StevenGerrard88 30.03.2009, 15:05 Uhr 7 1

Ist das Leben jetzt scheiße oder geil?

Nabelschau eines Zivildienstleistenden

Ich soll mich damit zufrieden stellen, dass ich ein Nichts bin. Ein kleiner Niemand auf der großen Welt, der in seiner unendlichen Hybris denkt etwas besonderes zu sein. Das ungefähr waren die Worte meines Chefs, als wir über das Leben sprachen. Er schmetterte mir noch eine Salve Schopenhauer-Zitate an den Kopf, bevor er mich achtlos auf dem Boden liegen ließ.
Unser Disput musste kommen, er war unvermeidlich: Ich der junge Zivi, der nach seinem neunmonatigen Orientierungsdienst einen ganzen Sommer und ein ganzes Leben vor sich haben wird, und Er der im Leben erfahrene Chef, der die selbe Phase auch durchgemacht zu haben behauptet.
Es ist etwas merkwürdig seitdem, denn ich kann Ihnen (Schopenhauer und mein Chef) nicht die guten Argumente absprechen, schließlich ist die Erfahrung auf ihrer Seite. Vielleicht haben Sie recht, mein Leben wird beschissen und wenn ich in fünfzig Jahren darauf zurückblicke, werde ich nur verächtlich auf den Boden spucken. Aber obwohl man meinen könnte, ich würde nun mein Glück darin suchen mich zu begnügen – ganz nach Schopis Rat-, ist genau das nicht der Fall.
Im Prinzip hat mich diese pessimistische Einschätzung nur noch spitzer auf das Leben gemacht. Die zwei alten Säcke wollten mir eintrichtern, dass ich es verkorksen werde, nur weil sie es verkorkst haben. So waren Schopenhauers Worte, die ich mir daraufhin sporadisch durchlas, Gold wert, weil sich das genaue Gegenteil von dem, das er empfahl, als mein Weg für das Leben manifestierten:
„Ich bin Faust und die Welt liegt vor mir und ich will und werde Sie einsaugen!“
Das ungefähr war meine Reaktion, ich war high, war mir völlig klar, alles würde super werden.
Das ging gut, bis mich die nächste Miese-Laune-Front einholte. Ich verstand zunächst nicht, wieso man, obwohl man den Entschluss gefasst hat glücklich zu sein, schlechte Laune kriegen kann. Aber da wurde mir: Ganz egal welchen Plan, oder welche Einstellung man sich für das Leben zurechtlegt, wenn es einem mies geht - aus welchem Grund das auch sein mag -, geht es einem mies. Wenn man sich für die „Schopenhauer-zum-Trotz“-Variante entschieden hat, geht es einem sogar doppelt mies, weil er ja gewarnt hat und Recht hatte – auf dem ersten Blick. Denn was helfen seine Worte wirklich jetzt in diesem Augenblick?
Wenn man down ist, ist jede Lebensphilosophie für den Arsch! Man kann versuchen sich was einzureden und wenn das klappt, hat man Glück gehabt, aber wenn es nicht klappt (und ich bin mir sicher, das ist meistens der Fall), sind die Worte von jedem Neunmalklugem blanker Hohn, auch wenn sie noch so wahr sind.
Kleines Beispiel: Du liegst abends im Bett, hast Liebeskummer, oder heulst rum, weil du die Liebe deines Lebens immer noch nicht gefunden hast. Du bist wirklich traurig, kannst nicht schlafen und hast Bauchweh. Im Halbschlaf erscheint dir Schopenhauer, der dich anblafft, was du für ein Thor warst, als du glaubtest, das Leben wird ein Zuckerschlecken, dass du dich damit abfinden sollst und nur so glücklich sein kannst.
Ganz, ganz groß Schopi, tolle Idee, nur wie macht man das am besten? Ganz feste daran glauben, irgendwann wird man sich schon einreden können, es jucke einen nicht mehr, immer noch Single zu sein?
Wenn wir am nächsten morgen lebensfroh aufwachen und peinlich berührt sind vom Gejammer des gestrigen Abends, haben wir Glück. Vielleicht war man am Abend vorher nur melancholisch, hatte ein Gläschen zu viel.
Aber es bleiben die kleinen Unglücke, die uns auf die größeren aufmerksam machen, oder diese ankündigen. Man wacht nicht einfach auf und denkt: „Mein Leben ist scheiße!“. Man bemerkt, irgendetwas ist scheiße und kommt zu dem Schluss, dass es ein immanenter Fehler im System „Mein Leben“ ist. Den Fehler beheben zu wollen, anstatt ihn zu ertragen ist doch das logischste der Welt, es sei denn man ist ein Anhänger des Sich-Begnügentums…
Aber es kann auch der erste Schritt in einen Teufelskreis sein. Denn wenn man sich erstmal Gedanken über das Leben macht und warum das seinige einen immer öfter nachts nicht schlafen lässt, dann versucht man auch Konsequenzen zu ziehen, so gut das eben geht. Aber permanentes Über-sein-Leben-Nachdenken, ist nicht nur Anzeichen von großer Unzufriedenheit, sondern wiederum Quelle für neue Unzufriedenheit. „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“, das hat Kierkegaard, der Autor von „Sophie´s Welt“ gesagt.
Wenn du permanent versuchst, dein Leben sinnvoll zu gestalten; zwanghaft daran denkst jede Sekunde auszukosten, dann ist das nichts anderes als das stete Vergleichen des eigenen Lebens mit deinem Ideal und die Quelle einer riesigen Unzufriedenheit und ich habe am eigenen Leib erfahren, was das bedeutet.
Ich hab eine Zivi-Stelle, die mir relativ viel Zeit während der Arbeit für mich lässt. Ich kann lesen, oder surfen, ganz wie ich will. Irgendwie ist dieser Zivildienst-Job eine Parabel auf das Leben.
Es geht darum, wie man freie Zeit auf der Arbeit, beziehungsweise seine Zeit im Leben nutzt. Bei mir auf der Arbeit sah es so aus, dass ich es die ersten paar Male schön fand nichts zu tun. Aber nach der Zeit geht einem Rumsitzen nun mal auf die Eier. Das ist wie im Leben. Ist man arbeitslos während der Rest des Freundeskreises arbeitet, sind die ersten paar Tage vielleicht noch entspannend, aber irgendwann fängt zwangsweise der Frust an. Das fatale an meiner Situation war aber nicht, alle um mich rum arbeiteten zu sehen, nur mich nicht, sondern viel mehr niemanden bzw. nichts zu haben mit dem man die freie Zeit verbringen konnte oder wollte. Mein Entschluss stand recht schnell: Ich wollte die Zeit sinnvoll füllen und zu sinnvoll, dazu zählte ich - weise wie ich war - nicht nur Dinge, die ich später mal gebrauchen könnte, wie etwa Spanisch lernen, sondern auch Dinge, die mir Vergnügen bereiteten, wie Browsergames, lesen, oder Chatten.
Das Ergebnis war eine Katastrophe.
Klar meine Auswahl an Möglichkeiten war begrenzt, aber nicht nur deswegen ging es schief. Der Drang alles zu kontrollieren hatte sich verselbstständigt. Was ich auch machte, es war im Nachhinein immer Zeitverschwendung. Entweder es machte mir Spaß, war im Nachhinein betrachtet aber schnlichtweg nutzlos und ich ärgerte mich über die verlorenen Stunden, oder es war sinnvoll, machte mir aber nicht immer Spaß und ich konnte es nicht lange genug aushalten(, so wie Spanisch lernen) und ich landete wieder bei Variante 1 – ein Zustand des ewigen Nörgelns.
Die Revolution hatte ihre Kinder gefressen. Es war eine verzweifelte Situation, das permanente Draufachten, welches ich mit dem Zwecke gestartet hatte zufriedener während der Arbeit zu werden, ist in das komplette Gegenteil umgeschlagen: absolute Unzufriedenheit.
Selbiges hat sich in die äußere Welt übertragen. Ich wollte keine Zeit mehr sinnlos verstreichen lassen. Es wurde zum Wahn.
Obwohl ich mich doch so sehr bemüht hatte jede Sekunde beim Schopfe zu packen… „Carpe diem“?!…Was hatte Ich falsch gemacht? Sinnigerweise kam mir die Erleuchtung beim Zeitverschwenden: Ich sah samstags verkatert fern. Das Problem wurde mir klar, als ich Malcom Mittendrin, Episode „Dumm, aber glücklich“ sah. Der Inhalt kurz zusammengefasst: Malcom wird dumm, beobachtet sich aber dabei wie er glücklich ist.
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Voraussetzung für trübe Gedanken, ist Denken selbst. Deshalb ist es auch meistens die Zeit vor dem Einschlafen, in der wir traurige Gedanken schieben. Vor dem Einschlafen gibt es nur uns und unsere Gedanken.
Ich musste an die Schule denken, als wir in Philosophie darüber diskutierten, ob es besser sei eine glückliche Kuh, oder ein trauriger Philosoph. Nun war mir klar: Ich nehme Antwort a ! Wenn ich glücklich bin, geht mir Rest am Arsch vorbei!
Klar wusste ich, dass ich mich nicht in ein Schwein verwandeln lassen würde, böte mir eine Fee einen solchen Deal an. Und ich wusste auch von der Unmöglichkeit seine Gedanken abzuschalten. Aber hatte ich hatte schließlich erkannt - so banal das auch klingen mag-, dass Gedanken, so wahr sie auch sein mögen, nicht zwingend glücklich machen. Und das hat Sie irgendwie abgewertet.
Ich hatte außerdem erkannt: Hat man schlechte Laune, hat man schlechte Laune, so wie es regnet, wenn es regnet. Wenn man sich dessen just in dem Moment bewusst wird, wo man schlechte Laune hat, kann es sein, dass sich die Schlange selbst in den Schwanz beisst und man die Sinnlosigkeit des Sauer-Seins erkennt – Voraussetzung: ein nichtiger Auslöser der Missstimmung.
Ist man unzufrieden mit dem generellen Verlauf seines Lebens muss einem klar sein:
Man hat und wird Zeit seines Lebens Entscheidungen treffen und immer versuchen sein das Bestmögliche rauszuholen(was auch immer das bedeuten mag), aber ewiges Hadern und Vergleichen und Rumoptimieren bringt nur das Gegenteil von dem, was man möchte.
Zwar könntet ihr nun einwenden, ich stimme Opi-Schopis Depri-Theorie zu, indem ich unser Schicksal akzeptiere, aber das ist nicht wahr. Denn ich rufe ja gleichzeitig zum aktiven Engagement für unser aller Leben auf und nicht für das sich Begnügen mit Mittelmaß.
Ich warne nur jeden zwanghaft das perfekte Ideal verwirklichen zu wollen. Statt beim Ziel, sollte man beim Start anfangen zu überlegen. Frag dich: Was kann ich heute aus dem Tag rausholen, statt wie sieht der perfekte Tag aus. Träume und Spinne vor dich hin, sei verrückt und habe Ideen und erinnere dich verflucht noch mal auch an Sie, wenn es daran geht den Tag und dein Leben zu gestalten, aber ärgere dich nicht, wenn der Tag der heutige Tag dir nicht die Möglichkeit gegeben hat Sie zu verwirklichen, sondern guck was der nächste bringt. Und schließlich, wenn du zurückblickst, erinnere dich, wer es war, der sich dazu entschlossen hat, „Zeit zu vergeuden“, du warst es und du hast es damals für eine gute Idee gehalten.

