NeverGrowUp 30.01.2012, 12:40 Uhr 21 15

Ich bin...

... noch nicht angekommen.

Abitur in der Tasche, Bäume ausreißen, Berge versetzen, Welten bewegen.So viel wollen, dass man vor lauter Begeisterung fast platzt. So viel Neues, dass man völlig berauscht ist von der Vielfalt des Lebens. Sich voller Elan ins Studium stürzen, neue Freunde finden, alte Freunde behalten oder verlieren, viel beschäftigt sein, immer unterwegs. Und dennoch im Unterbewusstsein immer das mulmige Gefühl haben, dass da irgendetwas lungert und nur darauf wartet, mich zu Boden zu reißen. Das waren meine letzten Monate.

Nun sitze ich im Hörsaal inmitten unter 500 lärmenden Studenten, höre Dinge wie aus der Ferne, Schall und Rauch in meinen Ohren. Bin nicht hier, bin nicht weg, gehöre nicht hierher, fühle mich nicht zugehörig, fühle mich fremd. Weiß nicht, was ich hier soll. Motivationslos lebe ich vor mich hin. Stehe auf. Tag für Tag. Woche für Woche. Die Zeit vergeht, ohne dass ich es bemerke. Sie kriecht dahin, unaufhaltsam schreitet sie fort. Und mit ihr meine immer stärker werdende Vermutung, dass ich nicht mehr kann. Dass ich nicht mehr will. Ich bin noch nicht angekommen.

Schwanke abwechselnd und in Sekundenschnelle zwischen energischem Tatendrang und trübsinniger Trägheit, möchte mich im Bett verkriechen, niemals mehr aufstehen müssen und gleichzeitig die ganze Welt anschreien. Weiß nicht, wohin. Wohin mit mir. Weiß nicht, welchen Weg der vielen Abzweigungen, die sich vor mir auftun, ich wählen soll. Habe Angst, nicht mehr umkehren zu können und stattdessen immer weiter einen Weg beschreiten zu müssen, der nicht der meine sein wird.

So viele Gedanken in einem einzigen Kopf. Gedanken wie tosende Flüsse, die mit solch einer Macht und Gewalt durch die Landschaft fließen und dabei alles mit- und wegreißen, was im Weg ist. Dabei wird das Flussbett immer breiter und breiter. Tiefe Schneisen entstehen, ziehen sich durchs Land wie von Menschenhand willkürlich gezogene Linien.

Man sagt, der Kopf sei rund, damit die Gedanken die Richtung ändern könnten.

Meine tun das scheinbar andauernd. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Karussell, das sich in rasender Geschwindigkeit um sich selbst dreht. Runde für Runde. Schade, dass die Gedanken keine kleinen Fahrerlaubnis-Plaketten aus Plastik brauchen wie die Kinder auf einem Volksfest. Aber Eines weiß ich jetzt:

Solange ich immer nur im Kreis fahre, kann ich niemals ankommen. Ich will aussteigen.

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21 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Geht mir gerade genauso...
    "möchte mich im Bett verkriechen, niemals mehr aufstehen
    müssen und gleichzeitig die ganze Welt anschreien"...
    Woher soll man denn auch wissen, wo man aussteigen soll? Beziehungsweise, was im Moment eher mein Problem ist, wo man einsteigen soll?

    26.04.2012, 14:30 von BloodRedShoes
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  • 1

    Ich habe grad Abitur geschrieben...Großmut und Zukunftsängste....komisches Gefühl.
    Ein sehr guter Text. Wirklich :)

    02.02.2012, 12:55 von WeCouldBePerfect
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  • 3

    Das Im-Kreis-fahren ist gar nicht so schlimm, wenn du dir einfach vorstellst, dass es ein Kreisverkehr ist mit vielen, vielen Abzweigungen.

    Du probierst mal die eine - ist nicht dein Weg, weil zu sandig und staubig, ok, nicht schlimm.

    Dann kehrst zurück zum Kreisverkehr, nimmst eine andere Ausfahrt, schaust dir die Landschaft an, vielleicht kommt ein Haus, das dich zum Verweilen einlädt. Auch nicht deins? Nicht so schlimm. Zurück zum Kreisverkehr, nächste Ausfahrt.

    Zack, tolle Straße, fährt sich wunderbar, feine Plätze an der Straße rechts und links, große starke Bäume, der Himmel blau und voller Ideen. Du baust dein eigenes Haus, irgendwo an dieser Straße und dann - brauchst du nicht mehr zurück zum Kreisverkehr.

