Hold me tight
In dem Herbst, als sie sich kennen lernten, fielen in New York die Türme. In dem Winter, als sie sich trennten, verschluckte die Welle ein Stück Erde.
Zwischen den beiden Katastrophen, 1197 Tage voller Missverständnisse. Es begann mit einem Lied, das er immer summte, obwohl es nicht zu ihm zu passen schien. Er wirkte kantig auf sie und immer ein wenig fern, auf eine anfänglich geheimnisvolle Art und Weise. Das Lied war weich und nah und so gar nicht wie er; doch es wurde ihr Lied: Hold me tight.
Wie all die Missverständnisse zustande kamen, das lässt sich heute schwer sagen. Fragt man die beiden, wie das damals begann zwischen Ihnen, bekommen ihre Augen einen besonderen Glanz – doch nur kurz. Dann werden sie dunkel, und schmal. Und zu den Schlitzschächten gesellen sich Stimmen voll Groll.
„Ich dachte, sie wäre ganz anders“, würde er erzählen. Damit meinte er nicht, anders als er sie schließlich kennen lernte, sondern ein pauschales Anders. Ein anders, als die anderen. „Ich bin eben ganz anders!“, würde er hinterher schieben; als bedürfe das einer besonderen Beteuerung und werde nicht mit einem Blick offenbar. „Also muss doch auch mein Mädchen anders sein – sonst passt es nicht in meine Welt.“
„Ich dachte, er wäre ganz anders“, würde sie erzählen. Und damit meinen, anders als sie ihn schließlich kennen lernte, als sie sich nahe kamen und immer näher. „Anfangs, da haben wir viel über unsere Leben geredet, unsere Träume und Wünsche. Ich mochte das.“ Später aber, so würde sie sich erinnern, hatte ihn selten etwas interessiert. Und er hatte die Geschichten, wenn sie aus ihr heraus sprudelten, mit einem, „erzähl so was doch deinen Freundinnen“, abgewehrt.
Sie hatten sich nicht füreinander verstellt, in der Zeit des ersten Reizes. Sie hatten einander nichts vorgemacht, als einer für den anderen bereitwillig zu Boden ging, im Überschwang der ersten Momente. Lediglich sich selbst hatten sie jeden Tag ein wenig betrogen, als mit jedem Moment den sie teilten offenkundiger wurden, sie waren aneinander einem Missverständnis aufgesessen. Weil die erste Anziehung so groß war, dass daneben keine Fragen Platz hatten, kein Gespräch Raum. Bis sie schon so ineinander verkeilt waren und ins falsche Verstehen, dass der Weg zurück lang geworden war, schmerzhaft und steinig.
„Was hast du dir von der Beziehung mit mir erwartet?“ könnten sie einander heute fragen, mit dem Abstand vieler Jahre, wenn sie einander über den Weg liefen.
„Ich wollte, dass du mein wildes Mädchen wirst. Das mit mir alt wird, ohne älter zu werden. Meine Jugend bewahrt, über ihre Jahre hinaus. Mit mir in die Tage lebt, wenn sie sich öffnen. Mir Ordnung gibt und Ruhe, sollte ich sie überraschend brauchen. Ein Mädchen, das die Gefahr liebt und alles, was die Normen der anderen sprengt. Das mich nicht mit Erwartungen erdrückt, sondern in Unterwäsche in meiner Küche steht und Frikadellen brät“ – so in etwa würde seine Antwort lauten.
„Ich wollte, dass du mein Gegenpol wirst; nicht ein Teil, das mich erst komplett macht, sondern eines, das mich erweitert, um alles was du bist. Alt wollte ich mit dir werden und alles erleben, was zwei Menschen in ein Leben packen können, an Liebe, Lachen, Kummer und Wut. In heißen Sommernächten wollte ich mit dir unterm Sternenhimmel einschlafen und im Winter durch den Schnee stapfen; die Welt wollte ich mit dir sehen und irgendwann hätte ich gerne deine Kinder bekommen.“
Dann würden sie einander verwundert ansehen. „Ich hätte jederzeit in Unterwäsche in deiner Küche Frikadellen gebraten“, würde sie sagen. „Ich hätte gerne die Sommernächte mit dir unter dem Sternenhimmel verschlafen“, würde er entgegnen. Und in diesem Moment wäre ihnen klar, es waren nicht die kleinen Missverständnisse, die sie auseinander getrieben hatten; nicht die Dinge, die sich gerade rücken lassen, wie ein Bild, das schief in die Wand geschlagen wurde. Nicht die täglichen Momente, über die man reden, nichts, woran man im besten Sinne arbeiten kann.
„Ich wollte nicht deine Jugend bewahren“, würde sie mit leichtem Kopfschütteln sagen. „Aber du warst so viel jünger, da dachte ich, das käme von allein“, würde er erwidern. Und es würde Schweigen einkehren, bis er feststellte: „Ich wollte nie Kinder haben, um nichts in der Welt.“ „Das hielt ich stets für einen Scherz“, würde sie da flüstern.
Dann bräche ein langes Schweigen herein, bis er sagen würde, „wenigstens hatten wir unser Lied. Hold me tigth.“ Und sie würde nicken, wider besseres Wissen. Weil hold me tight, von Enya, eigentlich only time hieß – und eben alles bereits mit einem Missverständnis begonnen hatte."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
wow ..
19.01.2011, 20:31 von tialaladein text ist einfach fantastisch ♥
ich hab zuerst den text gelesen und jetzt höre ich seit einer halben stunde das lied..
30.12.2008, 19:50 von Twinny2
04.12.2008, 00:59 von Kiyan...der Text steht für sich.
@Sal_Paradise enya fan? ;)
04.12.2008, 00:29 von beenerinokay, der musste raus..
was ich eigentlich sagen wollte war:
oha. und: danke!