nonplusultra 16.10.2013, 20:22 Uhr 70 36

Im Rauschgewitter der Nacht

Im Rauschgewitter der Nacht, spült der brennende Wodka unerwünschte Gefühle in die weite Dunkelheit hinaus.

Die pulsierenden Bässe dröhnen in meinem Kopf, an den Wänden hängen flackernde Neonlichter. Ich bewege mich rhythmisch zum Klang der ohrenbetäubenden Musik, der Autopilot übernimmt. Ein vielversprechendes Lächeln, ein aufreizendes Zwinkern. Mein Körper, eine funkelnde Hülle, die von der tiefschwarzen Leere meiner kaputten Persönlichkeit ablenkt. Im Rauschgewitter der Nacht verwischen Sein und Schein.

Alkohol und Zigaretten, ständige Begleiter auf den regelmäßigen Irrwegen durch das oberflächliche Nachtleben. Der Fels in der Brandung, wenn Unsicherheit droht Überhand zu ergreifen. Die kleinen Pillen, die gewöhnliche Studentenpartys zu unübertroffenen Ereignissen verwandeln, zerstören langsam die Wahrnehmung. Erinnerungen sind verblasst, die Kontrolle verloren. In meinem Herzen wohnt ein schwarzes Monster, bestehend aus Bedeutungslosigkeit und Stille. Gleichgültiger Sex als Mittel für ein paar flüchtige Augenblicke falscher Geborgenheit. Liebe ist eine betäubende Illusion, Glück ein erfundenes Märchen. Im Rauschgewitter der Nacht lasse ich mich in die tröstende Mischung aus Traum und Sehnsucht fallen, genieße die Aneinanderreihung von verzerrten Momenten.

Während der grauen Morgendämmerung lässt der Rausch langsam nach und reißt mich zu Boden. Verloren, kraftlos, allein. Mit dem Rausch endet die Rastlosigkeit, die quälende Einsamkeit ist alles was bleibt. Alles was übrig ist. Sehne mich nicht mehr nach Nähe, denn man kann nichts vermissen, was man nicht kennt. Und ich spüre, wie das schwarze Monster in der Brust unaufhörlich weiter wächst. Wie es sich vom pochenden Schmerz ernährt, den ich schon so lange versuche auszublenden. Im Rauschgewitter der Nacht, spült der brennende Wodka unerwünschte Gefühle in die weite Dunkelheit hinaus.

Die Kommilitonen beschreiben mich als liebenswürdige Person, jemand der gut zuhören kann. Eine glückliche Studentin, mitten in der Blüte ihres jungen Lebens. Meine wahren Eigenschaften bleiben jedoch allen verborgen, wie ein geheimer Schatz in der Tiefe des Ozeans. Ich bin desinteressiert, verkorkst und tiefunglücklich. Bin eine verdammte Heuchlerin, die bereits zu lange eine Rolle spielt. Schon immer war ich die makellose Musterschülerin, die verständnisvolle Freundin, das selbstlose Mädchen von nebenan. Auf der Beliebtheitsskala ganz hoch oben, im Inneren am Boden zerstört. Im Rauschgewitter der Nacht zerbreche ich in tausend Teile, doch sichtbar ist nur das Glitzern der Scherben, die im Licht der Dunkelheit schimmern.

Das Leben zieht an mir vorbei wie ein Expresszug, ich nehme meine Umgebung nur flüchtig aus den Augenwinkeln wahr. Jeder Tag, jede Nacht besteht aus einer sich wiederholenden Routine. Ich schalte reflexartig auf Autopilot. Beobachte mich stumm aus der Ferne. Habe mir eine undurchdringliche Fassade aufgebaut, die stärker ist als ich, stärker als alle anderen. Niemand kann sie durchbrechen, niemand bemerkt das schwarze Loch das mich von innen aufzufressen droht. Ich bin der Schein, der trügt. Ich bin der Schein, der so stark strahlt, dass niemand mich sieht.

Und so atme ich weiter, ohne zu leben. Ohne mich lebendig zu fühlen. Die erstickende Leere breitet sich immer weiter aus. Doch die Erde dreht sich weiter - egal wie viel Leid ein Einzelner ertragen muss. The show must go on. Im Rauschgewitter der Nacht verliere ich mich, verliere den Halt und bin bereit für den nächsten kurzweiligen Höhenflug.

Ich ziehe meinen roten Lippenstift nach und werfe meinem Spiegelbild einen lasziven Kussmund zu, bevor ich meinen Mitbewohnerinnen in das verheißungsvolle Nachtleben der schnelllebigen Großstadt folge. Der Alkohol hat sich bereits in das Blut gemischt, eine winzige Pille wird auf der Zunge balanciert. Ich bin jung und habe nichts zu verlieren. Verschwende meine Jugend und warte.

Warte auf das Rauschgewitter der Nacht, das die deprimierende Wirklichkeit mit einem leuchtenden Schleier überzieht.


Tags: königindernacht, gefühlsleben
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70 Antworten

Kommentare

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  • 1

    LIEBE ES! es geht nicht nur dir so

    07.11.2013, 19:12 von VNA
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  • 0

    schön und flüssig zu lesen, tolle bilder!
    auch wenn es kein völlig neues thema ist, wird es oft nicht so gut reflektiert.

    26.10.2013, 11:55 von Talent_Borrows
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  • 0

    "Im Rauschgewitter der Nacht zerbreche ich in tausend Teile, doch sichtbar ist nur das Glitzern der Scherben, die im Licht der Dunkelheit schimmern." 

