Ich wünschte, es ließe mich los
Der 9. August 2003 hat mein Leben verändert . Ein Anruf. Mein Bruder wurde von einer S-Bahn erfasst. Laut Google ist es ein Samstag gewesen.
Meine beste Freundin besucht mich in Hamburg – zum Glück gerade an diesem Wochenende. Wir sind kaum aus dem Haus und überlegen noch am Ticketautomaten der S-Bahn, welches Ticket am günstigsten ist, da klingelt mein Handy. Am anderen Ende ist der beste Freund meines Bruders, die beiden verbringen wie wir Mädels ihr Wochenende gemeinsam. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass er nicht wie üblich flapsig ist, sondern einfach völlig durcheinander, so dass er sich nicht besser ausdrücken kann. Ich solle zuhören, er müsse mir etwas Schlimmes sagen. Ich wiegele ab. Nein, wirklich, meinem Bruder sei etwas wirklich, wirklich Schlimmes passiert. Noch immer gehe ich nicht ernsthaft auf ihn ein und verschlimmere die Absurdität unseres Telefonates so immer mehr. Endlich dringt er zu mir durch: mein Bruder ist unter eine anfahrende S-Bahn geraten und wurde meterweit mitgeschleift. Er liegt im Koma im Krankenhaus in Köln. Mein Kopf rotiert – warum weine ich nicht? Warum werde ich nicht ohnmächtig? Was ist los mit mir? Mein über alles geliebter Bruder, mein bester Freund schwebt in Lebensgefahr und ich zeige keinerlei Reaktion. Erst im Nachhinein habe ich begriffen, wie sehr ich unter Schock stand.
Im Sturmschritt hetzen wir zurück in meine Wohnung. Er berichtet weiter: von der Schwere der Verletzungen, der stundenlangen Notoperation, dass ich die erste sei, die er informiert, er traue sich nicht, seine oder meine Familie anzurufen, dass er die ganze Nacht im Krankenhaus gewacht habe, bis er schließlich weggeschickt worden sein, dass er morgens erneut da gewesen wäre, sich als Bruder ausgab, um Informationen über den Zustand zu erhalten. Dann gibt er mir die Nummer der Intensivstation. Ich bin zu durcheinander, habe Angst, sprachlos zu werden. So ruft meine Freundin an, gibt sich wiederum als mich aus – alles steht Kopf. Zum Glück hat sie einen medizinischen beruflichen Background, so dass sie mir anschließend genau sagen kann, wie es um ihn steht: Schnittwunden, Prellungen, Schürfwunden, Einblutungen in der Leber, die zu platzen droht… und die Unsicherheit, ob sein Bein erhalten werden kann. Sie haben Muskeln, Sehnen, Nerven wieder verbunden, doch der Gewebeverlust ist immens, so dass sein Körper mit hohem Fieber reagiert.
Und nun geht alles ganz schnell: Mama versucht die Fassung zu wahren, aber ich kenne sie zu gut, um nicht zu wissen, dass sie sich kaum aufrecht halten kann. Mein Vater denkt, ich scherze, für ihn ist alles immer nur ein Scherz. Er wiegelt ab und ich schreie fast, er solle mir endlich zuhören. Dann wird er plötzlich ganz sachlich, meldet sich auch beim Krankenhaus, fragt, wer zuerst fahren soll, Mama und ich oder er? Ich packe wie im Nebel meine Sachen, muss selbst an allerlei Medikamente denken, ohne die ich selbst bald zum Notfall würde. Meine Freundin fährt mich heim. Während der Fahrt Richtung Bremen kreist unser Gespräch eine Stunde um das gleiche Thema – unterbrochen von Anrufen von Mama, Papa, meinem Onkel, Mamas Freund.
