mondscheingeschrei 25.07.2014, 12:12 Uhr 0 2

Irgendwann

kommst auch du an.

Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken, als der Regen ihr ins Gesicht peitschte. Ihr keuchender Atem zerriss die Stille des Abends. Einen Fuß vor den anderen setzend rannte sie. Wohin wusste sie nicht genau. Aus den Fenstern schien das Licht und warf verzerrte Silhouetten glücklicher Menschen auf den anthrazitfarbenen Asphalt, der sich langsam in ein Meer aus Pfützen verwandelte. Das Leben um sie herum schien zu pulsieren, während sie zwar rannte aber gedanklich stagnierte. Kein klarer Gedanke konnte sich ihrem Kopf entwinden. Tief sog sie die Abendluft in ihre Lungen, die schon begannen zu schmerzen. Sie wurde langsamer. Hielt sich die Seiten und blieb dann ganz stehen.

Den Kopf gesenkt versuchte sie keuchend den Schmerz wegzuatmen. Langsam richtete sie sich auf. Ihr Blick fiel auf ein Zimmer. Ein Mädchen, blonde Zöpfe ergossen sich über dünnen Schultern, saß auf dem Boden, einen Stift fest umklammert. Es zeichnete. Wirre Gedanken auf fleckigem Papier. Ein Szenario der Einsamkeit. Ein Bluterguss über dem linken Auge zeugte vom letzten Sturz. Eine einzelne Träne vom letzten verlorenen Kampf. Als sie gerade an die, sich unter ihrem Atem leicht beschlagende, Scheibe klopfen wollte, blickte das Mädchen erschrocken auf. Leicht zuckte es zurück und starrte ihr aus eisgrauen Augen fragend entgegen. Sie hob die Hand wie zum Gruß, wollte signalisieren dem Mädchen nichts Böses zu wollen. Wie gern hätte sie es in den Arm genommen. Ihm vom Erwachsen werden erzählt. Ihm erzählt, dass vieles Besser werden würde. Wie gern hätte sie ihm Mut zugesprochen den Kopf nicht hängen zu lassen.

Mit behutsamen Schritten kam das Mädchen auf das Fenster zu. Die Augen immer noch starr auf sie gerichtet, hob auch es die Hand wie zum Gruß und presste die Handfläche auf die kalte, schlecht isolierte, Fensterscheibe. Sie lächelte, doch das Mädchen blieb regungslos stehen. Nur sein Brustkorb hob und senkte sich leicht. Als sich hinter dem Mädchen eine Tür öffnete schrak es zurück und seine Mimik verwandelte sich in eine Mischung aus Furcht und  und einer Prise an Wut. Mit gesenktem Blick ging es wieder in die hell erleuchtete Mitte des Raumes, wo es sich mit deutlich zitternden Knien auf dem Dielenboden niederließ und weiter vor sich hin malte.

Die Tür schloss sich.  Scheinbar mit einem lauten Knall, den sie nicht hören konnte, doch sie sah wieder wie das Mädchen zusammenzuckte.

Sie senkte den Blick, unter ihr eine riesige Pfütze, deren Nass sich langsam durch ihre undichten Schuhe fraß. Über ihr ein unendliches Dunkel. Um sie herum eine unbeschreibbare Weite. Eine Freiheit die sich kaum in Worte fassen ließ. Und so rannte sie weiter.

Bald vergaß sie das Mädchen, das sie einmal war. Bald hatte sie ihr Lachen wieder gefunden. Bald wurde ihr bewusst ich komme an. Irgendwann.

Sie lächelte und eisgraue Augen verloren sich in der unendlichen Weite des Horizontes, während der Nordseewind ihr blondes Haar zerzauste, das sich in sanften Wellen über ihre dünnen Schultern ergoss.


Tags: Ankommen, mädchen, Beobachtung
2

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare