Man soll immer bei sich selbst damit anfangen (anderen gute Ratschläge zu geben, die man selbst nicht befolgt). Ich meinerseits werde mich noch ein bisschen freiwillig selbst be- äh… schränken und nenne es dann einen Tag.

[Der Text ist ein Auszug aus meinem Blog-Artikel »Occupy Freedom: Balkon-Basilikum und eine neue Bürgergesellschaft«]


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2 Antworten

Kommentare

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    Wenn Du SO schreibst, kann ich Dir gut folgen. Liebe Grüße vom Dummerchen ;-)

    05.06.2012, 18:16 von Mrs.McH
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      Vielen Dank, das beruhigt mich. ;) Viele Grüße zurück an das vermutlich-nicht-so-Dumm-erchen.

      05.06.2012, 18:25 von Philipp_Nagels
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  • Links der Woche #21

    diesmal u.a. mit einer Aktion gegen den Krieg, Opas, die die Tanzfläche erobern und rosa Mädchenträumen.

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