Als ich ankomme, wollen mich Mama und ihr Partner allen Ernstes zwingen, etwas zu essen. Ich könnte schreien. Wissen sie denn nicht, dass wir sofort los müssen? Nach vier Jahren weiß ich immer noch, dass es Suppe gab. Wieder im Auto, nun unterwegs nach Köln, schreibe ich wie eine Wahnsinnige SMS an meine liebsten Freunde. Ich will ihre Gedanken bei uns wissen. Es sind nur 300 km und wir machen ernsthaft eine Pause. Mittlerweile bin ich völlig irre und zerrupfe den Kuchen gekonnt, statt ihn zu essen.
Endlich nähern wir uns dem Uniklinikum. Ich kann den Freund meines Bruders nicht erreichen, dabei wollte er kommen, wenn wir da sind. So machen wir uns allein zur Intensivstation auf. Direkt davor liegt die Klinikkapelle, wie passend. Wir werden zunächst in ein Gesprächszimmer geführt, ein Arzt kommt und redet mit uns. Ich weiß doch schon alles, will nur zum Bett, werde wütend auf Mama, als ihre Beine bei den Schilderungen des Arztes versagen. Und dann ist es soweit. Will ich da wirklich reingehen? Bevor ich mir darüber klar werden kann, haben meine Füße sich schon entschieden. Wer liegt dort? Mein Bruder nicht. Das wüsste ich, so sieht er nicht aus: wächsern, Gel auf den Augenlidern, das Gesicht völlig ausdruckslos, der Brustkorb hebt und senkt sich ruckartig im Takt der Maschine, überall Kabel, Infusionen, Katheter. Ich fange an zu schreien und werde von aus dem Nichts erschienenen Personen bestimmt aus dem Zimmer geschafft. Als ich endlich wieder atmen kann, drängt es mich zurück ins Zimmer. Ich habe ihm doch Leo noch nicht gegeben, meinen Stoffelch, der mich bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt begleitet hat. Doch wo lege ich ihn hin? Da ist kein Platz, überall läge er auf medizinischem Equipment. So klemme ich ihn zwischen Fußteil und darüber laufender Leiste ein. Und wundere mich – wann genau haben Mama und ich unsere Kräfte gewechselt? Ich kann ihn kaum berühren, ihn nicht ansprechen. Und sie küsst und streichelt ihn, nennt ihn Joschel und erschrickt nicht wie ich, als er plötzlich die Lider öffnet und seine Augen unkontrolliert rollen. Plötzlich ist alles voller Weißkittel, wir werden rausgeschickt und als wir wieder zu ihm dürfen, liegt er so reglos da wie zuvor. Ich erinnere mich nur vage an den restlichen Tag. Wir haben den Freund meines Bruders getroffen, uns aneinander festgeklammert, sind abends zu Verwandten nach Bonn gefahren und haben dort geschlafen.
Ab nun spielt mir meine Erinnerung einen Streich nach dem nächsten: Ich weiß nicht mehr, wann die Ankündigung kam, sie würden versuchen, ihn aufzuwecken. Ich weiß nicht mehr, wann wir zur Polizei mussten, um zu erfahren, dass es keine Zeugen für den Vorfall gab, jedoch einen Lebensretter und die Möglichkeit, dass der Nahverkehr Köln ihn wegen der Umstände verklage. Ich weiß nicht mehr, wann auch mein Papa endlich kam. Auch der Freund ist ohne Orientierung, er steht tagelang unter Schock, gibt sich alle Schuld, hadert, warum es nicht ihn getroffen hat. Aber ich weiß noch, dass ich immer wieder aufschreckte, mir wünschte, ich würde aufwachen. Ich habe mir noch nie so oft gewünscht, es wäre alles nicht wahr – nicht als meine Eltern sich trennten, nicht als ich Insuliner wurde, nicht als ich mir eine zweite chronische Krankheit angelte.
Und dann ist es endlich soweit: Er atmet selbst, er ist wach, er spricht mit uns. Es ist kaum zu ertragen, wie schwach er aussieht, wie sehr er sich quält. Mein kleiner Bruder, der Alleinunterhalter, Bewegungsfanatiker, mein Beschützer und Anker in allen Lebenslagen.
