farbton 24.02.2010, 17:38 Uhr 0 0

how many seconds.

Wenn ein Mensch die Sekunden mit den Augenblicken misst, in denen er gar glücklich war. Ohne Zeit und Raum

Wenn ein Mensch die Sekunden mit den Augenblicken misst, in denen er gar glücklich war,
und daraufhin feststellen muss, dass all das Schöne, Unbeschreibliche vergang ohne Zeit und Raum,
wieviele Sekunden hat denn dann ein Augenblick?
to ask a question.


Bevor ich in die Stadt zog, in der ich seit nunmehr viereinhalb Jahren lebe, kam Emil, der Freund meiner Schwester, in die Nordstadt um mich zu treffen.
Das war an einem Freitag, wenn ich mich recht erinnere. Oder war es ein Sonntag? Was tut es auch zur Sache, wenn ich euch jetzt sage, an welchem Wochentag mir Emil begegnete? In der Szene missen Augenblicke Sekunden.
to be buried in oblivion.


Er stand irgendwann einfach vor mir. Ohne all den kitschigen Scheiß frug er mich wie es mir ginge und wann ich das letzte Mal in der Bude gewesen sei, in der meine Schwester (seine Freundin) und ich mit Puppen spielten und mit Räubern und Feen. Vor vielen Jahren.
Er stand vor mir und sah mich an und ich ging garnicht wirklich auf ihn ein. War einfach viel zu verblüfft, dass er gekommen war, um mit mir zu sprechen.
to take no notice of somebody.


Mitten im Berghain war das und ich bin total drauf gewesen und dran, die nächstpassende Ecke zu nutzen, um ein bisschen Puffer zu schieben.
Doch dann war ja Emil da. Wie ein Zauber umgab mich sein auftreten
auch wenn ich ein bisschen hatte lachen müssen,
weil er so garnicht in diesen Laden passte,
mit dem gewisenhaften Blick, wie dem eines Vaters.
Und er wirkte, veränderte.
Ohne mir zu nahe zu kommen, oder vorher gefragt zu haben,
hab er mir einfach das Gefühl, jemand zu sein.
Es war überwältigend.
Zwar hatte Emil nie diese Rolle, gehabt, wie einer, der sich in meiner Gegenwart immer bloß hatte zusammenreissen müssen, um nicht völlig auszurasten und mir Vorwürfe zu stecken.
Für das was ich tat - oder besser - nicht tat.
Aber so liebevoll und echt wie an diesem einen Abend,
to dare to say something.

War einfach nie so der Typ, der sich auf solch gefühlsgeballtes Zeug einließ - wenn ihr versteht was ich meine. War immerschon zu cool, zu tight. Zumindest gab mir das Umfeld, in dem ich mich zu dieser Zeit bewegte dieses Empfinden. Blindheit, Trug, Sex, Schein, Frauen, Scheinwelt.
to be at a loss.

Erst erkannte ich ihn garnicht, übersah ihn im Rhythmus des Lichts und zwischen den vielen Menschen, die sich in den Beats der lauten, elektronischen Klänge wogen..
to notice something.

Emil war irgendwie immerschon so eine Art Vorbild für mich.
Mein Held, in einer Welt in der es eigentlich keine Helden gab.
Bloß Verlierer und feige Verräter und so, trotz der blinkenden Lichter und der schicken, engen Röhrenjeans und der gutbearbeiteten Partybilder und der Frauen, die nach ein, zwei Lines mehr denn bereit dazu waren, einem ihnen noch eben so fremden Menschen auf einer dieser dreckigen Toilleten einen runterzuholen.
Was eine Welt.
not for all the tea in China.

Emil. Seine sportliche Figur und der gewählte Ausdruck seiner Worte standen meiner Schwester.
Und meine Schwester stand ihm.
Isabell ist ihr Name und sie ist so alt wie ich.
Immerschon.

Damals, bevor ich begann die Stunden meines Lebens nicht mehr zu zählen, einfach nicht mehr heimzukommen, saßen wir an manchen Abenden zu dritt in der Küche und aßen gemeinsam Pizza oder Spaghetti. Das sind die letzten schönen Abende an die ich mich erinnerte, in der Zeit, in der ich Nächte lebte.

Irgendwann begann ich nämlich, nicht mehr zur Schule zu gehen und dann lief ich öfter zum Bahnhof um etwas zum rauchen zu holen und irgendwann blieb ich dann mal bei jemandem, da war ich vierzehn, bei dem ich hatte etwas holen wollen und dann stellte man mich den Anderen vor, die ich ziemlich cool fand und ich – ich war dann irgendwann auch so cool, cool im Sinne von cool. Ja – tatsächlich. Wir fuhren viel Skateboard, improvisierten in einer alten Halle, am Ende der Stadt, Theaterszenen, luden uns selbst auf Kunstausstellungen ein und planten immerzu neue Aktionen, die uns durch die Kicks die wir uns dadurch verschafften, immer mehr das Gefühl gaben, zu leben. Irgendwann war ich dann achtezehn und immernoch so cool und tight und immer cooler und immer tighter.
to press home an advantage.

Ich war also irgendwann einer von diesen Atzen, denen man garnicht ansieht, wie kaputt sie sind, weil sie darauf achten, welche Hose sie mit welcher Mütze kombinieren und weil sie sich ausdrücken können und mal charmant wirken und sich in der alternativen Elektroszene aufhalten und sich überhaupt ständig und überall aufhalten, hübsche Frauen mit kurzen Haaren ficken die Audrey Tautou gleichen und deren Modegeschmack so ziemlich alles übertrifft, was man so gewöhnlich sieht und dann zieht man eben auch irgendwann mal die eine oder andere Line zwischen Tagträumern und Theaterfratzen und den guten Bräuten.

Manchmal blieb ich dann tagelang dort, vergaß alltägliches, striff von Club zu Club, lag morgens irgendwo am Ufer unseres Flusses, bis es dann wieterging.
Die Tage vergingen dann einfach irgendwie. Stunden wie Sekunden. Oder andersrum. Vielleicht. War mir auch egal, den Anderen ja auch.
Tja, ich wollte einfach mehr – alles und nichts.
Und ich bekam es.
to come to terms with oneself.


Bevor ich die Nordstadt verließ und die Maske fallen,
vergingen einige Monate.
Viele Male traf ich Emil,
total durchnächtigt und schlaftrunken
doch er kam immer wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und immer immer wieder und wieder um mit mir zu sprechen und einmal war ich splitternackt und er blieb trotzdem und wir redeten und er hörte mir einfach zu und daraufhin kam er dann wieder und wir sprachen über alles und was eigentlich leben bedeutet und weshalb meine Schwester und ich so früh begonnen mussten für uns selber zu sorgen und manchmal weinte ich und er kam wieder und. irgendwann heirateten Isabell und Emil und ich bin auch dort gewesen, auch wenn ich mit Kumpels dort war aber das war okay für die beiden und ja.
Emil kjam also an diesem Abend einfach um für mich da zu sein.

Bis ich vor viereinhalb Jahren letzlich in die Stadt zog,
in der ich nun lebe, vergingen einige Augenblicke.
Wenn ein Mensch die Sekunden mit den Augenblicken misst, in denen er gar glücklich war,
und daraufhin feststellen muss, dass all das Schöne, Unbeschreibliche vergang ohne Zeit und Raum,
wieviele Sekunden hat denn dann ein Augenblick?

Thank you for everything, dear Emil.

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