Mialinda 12.02.2012, 13:22 Uhr 4 11

Ich habe die Vernunft weggeschickt

Nur manchmal, da hatte ich plötzlich ein Gefühl. Ein Gefühl, dass mich an der Vernunft zweifeln ließ.

Ich habe die Vernunft weggeschickt. Habe sie hinausgeschubst und ihr die Tür vor der Nase zugeworfen. Da war sie total verwirrt, die Vernunft, und wusste gar nicht, was sie eigentlich falsch gemacht hatte.

Sie hatte doch in den letzten Jahren immer auf mich aufgepasst und mich vor so mancher Dummheit bewahrt. Wenn ich dem Alkohol gar zu sehr zugesprochen hatte, und mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, war sie da gewesen, um mich zu stützen und mich nach Hause in mein Bett zu bringen. An solchen Abenden hatte sie außerdem immer darauf geachtet, dass ich mich nicht von irgendwelchen Kerlen in irgendwelche fremden Wohnungen schleppen ließ, um dann am nächsten Morgen völlig desorientiert, aber mit einem Kater und einem schlechtem Gewissen aufzuwachen. Immer wenn ich mich mit meinen Eltern oder Freundinnen gestritten hatte, meistens wegen dummer Kleinigkeiten, hatte mich die Vernunft in den Arm genommen und getröstet. Und während sie mir übers Haar streichelte, redete sie mit leiser Stimme auf mich ein und überzeugte mich davon, das Ganze nicht so schwer zu nehmen, weil es für jedes Problem eine Lösung gebe. Und die gab es tatsächlich. Ich fühlte mich nie einsam, denn die Vernunft war immer da.

Nur manchmal, da hatte ich plötzlich ein Gefühl. Ein Gefühl, das mich an der Vernunft zweifeln ließ. Es fragte mich, ob ich denn wirklich lebte oder immer nur auf Nummer Sicher setzte? Ob es denn nicht viel aufregender wäre, einmal alle Vorsicht über Bord zu werfen und mich ganz auf das Gefühl einzulassen? Ob ich denn nicht eigentlich noch viel zu jung sei, um so vernünftig zu sein?

Also habe ich die Vernunft weggeschickt. Und egal, wie oft sie versuchte mich zu erreichen, oder wie oft sie an meine Tür klopfte, ich habe sie nicht hereingelassen. Habe die Tür verriegelt und meine Ohren auf taub, meine Augen auf blind geschaltet.

Dann habe ich mich treiben lassen vom Gefühl. Diesem Gefühl, das ungeahnte Leidenschaft in mir weckte. Es verursachte mir Herzrasen und weiche Knie. Ich konnte nicht mehr klar denken, alles in meinem Kopf drehte sich. Wo früher die Vernunft für Ordnung gesorgt hatte, stürzte nun das Gefühl alles ins Chaos. Ich wusste, ich bewegte mich auf gefährlichem Terrain, doch ich war fasziniert von der Schönheit dieses Gefühls und konnte nicht die Finger von ihm lassen. Das Gefühl und ich verbrachten heiße, schweißtreibende Nächte, in denen wenige Worte, dafür viele intensive Berührungen ausgetauscht wurden. Wir blieben ganz unter uns, in unserer eigenen verwirrenden, aufregenden Welt.

Nach einigen Wochen wagte ich schließlich einen Ausflug zurück in die reale Welt. Dort traf ich die Vernunft wieder. Sie sah sehr mitgenommen aus. Die dunklen Ringe unter den Augen zeigten, dass ihr die Sorgen der letzten Wochen den Schlaf geraubt hatten. Niemand hatte sich richtig um sie gekümmert. Ihr Haar glänzte fettig und sie trug eine schmierige Trainingshose. Sie wirkte gestresst und hatte angefangen zu rauchen. Zündete sich eine Zigarette nach der anderen an.

Die Vernunft sah so traurig aus und ich erinnerte mich an die schöne Zeit, die wir zusammen verbracht hatten. Sie war zwar weder aufregend noch spektakulär gewesen, doch ich hatte mich immer sicher gefühlt. Also beschloss ich der Vernunft noch eine Chance zu geben.

Nur meine Gedanken kreisten weiterhin um das Gefühl. Es drängte mich zurückzukehren, mich wieder darauf einzulassen. Die Vernunft kam nicht dagegen an, sosehr sie sich auch bemühte. Neben dem wilden, gefährlichen Gefühl wirkte sie farblos und langweilig. Also habe ich sie ein zweites Mal zurückgewiesen, um mich wieder in den Strudel aus unvernünftigen, leidenschaftlichen Gefühlen zu stürzen.

Wenn es kommt, wie es kommen muss und mich dieser Strudel nach unten zieht, werde ich untergehen. Denn niemand, auch nicht die Vernunft, wird mehr da sein, um mich herauszuziehen. Doch wozu sich sorgen, es ist längst zu spät noch umzukehren. Also mache ich mich wieder auf, um mit dem Gefühl ein paar unvernünftige Stunden zu verbringen.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Das Bild der rauchenden Vernunft in Jogginghose kriege ich heute sicher nicht mehr aus dem Kopf :D

    Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen. Ein Mittelweg sollte die Lösung sein, denke ich.
    Eine Kleinigkeit: "Ein Gefühl, das..." Ein s zu viel.

    14.02.2012, 09:15 von NeverGrowUp
    • 0

      Ah, danke ;-)

      14.02.2012, 11:40 von Mialinda
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  • 0

    Gefällt mir, kennt man selbst nur zu gut.. ;)

    12.02.2012, 19:23 von faon
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  • 1

    sehr sehr gut !
     ein Hochauf die Unvernunft.

    12.02.2012, 14:01 von LIEBEMACHEN.
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