Mein Alltag sieht nun wie folgt aus: Ich wohne bei dem Freund meines Bruders (er selbst war auch nur zu Besuch in Köln), stehe morgens früh auf, fahre ins Krankenhaus, sitze den ganzen Tag an seinem Bett, spiele etwa eine Million Partien Stadt-Land-Fluss mit den absurdesten Kategorien, versorge ihn mit Sportzeitschriften, Säften, schere ihm den Kopf, weil die Haare irgendwann beginnen, sich zu verfilzen, versorge meine Eltern per Telefon mit allen neuen Informationen, fahre zu meinem neuen Zuhause, putze ab und an, koche und versuche, mich unsichtbar zu machen, was mir aber nur schlecht gelingt, so dass mein Wohnungsboss kaum zum Lernen für die Uni kommt. Am Wochenende fahre ich heim, während meine Mama mich im Krankenhaus ablöst. Kaum verlässt der Zug Köln, beginne ich zu weinen und kann erst in Hamburg wieder aufhören. Dort finde ich mich immer wieder an Orten, von denen ich nicht weiß, was ich dort will oder wie ich dort gelandet bin.
Unterbrochen wird diese Routine durch die zahlreichen Folgeoperationen, in denen die Ärzte zunächst versuchen, das weitere Absterben von Gewebe zu stoppen, um die Wunde schließlich mit Hauttransplantationen zu schließen. Einmal versuchen wir, die Station zu verlassen – schlechte Idee. Er hat im Rollstuhl sitzend solche Schmerzen, dass er fast zu weinen beginnt. Doch alle Tränen rollen erst sehr viel später. Highlight dieser Wochen ist der Geburtstag von Mama, den wir alle gemeinsam verbringen. Wir drei (der beste Freund meines Bruders ist ebenso wie meine beste Freundin quasi ein weiteres Familienmitglied) Kinder schenken alle eine Sonnenblume, die mein Bruder – Premiere – stehend überreicht. Es folgen wackelige Gehversuche und viele immer gleiche Tage, die nur durch das Personal zu unterscheiden sind.
Und plötzlich geht alles ganz schnell: Morgen soll er entlassen werden. Mitten unter der Woche, so dass keine Verwandten kommen können, um uns mit dem Auto abzuholen. Und nun? Zugfahren ist unmöglich: er kann kaum gerade sitzen, benötigt Gehstützen, hat kaum mehr Muskelkraft. Außerdem haben sich Berge an Büchern, T-Shirts, CDs angesammelt, die ich samt meinem Gepäck kaum allein tragen könnte. Doch nach einigen Telefonaten ist alles klar: wir dürfen auf Krankenkassenkosten ein Taxi nehmen, für die ganze lange Strecke von Köln nach Bremen zu Mama. Nach über 300 Kilometern kommen wir völlig fertig an, er, weil er seit Wochen nicht so lange am Stück in der gleichen Position ausharren musste (delikat ist besonders die Stelle der Hautentnahme direkt am Po), ich, weil ich jede Straßenunebenheit mitgelitten habe.
Nach der ersten Euphorie, dass er nicht mehr im Krankenhaus liegt, folgt die Ernüchterung durch die nun folgende (wenn auch neue) Routine: täglich eine Fahrt ins Krankenhaus zur Physiotherapie, dreimal die Woche zum Chirurgen zur Wundkontrolle. Absurd, wie sehr man abstumpft: ich helfe meinem Bruder täglich beim Verbandwechsel an den vier noch offenen Stellen und habe schon bald keine Scheu mehr, frische Narben, zum Zerreißen gespannte Haut und einen nur von einer dünnen Hautschicht überzogenen Muskel einzucremen. Sein Bein sieht aus wie ein Comic-Surfbrett, aus dem ein Hai einen Bogen ausgebissen hat. Und ich versuche meine Mama, die nicht die Kraft aufbringt, die Wunden zu betrachten, immer wieder dazu zu bewegen, sich zu überwinden. Unsere Kräfte haben wieder die Körper getauscht.