    Es sei denn, du willst einfach mal wieder schauen, was es noch so für Abzweigungen gibt und wo die hinführen.

    01.02.2012, 11:23 von Sasali
    • 1

      Sasali, du bist echt der Wahnsinn. Das ist eine sö schöne Vorstellung, danke! :)

      01.02.2012, 12:41 von NeverGrowUp
    • 0

      :)

      Nicht Wahnsinn, nur Leicht mit ein bisschen Sinn.

      Wahnsinn klingt so, als würde ich mich nackig in Farbe wälzen, die Haare dabei raufen und dann auf Leinwände kacken um einem kunstüberdrüssigem Publikum mein innerstes Ich zu präsentieren... (hab grad lustige Bilder im Kopf, hihi)

      01.02.2012, 12:48 von Sasali
    • 0

      Wär aber auch nicht schlecht :D Gibts da nicht einen Film, in dem das einer macht?

      Na gut, du hast mir eben eine schöne Vorstellung mit deinen Worten (aus deinem 1. Kommentar, nicht dein 2. ;) ) in den Kopf gezaubert und mir dadurch ein bisschen Sorge genommen. 

      01.02.2012, 12:51 von NeverGrowUp
    • 0

      Sehr schön, genau das war meine Absicht. Freut mich sehr, wenn's dir besser geht! Ausfahrten gibt es immer, auch wenn man sich mal ausruhen muss, weil man nicht mehr weiter kann.

      01.02.2012, 12:53 von Sasali
    • 0

      Recht hast du. 


      Ich glaube, das mit der Farbe auf Leinwände spritzen war in einer Serie. Lipstick Jungle oder wie das hieß. Unwichtig.

      01.02.2012, 12:57 von NeverGrowUp
    • 0

      Nun, es gibt da ja einige, die das als Kunst verkaufen.

      01.02.2012, 13:00 von Sasali
    • 0

      Davon hab ich echt noch nie was gehört. Das ist dann schon Wahnsinn, finde ich.

      01.02.2012, 13:06 von NeverGrowUp
    • 0

      Haste nix verpasst, mein ich.

      01.02.2012, 13:14 von Sasali
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  • 0

    Ganz ehrlich: so richtig hört das nie auf. Selbst wenn man zwischendurch mal meint, angekommen zu sein. Das ist kein Dauerzustand. Es gibt ja auch zu viele Ebenen, auf denen man ankommen kann. Job, Liebe, bei sich selbst ... 


    Angekommen ist man wahrscheinlich erst, wenn man das Gras von unten wachsen sieht.

    Vielleicht hilft es, wenn Du Dir ein Etappenziel setzt?

    31.01.2012, 08:14 von B.tina
    • 0

      Mir geht es vorerst auch nicht unbedingt darum, für immer anzukommen. Veränderung tut gut, das ist klar, aber ich hätte halt gerne etwas mehr Klarheit im Moment.

      31.01.2012, 10:36 von NeverGrowUp
    • 0

      für immer ankommen kann man auch nicht so richtig, so lange man sich noch entwickelt.. aber das mit den etappenzielen klingt doch machbar:)

      08.02.2012, 15:24 von halbkindmf
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 3

    Richtung ändern, nicht wechseln.

    Hmhmhm. Ich glaube, das mit den vielen Wegen und nicht wissen wohin... das endet nie, wenn man sich nicht fest vorgenommen hat, sein Leben lang in der selben Stadt zu leben, den selben Job bis zur Rente zu machen und auch sonst nichts am sicheren Gewohnten zu ändern.

    Ich habe es zu schätzen gelernt, dass es diese vielen Möglichkeiten gibt. Man muss sie nur ausschöpfen.

    31.01.2012, 02:04 von nyx_nyx
    • 0

      Aber manchmal sind es genau diese vielen Möglichkeiten, die es einem schwer machen, sich zu entscheiden.

      31.01.2012, 10:35 von NeverGrowUp
    • 0

      Und ich habs geändert. Danke.

      31.01.2012, 13:55 von NeverGrowUp
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  • 2

    Erwachsen werden ist nicht leicht. Ich drücke mich auch, wo ich nur kann.

    31.01.2012, 00:18 von lalina
    • 0

      Kopf in den Sand.

      31.01.2012, 11:52 von NeverGrowUp
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  • 1

    Wahre Worte ...

    30.01.2012, 22:55 von Eklon
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