Goetz_v_B 08.09.2007, 03:03 Uhr 0 0

Im Hintergrund läuft Wolfgang Ambros.

„Freiheit hast nur,dass ma gehn kann wann ma wü“ singt er.

-Ich räume mein Zimmer auf. Heut, da ich nach meiner dritten Prüfung eine etwas längere Verschnaufpause habe. Vorgefunden hatte ich nur einen Berg aus Wäsche, Ordner, Bücher, Hefte. Im Grunde alles was, seit dem Aufräumen letzte Woche, nicht mehr gebraucht in Ecke geflogen ist. Es ist echt notwendig hier Ordnung zu schaffen. Ich stolpere über einen leeren Wasserkasten ,der in der Mitte meines Zimmers steht. Meine Klamotten sind längst auf einem Haufen oder im Regal. Sicherlich fiel er mir nur so auf. Ich stelle ihn zur Seite und ordne über ihm die Feminismus-Broschüren des Bundesverbands ins Bücherregal ein. Keine Ahnung wo ich die in meinem Zimmer aufgehoben habe. Beim Einräumen Bücher ergreift mich ein melanchonisches Gefühl. Das kann aber auch vom Ambros kommen. Obwohl er gerade ein lebensbejahendes Lied singt. Der Weilen fällt mir ein Buch des Deutschen Bundestages in die Hände. Ich blätter darin. Es ist wahrlich ein deutsches Geschichtsbuch. Ich habe es nicht gelesen. Ich konnte es auch gar nicht. Habs geschenkt bekommen, als ich mir vor zwei Tagen ne kleine Ausstellung anschaute. Leider war die Bundesrepublik Deutschland kein Abi Thema in Politischer Weltkunde. Ich denke ich hab trotzdem ein paar Punkte. Immer schwer einzuschätzen. Ich weiß bloß das mein Mathe-Abi diesmal richtig gut gelaufen ist. Und das nimmt die drückende Unruhe weg. Was soll ich eigentlich mit dem Stapel der JUSY-Festschriften anfangen? Ich schlage eine auf. „ONE WORLD ONE NATURE“ hat ein Mensch mit Edding über die E-on-Werbung geschrieben. Jetzt liegen sie bei mir in der Ecke. Ich muss sie irgend wann mal wegwerfen. Ich räume Zettel auf einen Stapel. Zettel die, während meines Kampfes mich vorzubereiten, von mir gelesen worden sind. Zum Teil aber auch ungelesen blieben. Wieder das leichte melanchonische Gefühl. Hätte ich mich nicht besser vorbereiten können. Das Material hätte ich dazu gehabt. Aber diese Frage ist heute Moppelkotze. Was vorbei ist, ist vorbei. Ich habe irgendwann alle meine Energie gegeben. Außerdem kann ich ja etwas. Dass das Ganze ein bisschen Glück bedarf war klar. Die Musik ist schon eine ganze Weile aus und ich komme beim Aufräumen nicht mehr weiter. Irgendwie ist Ambros heut passend. Ich drück nochmal auf Play. Es lebe der Zentralfriedhof. Mir fällt ein Aufkleber der SJe in die Hände. Ein Zitat von Alexandra Kollontai ist darauf abgedruckt. „Ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau – ohne Befreiung der Frau kein Sozialismus.“ Ich klebe den Aufkleber an die Außenseite meiner Zimmertür. Verdammt. Ich hab Außenminister in meiner PW-Prüfung mit doppel-s geschrieben. Schnell noch was essen. Ich laufe unruhig vom Toaster in mein Zimmer. Es ist schon spät. Ich muss morgen wieder Englisch lernen. Es ist vorbei. Stimmt nicht ganz, aber das Gefühl macht sich gerade breit. Ich blicke um mich. Das eigene Zimmer spiegelt das eigene Leben wieder. So heißt es zumindest. An einer Wand hängen Erinnerungsstücke. Es sind nicht viele. Wundert mich trotzdem. Hab nie viel davon gehalten. Manche erinnern an besondere Menschen andere an prägende Erfahrungen. Ja das ist mein Zimmer. Das ist mein Leben. „Freiheit hast nur,dass ma gehn kann wann ma wü“. Wieder singt es Ambros. Wie frei bin ich? Vier Jahre Berlin gehen in diesen Monaten zu Ende. Keine Ahnung was jetzt kommt. Ich hänge gerade meinen Versuch eines planmäßig strukturierten Lebens ab. Er endet am Freitag den 03.08.07. Ich blicke zurück. Vier Jahre. Ich versuche den Vergleich meiner unterschiedlichen Persönlichkeiten. Vieles hat sich in den letzten Jahren geändert. Neue Freunde. Neue Erfahrungen. Und sehr viel Selbsterkenntnis. Ich hänge noch schnell ein Plakat, das die Globalisierung von Kinderrechten fordert, zu den anderen. Jetzt hängt es neben Rosa Luxemburg und „Nein heißt Nein.“ Das Leben war vielleicht nicht einfach aber irgendwie fühl ich mich heute vorbereitet auf das was kommt. Freiheit? Nein ich werde mich irgendwie eingliedern müssen in dieses System gegen das sich mein tiefes Innere sträubt. Ich muss aber auch meinen eingeschlagenen Weg weitergehen. Einen Weg, der noch im Dunkeln liegt. Aber das ist egal denn das eigene Gefühl weist die Richtung. Wer weiß was ich in einem Jahr mache. Weißt du wo ich in fünf Jahren bin? Ich weiß bloß das ich als Mensch weiterbestehen will.

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