Ist es wirklich schon so spät?
Seit vier Jahren fahre ich alle drei Monate nach Hause. Wirklich nach Hause?
Ich zünde mir eine Zigarette an, drücke auf play und lehne mich zurück. Kurz nach Kassel werde ich mir einen überteuerten Milchkaffee kaufen und irgendwo zwischen Göttingen und Hannover mich noch etwas frisch machen, bevor ich meine Mom unter dem Schwanz von Prinz Augusts Pferd ganz fest drücke. Wir werden zu Gosch gehen und der Gesellschaft zum ersten Mal an diesem Tag trotzen, indem wir zu Fisch Rotwein trinken. Später machen wir vielleicht noch eine kleine Shopping-Tour und gehen anschließend ins Oscars', um uns drei, vier der besten Cosmopolitans weit und breit zu gönnen, nach denen wir schließlich erschöpft ins Bett fallen werden. Ich ertappe mich zum ersten Mal dabei, wie ich allein in diesem Raucherabteil sitze und grinse. Das geht nun alle drei Monate so, seit knapp vier Jahren. Und noch nie habe ich schmunzeln müssen.
Mein Zug erreicht den Hauptbahnhof von Hannover mit einer obligatorischen Verspätung von sechs Minuten. Meine Mom wartet. Wider Erwarten ist es weder Gosch noch Oscar. Sie fastet nämlich noch. Das bedeutet, bis Sonntag keine Genussmittel und keine tierischen Fette. So verbringen wir drei Stunden in einem überaus stylischen Cafe und trinken alkoholfreie Erdbeer- und Himbeerdaiquiris.
Ich berichte übers Studium, den aktuellen Typen in meinem Leben und verrückten Dingen, die sich in den letzten Monaten zugetragen haben.
Sie erzählt von der Scheidung und lässt sich einmal mehr über die Klavier spielende Nachbarin aus.
Irgendetwas ist anders. Nicht nur das Cafe. Ich kann nicht sagen, was es ist, ich kann es selbst nicht ganz greifen. Nur ein Gefühl.
Gut, Planänderung. Fahre heute schon zu meinem Dad, bleibe bis Sonntag. Gehen dann Sonntagabend ins Oscars. Gosch muss bis Montag Mittag warten.
Gegen 18 Uhr bin ich da. Auf dem Land. In dem idyllischen, kleinen Örtchen, in dem ich aufgewachsen bin. Ich verlasse den Regionalzug und halte Ausschau nach dem dunkelblauen Golf, den ich jedoch nirgends entdecken kann. Der Bahnhof ist leer , bis auf mich und einen jungen Mann am anderen Ende des Gleises. Was solls, ich gehe zu Fuß.
"Schwesterherz, dass du mich nicht erkennst." Steht er da grinsend vor mir und bufft mich leicht an. Mein kleiner Bruder. Einen Kopf größer, die Haare länger. Der junge Mann, den ich nicht erkannt habe. Um Himmels Willen! Der Kleine erzählt von Steffis und Kathas und dass er alles langsam angehen will. Man muss sich doch heutzutage nicht festlegen. Versprechen muss man erst recht nichts. Irgendwie absurd. Habe gestern noch seine Windeln gewechselt.
Ich stelle meine Tasche ab, mache einen Streifzug durchs Haus. In meinem Zimmer steht ein Wäschekorb. Daneben drei Säcke Blumenerde, auf dem Bett haufenweise Ordner. Eines der Regale ist freigeräumt. Wo, bitte, sind nur meine Bücher und die zwei Engel, die dort einst gesessen haben?
Mein Paps immer noch nicht da. Ich nehme mir die Autoschlüssel und haue ab. Fahre an meiner Schule vorbei, mache einen Umweg durch das kleine Städtchen hin zu der Bar, in der ich drei Jahre gearbeitet habe. Die Türen sind immer noch dieselben, der Geruch auch.
"Suchen Sie einen Tisch?" Wer bitte ist das kleine Mädchen und wieso siezt sie mich. Nie haben wir hier jemanden gesiezt. "Nein, sie braucht keinen. Sie ist ein Ehrengast des Hauses. Deine Uroma sozusagen." - Mein Chef. Das fühlt sich gut an, sein breites, weises Grinsen zu sehen. Er war vielmehr unser aller Mentor als Chef. Ein Perser Mitte Vierzig, der das Leben und die Menschen sieht wie kein anderer.
Wir trinken zwei Espressi, dann muss ich weiter. Verspreche am späten Abend nochmal vorbei zu schauen.
"Da bist du ja endlich, Töchterchen!"..endlich?? Na gut. Endlich. Wir essen gemeinsam zu Abend, setzen uns anschließend mit einem Martini auf den Balkon und rauchen. Ich berichte von meinem Studium und seltsamerweise von dem aktuellen Typen. Mein Dad ist ganz erschrocken über den Verlauf meiner Liason. Er wundert sich, wieso ich irgendwas definieren wollte. Hätte ich es doch besser laufen lassen sollen. Wie bitte? Wer ist dieser Mann? Und wo ist mein Paps?Ich trinke noch einen Martini. Jemand klingelt an der Haustür. Unsere Nachbarn. Gott, haben sie mich vermisst. Und ich werde immer mehr zu einer Lady. Hallo?