Ganz allmählich erobert mein Bruder sich den Alltag zurück, kann wieder allein gehen, laufen, Autofahren, Treppen steigen und kehrt schließlich nach Frankfurt zu seiner Arbeit zurück. Er will eine Aussage bei der Polizei machen, weil er das schwebende Verfahren nicht länger ertragen kann. Nein, so ginge das nicht, wo kämen wir denn hin, wenn jeder einfach ohne Vorladung eine Aussage machen wollte. (Mittlerweile ist klar, es wird keine Anklage erhoben.)
Auch mein Studentenleben geht weiter. Und dennoch lässt es mich nicht los. Immer wieder bekomme ich urplötzlich Herzklopfen und die Angst um meinen Bruder lähmt mich. Ich wache nachts auf und ertrage die Dunkelheit nicht. Ich weine bei jedem Abschied von ihm, weil ich weiß, ich könnte ein Leben ohne ihn nicht leben. Wann wird das endlich aufhören?


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Kommentare
Ich hab auch einen Kleinen Bruder, und beim Bloßen Gedanken das ihm was passieren könnte, wird mir Angst und Bange!
06.03.2008, 00:37 von LadyMargeIch wünsche euch alles erdenklich Gute!!!
Es haut mich echt um - ich habe gerade meinen Artikel über "die andere Seite" beendet (das Leben als Praktikant auf der ITS) und lese nun deinen. So eindrücklich, wie du die Situation beschreibst, lässt es einen an allem Zweifeln, an das man selbst geglaubt hat. Denn auch wenn ich weiß, dass das Personal mitfühlt, vor allem bei solchen Fällen wie diesen, muss sich die Empathie in Grenzen halten, um ein Weitermachen zu ermöglichen.
29.12.2007, 23:51 von kehlkopfentzuendung2Erschüttert hoffe ich trotzdem, dass du bald all diese traumatischen Ereignisse verarbeitet hast
Wow, eine fesselnde Geschichte. Unheimlich gut geschrieben finde ich. Ich wünsche Dir alles erdenklich gute und deiner Familie....du schaffst das denn in dem Moment wo es darauf ankam hast du es ja auch geschafft. Ich glaube an dich!
29.10.2007, 20:29 von Lela1bin grad sprachlos....
27.10.2007, 13:19 von katinka8es ist immer wieder erstaunlich wo man in solch einer situation die kräfte hernimmt und doch hat man sie...
dir, deinem bruder und deiner familie alles leibe und gute.
liebe grüße
ich habe keine worte. es tut mir echt leid dass dir sowas passiert ist. es ist echt sehr krass. du zeigst dass du eine sehr starke person bist dass mun man dir sagen, obs dir was bringt weiss ich nicht, vielleicht weiterzumachen wie dus bisher geschafft hast.
26.10.2007, 14:17 von takeurmedsich wünsche dir das allerbeste, du kommst mir wie eine sehr gute schwester und tochter vor.
Dein Text rührt mich...ich könnte mir ein Leben ohne meinen Bruder auch kaum vorstellen, er ist mein ein und alles. Ich bin beeindruckt von deiner Stärke, ich denke ihr alle habt ihm die Schmerzen sehr erleichtert.
26.10.2007, 12:30 von ExistenzWeiterhin alles gute für dich und deinen Bruder.
Liebe Grüße, Ellen
Ich habe wirklich Gänsehaut bekommen. Aber so schlimm das alles ist, er lebt noch und diese Qualen für einen geliebten Menschen auf sich zu nehmen bedarf wohl keiner Frage nach Richtigkeit.
25.10.2007, 12:58 von GottimHimmelIch wünsche euch alles Gute.
Ich wünsche deiner Familie alles Gute und weiterhin Kraft!
22.10.2007, 16:01 von resepeseVielleicht solltest du mal zum Psychologen gehn, damit du besser mit dem Vorfall umgehen kannst?
liebe Grüße
rese
ich hab echt tränen in den augen. hab selbst 'nen jüngeren bruder und ich könnte mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ihm so etwas passieren würde. ich glaube mein leben würde total auf den kopf gestellt werden und ich könnte keine minute ohne ihn sein ...
22.10.2007, 09:50 von danie1207