Richard_at_Neon 12.08.2012, 20:16 Uhr 16 37

Ich sage ja

Die kühle Luft wandert unter Hose und Shirt, weckt mich auf und lüftet das Hirn.

Die Reste der Nacht hängen zwischen den Tannen vor dem Fenster, als ich die Augen aufschlage. Mein Tag-Nacht-Rhythmus wurde von der Faulheit der letzten Tage  verschluckt. Ich habe es mal wieder nicht ins Bett geschafft und der Fernseher läuft auch noch. Scheiße, denke ich und meine damit das Programm. Ich bin untergetaucht, um in mich zu gehen, habe knapp 600 km zwischen die Realität und mich gebracht.

Gedanken, so gehaltvoll wie Watte, nehmen wichtigen Platz weg. Ich brauche Entscheidungen, die ich mir abnehmen muss. Stattdessen stapeln sich in der Küche leere Dosen und schmutzige Kaffeebecher. Ich schaue an mir herunter. Rote Flecken von Soße und getrocknetem Blut sprenkeln mein T-Shirt und untermalen den Gestank, der unter meinen Achseln empor strömt und meine Luft verpestet. An Tag Sechs entscheide ich mich für Dusche und Zahnbürste, um Schwung in das Ganze zu bringen. Unter der Dusche warten die mückigen Biester auf mich, um neue Blutherde auf Brust und Rücken zu säen. Ich lasse sie. Mücken sollen mein kleinstes Problem sein.  

Mein Kopf schreit nach Lösungen, die ich in der Einöde dieses sächsischen Waldes finden will. Das Studium macht nicht mehr glücklich, weil die Perspektive eine beschissene ist. Studium schmeißen und die angebotene Vollzeitstelle meines Chefs annehmen? Scheint vernünftig angesichts ihres positiven Schwangerschaftstests. Bin ich dazu bereit? In mir herrscht Chaos, das mich überfordert, einengt und zu lähmen scheint. Ihre Worte hallen auch mit 600km Entfernung noch nach: „Weglaufen ist auch keine Lösung.“ Und das ist dann auch der einzig klare Gedanken, den ich seit meiner Ankunft fassen kann.

Draußen im Morgengrauen klopft ein Specht, der Waldboden knistert und der Tau der Nacht lässt die Spinnennetze auf der Veranda glitzern. Ich setze mich dazu und lausche. Die kühle Luft wandert unter Hose und Shirt, weckt mich auf und lüftet das Hirn. Hier gehöre ich nicht hin. Zuhause ist, wo sie ist. Wo Verantwortung auf mich wartet. Wo ich mich dem stellen muss, was es zu lösen gilt.

„Wie konnte das passieren?“

„Wie konnte das passieren???“ Ungläubig hatte sie mich angeschaut. Ich weiß, das war nicht die Reaktion, die sie sich erhofft hatte und ich jemals geben wollte. Aber Überraschungen waren noch nie meins.

Und als ich so auf der Veranda sitze und auf die Lichtung blicke, die meine Eltern gerne Garten nennen, tief ein- und ausatme, überkommen mich Schuldgefühle. Sie vertreiben die Trägheit der letzten Tage, stiften Unruhe im Kopf und geben dem Herzen Sicherheit. Plötzlich scheint alles ganz klar und es schreit so laut. Hier gehöre ich jetzt nicht hin.

Ich schalte mein Handy an und hoffe auf Empfang. Ein Balken reicht aus, um zu sagen, was längst überfällig ist. Ich achte nicht auf die Uhrzeit, weiß ich doch, dass sie seit sechs Tagen auf nichts anderes wartet.

Es tutet – einmal – zweimal. Mit dem dritten Mal höre ich sie erleichtert sagen: „Du lebst.“

Ich sage: „Ja.“ Und der Empfang ist wieder weg.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich finde den Text klasse. Für mich kam die unerwartete Wende beim Telefonat.

    03.09.2012, 17:04 von Johannesv2xi
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  • 1

    die innere anspannung ist spür aber nicht greifbar. es ist ein wenig so, als stehe man vor der tanzfläche aber eben nicht auf ihr. der leser darf nur "zuhören", aber nicht dabei sein. mir fehlt daher etwas. aber ich mag den schluss. ja den mag ich sehr.

    19.08.2012, 23:26 von Mechthild_Bundschuh
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  • 0

    Ich nicht.

    19.08.2012, 22:18 von SexyBrigitte23
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    Ich bin untergetaucht,
    um in mich zu gehen, habe knapp 600 km zwischen die Realität und mich gebracht.


    Wunderbare Textstelle.
    Ansonsten ein guter Text, wenn auch etwas Verwirrung stiftend.

    17.08.2012, 10:34 von Tasha_
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  • 2

    Ja, wie konnte das bloß passieren?
    Immer wieder die dümmste aller Fragen.

    Ansonsten, mmh. Bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich den finde.

    16.08.2012, 13:01 von Tanea
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  • 0

    sehr schöner text...:)

    15.08.2012, 20:26 von peffbee
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    ie aneren beien Texte gefielen mir besser.

    14.08.2012, 23:26 von topfbluemchen
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  • 0

    ich blick nicht durch, finde aber die Wörter ganz hübsch. sag ihr jedenfalls, dass es nicht von dir ist.

    14.08.2012, 21:52 von Surecamp
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  • 0

    Oh, eine Drei-Fragezeichen-Geschichte.

    14.08.2012, 13:45 von quatzat
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  • 2

    ich bin immer hin und her gerissen bei deinen texten. aber der hier bekommt – trotz des wortes hirn im text, was dort meiner meinung nach nicht hin gehört – eine empfehlung, weil er für mich stimmig ist.

    14.08.2012, 10:21 von mo_chroi
    • 1

      Schön, dass dieser ein Herz von dir verdient hat. Danke sehr.

      14.08.2012, 11:16 von Richard_at_Neon
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