Vera_Schroeder 14.05.2009, 12:09 Uhr 0 3

»Ich liebe das Leben«

Unsere Autorin dachte immer, ihre Pubertät wäre ganz spannend gewesen. Dann entdeckte sie ein altes TAGEBUCH.

Der letzte Eintrag meines Tagebuchs stammt vom 7.9.1993. »MAL WIEDER PROBLEME« steht in Großbuchstaben über dem mit grünem Filzstift verfassten Text. Er endet nach einer dreiviertel Seite mit dem Satz: »Ich bin wirklich reif für eine echte Beziehung, und es wäre toll, wenn endlich was passiert! « Darunter, mit etwas Abstand in Blau und der Kinderschrift meiner kleinen Schwester: »Reif wie eine reife Tomate. Ketchup!!!« Damit, dass meine Schwester mein Tagebuch in einer Schachtel unter dem Bett gefunden und dann fast jeden Eintrag einzeln kommentiert hatte, endete meine Karriere als beflissene Chronistin meines Gefühlslebens. Ich war sechzehn Jahre alt. Und wie sehr ich meine Schwester auch dafür hasste, heute weiß ich: Es war das Beste, was mir passieren konnte.

Jungs, Streit mit den Eltern, Busen-Spätwachs-Komplexe, Jungs, Jungs, Jungs. Wirft man nach fünfzehn Jahren des Verdrängens erstmals wieder einen Blick in sein Teenietagebuch, bekommt man erst einen Schreck, dann einen roten Kopf und dann ein paar Ahnungen: Keine Phase des Lebens hat man so falsch in Erinnerung wie die Pubertät. Nie mehr entspricht man so sehr dem schlimmsten Klischee der eigenen Altersgruppe - und fühlt sich dabei auch noch schrecklich individuell. Und nie mehr in meinem Leben möchte ich so sehr nur um mich selbst kreisen müssen. Eintrag Nr. 126, 12.11.1989: »Leider habe ich, trotz meines an sich glücklichen Lebens manchmal Krisen. Einmal, daß ich oft trotz großem Willen und oft auch Anstrengung schlechte Noten schreibe, und zum anderen, daß ich immer mitansehe, wie andere Mädchen aus meiner Klasse (z.B. Belinda) schon viele echte Freunde haben. Ich kann nicht mitreden. Aber ich bin immer verliebt!!! Ich weiß nicht, wieso mich nie mal ein netter Junge anspricht und ich darauf für ihn passend antworte. Aber wenn mich jemand anspricht, sage ich nie etwas. Danach bin ich happy, aber was bringt mir das? Liebes Tagebuch, ich weiß nicht, ob du mir helfen kannst, aber es könnte ja sein: Bitte schicke mir einen hübschen Jungen und eine 3 in Latein (2 wäre besser).«

Mal abgesehen davon, dass ich zu dieser Zeit anscheinend glaubte, dass sich Gott zwischen zwei mit Edding angemalten Buchdeckeln verstecken könnte: Wie kommt man dazu, drei Tage nach dem Mauerfall über nichts anderes als die eigenen Liebesnöte nachzudenken? Im ganzen Buch, das im Februar 1988 mit dem Eintrag »Mein Zwergkaninchen Hoppel« beginnt und eben 1993 endet, nur Texte wie dieser hier: »Plötzlich setzten sich drei etwa 14-jährige Jungen an unseren Tisch. Sie rauchten!!! Als sie mal kurz weggingen, machten wir ihre Zigaretten aus. Sie kamen zurück, und einer, er hieß Stefan und kam aus Stuttgart, fragte: 'Habt ihr desch gmacht?' Ich antwortete nur: 'Ja, wieso nicht?' Daraufhin setzten sich die drei weg. Ca. 5 Minuten später kam Stefan wieder und fragte: 'Willscht du mit mir danze?' Ich erschrak und sagte 'Nein?'« (12.3.1992: »Tanzen! Oder: Handball-Übernachtungsturnier «).

Tagebuchforscher haben herausgefunden, dass zwischen dreißig und sechzig Prozent aller Jugendlichen im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren regelmäßig Tagebuch schreiben, vor allem natürlich die Mädchen. Der pubertäre Drang, jede Neuverknallung, jeden Elternstreit und jedes Weihnachtsgeschenk (Wunschliste vom 11.12.1990: »Schlafanzug, Buch 'Die Kinder vom Bahnhof Zoo' und 'Sportbootführerschein Binnen', Walkman, Rapper-Jeans«) in einem mit Peace-Zeichen und Aufklebern verzierten Buch festzuhalten, habe den entwicklungspsychologischen Sinn, Struktur und Ordnung ins Gefühlschaos zu bringen. Außerdem, sagen die Forscher, könne man auf dem Papier den pubertätstypischen »adoleszenten Egozentrismus« angemessen hemmungslos ausleben. Das Tagebuch sei ein Seelenverwandter, dem man alle seine intimsten Gedanken und Geheimnisse verraten könne.