    26.10.2013, 00:34 von Pyrooo
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  • 3

    Ich breche ja selten eine Lanze für einen Autor/in, aber ich stelle mir gerade 2 Fragen: 

    1. Hier wird kritisiert das der Text thematisch nix neues zu bieten hat. 99% der Texte haben hier thematisch nix neues zu bieten, wie sollte das auch funktionieren und warum sollte das so sein?

     2. die Kommentare das die Protagonistin nicht jammern soll, lieber was ändern und da nix passiert finde ich nicht wirklich dolle. Weil leider ist die Welt kein Blümchenland in der Probleme immer durch (gelegentliche?) Selbsterkenntnis zu lösen sind und man sich wie Münchhausen an dem eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht.

    25.10.2013, 08:35 von Onkel_Fester
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  • 1

    Opfer.

    Und Buzzwords.

    23.10.2013, 10:32 von quatzat
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  • 5

    Freudloser Exzess, Selbsthass und zwanghaftes Um-sich-selber-kreisen war als literarisches Thema schon bei B.E. Ellis nix neues, und seitdem ist es zu ner wirklich nervigen Epedemie geworden.

    Und an alle, die ein "Geht mir genau so" unter den Text geklebt haben: wenn ich mir Nacht für Nacht meinen biochemischen Haushalt mit kleinen Pillen zerbombe, ist es eh klar, dass ich mich recht schnell wie ein emotionsarmer Zombie fühle.

    Serotonin und Dopamin stellt unser Körper nun mal nicht in endlosen Mengen zur Verfügung. If you can't handle the heat, stay out of the kitchen...

    22.10.2013, 17:41 von holo...
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    • 0

      alles mögliche im Leben kann als Flucht betrachtet werden, das muss kein Trivalhedonismus sein. sie wird eben dann sehr fad und leer, wenn sie nur noch weg, statt irgendwo hin will.

      22.10.2013, 18:29 von schauby
    • 2

      @ holo
      zur Epidemie der freudlosen Exzesse:

      was meinst du, sind die alle zu doof zum Genießen?  zu blöd sich selbst auf den Grund zu gehen ? und was dann? Antwort heißt ja nicht Lösung.
      wenn sich Mangel an innerem Halt nicht tragisch "regulieren" soll, wie könnte er es dann ?

      22.10.2013, 19:09 von schauby
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      Hab das, wie gesagt, eher in Bezug auf "freudlosen Exzess" als literarisches (im weitesten Sinne) Motiv gemeint.

      Ansonsten, tja? Sprengt wahrscheinlich den Rahmen hier...

      Generell kommt es mir ein bisschen so vor, als hätten die (jungen) Leute, die sich die Nächte vollgeballert um die Ohren hauen, das Spielerische und ironisch Gebrochene - also die Nacht als Ort der Maskerade - verlernt. Oder aber vor lauter medialer Selbstinszenierung nie gelernt, sich selbst zu finden (um spielerisch in andere Rollen schlüpfen zu können, muss man zunächst erstmal wissen, wer man denn überhaupt ist)

      Schwer zu sagen. Mir kommt es jedenfalls so vor, als hätte sich diese zwanghafte Nabelschau, zu der sich wohl ne Menge junger Leute genötigt fühlen, den Effekt, dass sie sich selbst als Mängelwesen wahrnehmen. Andererseits wenden sie diesen bewertenden Blick, der sie selbst so kaputt macht, auch auf ihre Umwelt an.

      Irgendwie führen die durchgehend Krieg gegen ihre Körper, ihren Geist und ihre Seelen.

      Einerseits tut mir das n bisschen leid, andererseits krieg ich von dieser exzessiven Nabelschau auch das kalte Kotzen. Anstatt sich mit dem Relevanten, also den Mechanismen und den menschliches Dasein determinierenden Systemen auseinander zu setzen, geht das die ganze Zeit nur um die eigenen Befindlichkeiten. Dass die Welt schlecht ist, wird zwar diffus wahrgenommen, aber der Blick richtet sich trotzdem nur nach innen.

      Wie kaltgestellte Frösche, die in ihrem Sumpf desperieren, um mal den ollen Friedrich zu zitieren...


      23.10.2013, 17:06 von holo...
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      im Grunde sind ja diese so empfundenen Ausweglosigkeiten, vielmehr die Freudlosigkeit als Grund für trostlose Ausschweifungen, eine natürliche Quelle für schöpferische Befreiungsschläge.
      Dass sich da keine Wut und Verachtung über die Verhältnisse so weit sammelt zu explodieren, dass sie wirklich ausbricht, sich Neuland bahnt, statt nur gebremst und ziellos immer wieder kleine Implosionen, halbherzige Selbstschädigungen die nicht nur das eigene Herz und Seele entleeren. Teilnahmslosigkeit, Lethargie, Zynismus abfärben wie das Weiße von einer Kaltwand. 

      Wo zur Hölle ist die Wut ?

      25.10.2013, 17:55 von schauby
    • 0

      Kalkwand

      25.10.2013, 17:55 von schauby
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    Wow.. Genau so fühle ich mich gerade auch . 

    21.10.2013, 14:17 von Weidenkatze
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    "... der Autopilot übernimmt."

    "Mein Körper, eine funkelnde Hülle, die von der tiefschwarzen Leere meiner kaputten Persönlichkeit ablenkt."
    "Und so atme ich weiter, ohne zu leben."
    "Doch die Erde dreht sich weiter - egal wie viel Leid ein Einzelner ertragen muss."
    - Die Wahrheit, die in diesen Worten liegt, macht mich ein ums andere Mal sprachlos. Führt mir mein eigenes, verkorkstes Leben auf unbarmherzige Weise vor Augen.

    20.10.2013, 12:49 von HNA_H
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