FrediMagdalena 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

„I just want to write myself a world and go live in it“

„.. all silver and shadow and vision of things no seen“ (L.M. Montgomery) formt eine Wimper und ihre Augen sind grüne Tinte, Fischträume und Schaum.

Ich schreibe mir eine Welt in der ich leben kann, eine Welt mit einem Herz aus blauer Tinte, das überläuft mit deinem Pulsschlag. Puls für Puls fließen Gedanken aus mir heraus und in mich hinein.  

Adern sind geschrieben aus feinen Wörtern und vorsichtigen Umschreibungen, aus fließenden Behauptungen und tiefen Geheimnissen, die mich vorwärtstreiben. Ich schreibe Lungen aus Papier und Holz, gefüllt mit Luftschlössern und Sätzen, die Dinge hauchen wie: „ich wünschte“, „bald schon werde ich“ und wie Alveolen reihen sich meine Pläne aneinander. „Nach Kanada“ hängt neben „..ein spielender Hund an meiner Seite“ und „in einem Leben mit ihm..“, alles wird zusammengehalten von „..durch stille Wälder werden wir wandern, über Clara und mir werden die Bäume an ihre Grenzen gehen und im Blätterdach zusammenlaufen. Die Luft wird erfüllt sein von dem Rascheln unserer Schuhe und dem gluckernden Lachen der Bäche..“.

Die Lippen meiner Welt sind geformt aus zärtlichen Anreden, aus „My dearest Gosia“, „My darling, My heart, My everything“, „My love, I do miss you so..“. Ihre Augen fließen über aus einem tiefblauen Ozean, schwarzer Flecken schleierhafter Tintenfische und bunter Tupfer von Anemonen und sterbenden Korallen. Ein Ozean aus Sehnsüchten und unausgesprochenen Wünschen spannt sich auf in einem Blick, tiefer als der Mariannengraben wirft er seinen seegrünen Schatten auf die glitzernden Wellenberge eines glücklichen Lachens. Schattenhaft blicken sie aus sich hinaus, algengrüne Augen voller Fernweh und Hunger nach dem endlosen, weiten, unerreichbaren Rand der Welt, nach der Wut der Wellen, dem Toben des Lebens und nach dem sanften Aufprall auf der Küste, dem Rauschen, sich Ausschütten und verlaufen lassen. Zitate umreißen ihre Details: „A great fear of shallow living..“ (Anais Nin), bildet einen Ausschnitt ihres Augenlids, „.. all silver and shadow and vision of things no seen“ (L.M. Montgomery) formt eine Wimper und ihre Augen sind grüne Tinte, Fischträume und Schaumkronen. Ihr Haar und ihre Brauen balancieren ihre Sehnsucht, geben ihnen Boden und binden sie lockig und wild an den Ort, den sie Zuhause nennt. Binden sie an Heimaterde, Wälder und gelbe Züge, die ihre Stadt kreuzen und ihre Gedanken in den Ecken und an den Orten Berlins verteilen die sie sieht – die sie wirklich sieht, die sie erinnert auch vermisst. Haar um Haar bildet sich aus „Nicht aufhören, nie aufhören..“, „Bleib doch, tanz doch“, „schließe die Augen, wir passen auf“, „nichts überstürzen“, „komm zu mir“.  Ein Satz formt ihre Stirn, die Buchstaben schlängeln sich entlang und bilden zarte Falten und harte Umrisse: „Die goldgelbe Sonne brach durch die Baumkrone über mir, zerfiel in Lichtstücke und auf mich hinab ins warme Dunkel zwischen den Ästen, fiel auf einen Eichelhäher und verharrte kurz auf seinen blauen Federn, fiel auf die Rinde mit all ihren Narben und rauen Einkerbungen, auf das warme Holz und durch die durchscheinenden Blätter auf den erdig riechenden Waldboden. Sie durchbrach alles Leben um mich herum, gab allem einen Rhythmus und legte sich wie eine Decke über meine offenen Augen und Gedanken.“ Diese Erinnerung spinnt sich weiter und umreißt ihre Schläfen, den Kiefer und die weiche Beuge ihres Nackens. Die zarten Härchen auf ihrer Wange sind kleine Ausrufe, überraschte und zarte „oh“ und „ach“ und weil sie höflich sind auch „danke und „bitte“ und „gerne“. Ihre Brüste und das schmale Stück ihres unteren Rückens sind Ausschnitte aus bereits gedachtem und niedergeschriebenen, aus Gorkis Gefühl für das Besondere im Alltag und die starke Verbundenheit zwischen den Menschen, aus Bölls Direktheit und Kalékos Verletztheit. Ihr weicher Bauch und die Vertiefung des Nabels werden gefüllt mit Capotes Träumen, seinen Sommerwiesen und Baumhauserzählungen; Borcherts kühle Betrachtungen, der Schmerz seiner Erfahrungen und seine Suche nach der Schönheit im Kleinen liegt zwischen ihren Schulterblätter. Auch Schnurres heitere Wahrheit ist ein Teil meiner Welt, formt Konturen, Schatten und Wärme auf ihr. Ausgerissene Seiten sind ihre Haut, sie geben ihr den besonderen Geruch nach vertrauten Geschichten und geliebtem Abenteuer, lassen sich berühren und in ihren Narben und Sommersprossen, liegt ihre Geschichte. Ihre Hände müssen Poesie sein, jeder Finger ein Sonett, ein Vers, ein Wortspiel. Nicht durch und durch elegant, nicht nur feminin oder voll oder zart, sondern auch explosiv und rau und hart. Aussagekräftig. Zeitungsüberschriften - druckschwarz, fundiert und standfest - sind ihre langen Beine. Sprungvolle, rollende Laute, scharfe Erwiderungen und sicher festgeschriebene Manifeste. Sie sind zum Stehenbleiben und Vorangehen, zum Ändern der Richtung und auf dem Weg bleiben, zum Vorwärtskommen und sich selber Einholen, zum Überholen, Davonlaufen und Verharren.

Ihr Herz pumpt tintenblau, versorgt Lunge, Schläfen und Lippen, Organe und Hüfte und Beine, pumpt und verschiebt die Wörter, bringt das geflüsterte „My everything“ in die Baumkrone und ertränkt die Angst vorm untiefen Leben in ihrem Augenmeer. „Ich, „Du“ und „wir“ – „Lachen“, „Liebe“, „Nächte“ fließen zusammen mit „Angst“, „Schwäche“, „Vertrauen“ und „Fehlen“, sie pulsen durch diese meine Welt, streifen sich, verhaken sich an ihren Bedeutungen, an den scharfen Lauten und Konsonanten und erhalten neue Silben. Bruchstücke werden ein Ganzes und ganze Kapitel werden ausgerissen. „Überraschung“ wird aus „Glück“, „Du“ wird „Mein“ und „Freundschaft“ bleibt „lebensnotwendig“.

Und „Liebe“?. Liebe bekommt mehr Farben, wird unterstrichen und nachgeschrieben, verhakt sich mit Namen und Orten und Worten, wird größer und füllt sich mit Bedeutung und hat doch noch Raum für „Sie“ und „dich“ und „ihn“ und „dort“. Und die neuen Kapitel stehen höflich in einer Schlange und warten auf ihr Stichwort.


Tags: meergrün, Sehnsucht, ein Kapitel Leben, Glück, sich selber ausmalen
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