Wobei das mit den intimsten Gedanken bei meinem Tagebuch nicht so ganz stimmen kann. Ich weigere mich zu akzeptieren, dass eine bunt zusammengeklebte Ansammlung altkluger und pseudoerwachsener Lebensweisheiten, gepaart mit hormongestauten Hilferufen nach, nun ja, Sex, wirklich meine wahrsten und innersten Gefühle damals gewesen sein sollen.

»Es war mal ganz lustig. Aber ein Mal im Jahr reicht«, steht unter einem Eintrag darüber, wie ich mich mit ein paar Freunden mit dreizehn das erste Mal richtig betrank. Wir leerten an diesem Abend zu fünft drei Flaschen Batida de Coco, was so neben Beschreibungen der Umstände (»Die Eltern waren schon fürs Wochenende auf dem Bauernhof, so daß Marius, Ralfi, Lena, Marianne, die später kam, und ich ab ca. 19 Uhr das Wohnzimmer nutzen konnten. Ab ca. 23 Uhr übernachteten Ralfi, Marius und Lena im Ehebett.«) auch ordentlich im Buch steht. Was nicht im Buch steht, woran ich mich aber sehr gut erinnern kann, weil Lena und ich es uns heute noch öfters erzählen: Wir kauften Batida de Coco, weil es ein bisschen wie Milch aussah und wir hofften inständig, es würde deshalb nicht ganz so eklig schmecken. Und außerdem: Als Ralfi, Marius und Lena im Ehebett verschwanden, wurde ich so eifersüchtig, dass ich irgendwann die Schlafzimmertür aufriss und die drei, die voll bekleidet rotzeblau auf den Kopfkissen meiner Eltern schnarchten, anschrie: »Wenn ihr jetzt irgend was macht in diesem Bett, dann zahlen meine Eltern nicht für dieses Kind!« Eine Eifersuchtsattacke, die mir anscheinend viel zu peinlich war, um sie in mein Tagebuch zu schreiben. Oder hinten im Buch: Die »Hübschheits-Liste«, für die Lena und ich die Mädchen unserer Klasse nach Aussehen sortierten. Ich erinnere mich, dass ich die Liste mit meiner besten Freundin gemeinsam entwarf, was auch erklärt, weshalb »Lena« auf Platz 1 steht, aber nachträglich mit einem Pfeil nach unten zwischen Platz 4 und 5 eingeordnet wurde.

Wahrscheinlich ist das die Enttäuschung und gleichzeitig die Erleichterung, die in so einem Buch nach all den Jahren steckt: Da steht nichts Intimes drin, oft vermutlich nicht einmal die Wahrheit. Keine radikalen Geheimnisse, keine schlimmen Abgründe, nicht einmal peinliche Sexpannen. »Es war ganz schön, aber auch genauso, wie ich es immer erwartet hatte«, ist der einzige Kommentar zum ersten Mal. Natürlich liegt die Harmlosigkeit auch daran, dass Pubertät tatsächlich viel unspektakulärer und langweiliger ist, als es im Nachhinein erscheint. Es liegt aber auch daran, dass man mit dreizehn eben nicht wie in einem Creative-Writing-Workshop assoziativ aufschreibt, was man gerade zu empfinden meint, sondern dass man schreibt, was man meint, empfinden zu sollen.

Wem ich mit den Texten unbedingt weismachen wollte, was für ein schlaues, strebsames und trotz ein paar Pickeln nicht allzu verwirrtes Mädchen ich bin (»Schlechte Tage sind kein Grund, das Leben zu hassen. Nur durch sie machen die guten Tage glücklich«, 13.8.1991), lässt sich schwer rekonstruieren. Wahrscheinlich bin ich es, jetzt. Wahrscheinlich ist das Buch an mich selbst als Erwachsene geschrieben. Natürlich will man da keinen falschen Eindruck hinterlassen. Und insofern unterscheidet sich das analoge Tagebuch auch überhaupt nicht von dem, was Teenager heute auf MySpace oder sonst wo im Internet machen. Auch da wird das Leben aufgeschrieben, weil Schreiben das Hirn ordnet - aber vor allem, weil es irgendwer liest.

Letztens überredete mich ein Freund, mich auf Facebook anzumelden. Für ein paar Wochen überlegte ich jeden Tag, mit welchem Satz in der Statuszeile ich meine »Friends« am meisten beeindrucken könnte. Eines Morgens schrieb ich: [Vera] »ist fertig mit den Eitelkeiten und zieht ab morgen einen Fahrradhelm auf.« Rechts unten blinkte es, meine Schwester hatte sich gerade eingeloggt. »Oh Wahnsinn, wie Ketchup von dir!«, kommentierte sie meinen Satz. Da meldete ich mich bei Facebook wieder ab.

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