Wir gehen zusammen aus, in unsere Kneipe um die Ecke. Es gibt Bier und ein paar Kurze zwischendurch. Wir lachen viel. Ich treffe zwei meiner Mitschüler. Der eine zieht jetzt nach Hamburg und beginnt dort seine Arbeit. Die andere hat seit einem Jahr das Rauchen aufgehört.
"Schau mal Schatz, das ist die Tante Marie", höre ich jemanden hinter mir sagen. Ein kleines Kind zupft an meiner Jeans und stammelt ein Hallo. "Das ist mein Ältester. Hendrik. Und was machst du? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen!" Sagt eine Frau zu mir, die ein kleines Baby auf dem Arm hat. Yvonne. Eine toughe, vorlaute Göre, die ich vom Sportverein kenne. Niemand mochte sie. Ich fand sie toll. Sie hatte diese Strenge und Sorglosigkeit, die ich unheimlich bewundere. Ich brauche noch einen Kurzen. Bestelle mir dann ein Taxi zur Bar, zu meinem Chef.
Er erzählt mir von mir. Sagt, es sei schön zu sehen, wie Menschen blühen und gedeihen. Wie streng und verklemmt ich war. Er hat es schon immer gewusst, dass ich ausbrechen werde. Dass das alles hier mir zu klein wird. Überall wird es mir zu eng. Ich werde immer weiter müssen. Ich bin besonders...
Mir wird etwas schwummrig. Mein Magen grummelt. Ich glaub ich muss ganz dringend nach Hause. "Haben Sie ein Taxi bestellt?" Meine Güte, muss ich tatsächlich antworten? Mir ist schlecht. "Komm, ich fahre dich nach Hause." Der Taxifahrer hilft mir in den Wagen. Lässt an meiner Seite das Fenster runter. Ich sehe nur Laternen. "Die Fahrt geht auf mich. Erhol dich schön." Bin ich denn schon da? "Wenn dein Dad immer noch hier wohnt." Nein, nicht noch mehr. Mir ist doch schon so furchtbar schlecht. Florian sitzt neben mir. Florian, meine Sandkastenliebe quasi. Er ist seit zwei Monaten verheiratet und fährt noch ein halbes Jahr Taxi, bis sein Studium abgeschlossen ist.
Ich versuche die Tür zu öffnen. Mein Dad kommt mir entgegen, hilft mir in die Küche und macht mir einen Tee. Ich wundere mich, wieso er noch so spät auf ist, er geht doch sonst immer so früh schlafen. "Aber, Kleines, es ist halb zwölf. Eigentlich wundere ich mich darüber, dass du schon zuhause bist." Zu Hause, hmm. Ja, irgendwie schon. Irgendwie aber auch nicht.


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Kommentare
wirklich toll geschrieben... kommt mir alles irgendwie bekannt vor :)
15.09.2009, 19:21 von saeshlg
Oh je... manchmal habe ich das Gefühl, dass es mir auch mit 17 schon so geht... halb 12 zuhause? Oh je...
31.05.2007, 23:11 von Baby2808Hmm. ich besuch meine Familie in Deutschland so zwei mal im Jahr. Kann nichtmal sagen, ich komme da 'nach Hause' - sag mir mal was das ist: zu Hause.
03.05.2007, 18:05 von kalamazooist irgendwie komisch, ich fuehl mich eher wie ein Gast als ein Familenmitglied. sehe Haare grauer werden, baeuche dicker, Gaerten verwachsener. Leute heiraten, kriegen Kinder, lassen sich scheiden. Nachbarn ziehen ein, oder aus, kaufen neue Autos, streichen die Garagentueren. mein kleiner Bruder hat die haare mal zu lang, mal zu kurz, aber nie wirklich gescheit. Inzwischen hat er eine Freundin, die aelteren Brueder wechseln ihre.
wenn ich zu besuch komme, werd ich erstma gebrieft, 2 Tage Zeitraffer vom vergangenen Jahr. Eigentlich weiss ich gar nicht, wo ich hingehoere.
Den zu Hause von unsere Familie, sind nicht immer unser...
19.04.2007, 18:59 von LydiardDu machst es richtig.
hm die unterschiedlichen lebenswelten, die sich so entwickeln - auf einmal merkt man, wie man sich verändert hat.
19.04.2007, 15:28 von lila-hexenur die flucht in den totalen absturz hat mich etwas gestört. ist aber durchaus spontan und realistisch ;)
alles andert sich mit der zeit .... ist doch normal ..
19.04.2007, 13:22 von EROSSgruss
E.