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7 Antworten

Kommentare

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    Hui ich find ihn super. Mein Tag ist irgendwie gerettet jetzt.

    05.04.2009, 16:13 von Sommersprosse
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    die problematik kommt mir bekannt vor... kann ich auf jeden fall nachvollziehen.

    03.04.2009, 11:20 von moderniteter
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    ICH hab's durchgelesen, sehe aber kein Problem...
    Viel Spaß weiterhin.

    30.03.2009, 19:13 von sailor
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      @sailor Meine Empfehlung gab es wegen dem letzten Absatz, dem ich zustimme, und von dem ich meine dass es sich lohnt, ihn zu lesen.

      Es müssen ja nicht immer Problemtexte sein :-)

      31.03.2009, 19:09 von Cyro
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    "Obwohl ich mich doch so sehr bemüht hatte jede Sekunde beim Schopfe zu packen… „Carpe diem“?!…Was hatte Ich falsch gemacht? Sinnigerweise kam mir die Erleuchtung beim Zeitverschwenden: Ich sah samstags verkatert fern. Das Problem wurde mir klar, als ich Malcom Mittendrin, Episode „Dumm, aber glücklich“ sah. Der Inhalt kurz zusammengefasst: Malcom wird dumm, beobachtet sich aber dabei wie er glücklich ist. "


    und da hab ICH aufgehört zu lesen.

    30.03.2009, 15:51 von frl_smilla
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    Hey danke, aber ich schreibe zu oft Briefe :D

    30.03.2009, 15:43 von StevenGerrard88
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