Frau_Irma 30.11.-0001, 00:00 Uhr 34 58

Ich nehme Tor 2

Erwachsensein

Früher gab es mal diese Spielshow.
In der haben Kandidaten Umschläge in die Hand bekommen.
Darin waren Reisen oder Geld. Oder eine Niete.
Das wusste man nie so genau.
Der Moderator hat ihnen immer wieder neue Umschläge geboten mit vermeintlich besseren Gewinnen. Zum Schluss gab es sogar Tore. Hinter denen haben sich dann noch größere Reisen und noch mehr Autos versteckt. Oder der Zonk. Dann hatte man zu hoch gepokert. Seinen Einsatz gegen etwas Wertloses getauscht.

So würde ich das mit dem Erwachsensein erklären.
Nicht das mit dem Erwachsen werden.
Erwachsen werden heißt erstmal ein paar Umschläge tauschen, auf Tore setzen und Neues riskieren.
Erwachsensein ist der Moment, in dem du deinen Umschlag öffnest. Oder ein Tor wählst.
Und dann Bilanz ziehst, ob du auf das Richtige gesetzt hast.
Wenn du Glück hast, hast du den Zonk gegen eine Traumreise getauscht.
Wenn du Pech hast, ertönt ein trauriger Trötenton und du musst den Umschlag mit der Traumreise abgeben.

Ich habe in meinem Leben einiges gesetzt.
Träume gegen Sicherheit.
Misstrauen gegen Liebe.
Neugier gegen Halt.
Vieles war mir gar nicht so bewusst.
Vieles war Verlockung.
Einiges Unerfahrenheit.
Der Rest Risiko.
Und jetzt stehe ich hier.
An diesem Abschnitt in meinem Leben und ziehe Bilanz.
Habe ich gewonnen? Das große Los gezogen?
Oder war hinter Tor 2 doch nur der Zonk?

Ich bin nicht einer dieser Menschen, die einfach alles immer so annehmen wie es ist. Ich grübel zu viel. Ich verkenne Tatsachen. Bilde mir ein, dass ich vieles anders machen würde. Bis mir einfällt, dass ich Entscheidungen getroffen habe, weil ich war wie ich war. Genau in dem Moment. Und dass man die berühmte Lektion erst im Nachhinein lernt.

Und eigentlich habe ich ziemlich viel gewonnen im Leben.
Eigentlich bin ich doch genau da, wo ich sein wollte.
Und gleichzeitig habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, was  passiert, wenn ich genau da bin, wo ich sein wollte.
Was mache ich denn jetzt mit dem neuen Auto hinter Tor 2.
Ich brauche doch überhaupt kein Auto.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, neue Ziele zu definieren.
Neue Träume zu wünschen.
Neue Wünsche zu formen.

Vielleicht sollte ich ab morgen vegan leben. Oder makrobiotisch.
Vielleicht solle ich dieses Wärme-Yoga ausprobieren. Oder mich bei Iwillmakeyousupersexy.com anmelden.
Vielleicht sollte ich Mutter werden oder in Römischer Geschichte promovieren.
Vielleicht sollte ich mit einem Klapprad um die Welt fahren und alle fünf Minuten darüber bloggen.
Vielleicht sollte ich einfach nur zum Friseur gehen oder in Aktien investieren.

Aber vielleicht reicht es auch, einfach mal Inne zu halten.
Zur Ruhe zu kommen.
Der Welt nicht hinterher zu rennen.
Und vielleicht heißt Erwachsensein auch, dass
es nicht drauf ankommt, was man zum Schluss gewonnen hat.
Sondern was man bereit war, zu setzen.





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34 Antworten

Kommentare

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    Wersn Inne?

    16.05.2015, 13:16 von sailor
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    nice!!!

    16.05.2015, 11:39 von HohleSpeckBarbie
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  • 5

    Ich komm mir vor, als hätt ich mich durch 100 Hochglanztussen-FB-Profile mit hoher Lebensweisheitsmemendichte im Sepialook geklickt.

    30.03.2015, 09:21 von quatzat
    • 0

      Du machst ja Sachen...

      30.03.2015, 09:28 von Frau_Irma
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  • 0

    Toller Text! 

    28.03.2015, 11:16 von MiriMupfel
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  • 2

    In Michael Endes "Die unendliche Geschichte" steht auf dem Amulett: "Tu was du willst". Im Grunde genommen ist es das. In letzter Zeit höre ich immer öfter: "Genieße, was du tust." Wenn ich diese beiden Ratschläge beherzige, so gut es eben geht und im täglichen Leben möglich ist, tritt die Frage darüber, was ich setze & gewinne zumindest in den Hintergrund.

    27.03.2015, 13:50 von jeanmidinuit
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  • 5

    steig in dei audo unn foahr duach die wöldgschichdn!

    27.03.2015, 11:28 von ga
    • 2

      beschter kommendar! :D

      27.03.2015, 13:50 von Frau_Irma
    • 0

      steigflug

      27.03.2015, 16:05 von ga
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  • 2

    Uhhh...that's a little bit too cute.

    27.03.2015, 09:25 von mirror87
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  • 0

    Is recht philosophisch geworden.

    Sicher hat jeder seine eigene Perspektive auf das Leben. 
    Ob das jetzt unbedingt die Gegenüberstellung von Tatsache ist, weiß ich nicht, es gibt aber auch welche, die träumen ihr Leben lang irgendwas hinterher, und wenn sie am Ende sind, 40 oder 50 Jahre später, stellen sie fest, dass sie nie dorthin angekommen sind, wohin sie wollten. 
    Das ist wie Lottospielen, nächstes Mal könnte es doch klappen.

    27.03.2015, 09:19 von marco_frohberger
    • 0

      Tatsache ist --> Tatsachen sind

      27.03.2015, 09:20 von marco_frohberger
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    • 3

      Das mag zum Teil stimmen, WhereWhenWhy. Es gibt bestimmt genug Menschen, die so denken, ABER es gibt auch noch die, die an die Ehe glauben, WEIL sie eine innige, gleichberechtigte, glückliche Beziehung haben. Oder die, die wirklich Führungsqualität besitzen und gerade deshalb nach einer Führungsposition streben. Wer sich nur an dem orientiert, was vermeintlich als erstrebenswert gilt, der wird sicherlich irgendwann selbst auf der Strecke bleiben. Aber manche erreichen die gesellschaftlich normierten Ideale, ohne sich daran orientiert zu haben. Eben weil sie so sind.

      27.03.2015, 10:18 von Bender018
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    • 0

      Nein, mitnichten angegriffen gefühlt ;)

      Wollte nur sagen, dass es auch andere Menschen gibt, weil deine Aussage so allgemeingültig klang. Alles gut.

      27.03.2015, 10:54 von Bender018
    • 0

      Die Frage ist ja eher, was ist wenn du "anders" und gegen "Konventionen" gelebt hast. Wenn du trotz Medizinstudium Künstler geworden bist. Mutig warst. Und dann fünf Jahre lang den Pinsel geschwungen hast und dich plötzlich eben fragst: und jetzt? Ich hab mir doch die Träume erfüllt, bin andere Wege gegangen. Was kommt als nächstes?
      Gerade wenn du nicht nach Karriere und Geld strebst ist es doch schwerer, neue Ziele zu definieren. Wenn du den "Luxus" hast, auf dein (kitischig) Herz zu hören...

      27.03.2015, 11:09 von Frau_Irma
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