rolfradolfski 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 7

Héroes del Silencio

Acht Jahre später traf ich sie wieder.

*Sie saß auf dem großen Stein vor der Arztpraxis und rauchte (immer noch) Lucky Strikes. Ich fürchtete sie würde mich nicht wiedererkennen, doch sie sagte "hallo wie geht´s" und ich blieb verlegen stehen. Sie warte auf ihre Mutter, sagte sie. Ich kramte in meiner Jackentasche nach einer Gauloises, denn ich wollte noch ein bisschen bei ihr bleiben. Ihre Gegenwart hatte mich schon immer verunsichert. Früher lag es unter anderem an ihrem Hund, der mir zur Begrüßung ins Gesicht sprang und zum Abschied in den Arsch biss. Ihr Vater war auch kein Sonnenschein. Er erinnerte mich an Brad Pitt in California nur ohne das blendende Äußere. Er war ein Psychopath, wirklich. Er nötigte mich an einem Abend acht verkohlte Würstchen runterzuwürgen und zum spülen gab er mir mehrere dubiose Blue Curacao-Mixgetränke. Ich war 12 damals. Bevor ich kotzen musste, rettete mich seine Tochter ins hinterste Eck ihres abstrus geräumigen Gartens. Dort lauerten wir solange bis Gestöhne aus dem Haus schallte, was bedeutete, dass es sich ihr Vater mit seiner Pornosammlung gemütlich gemacht hatte, was wiederum so viel bedeutete wie: Die Luft ist rein. Allerdings muss ich ehrlichkeitshalber sagen: Der Pornosammlung ihres Vaters verdanke ich meine frühe Aufklärung, denn sie enthielt einige Perlen wie "Schneflittchen", welche fälschlicherweise von uns Kinder für eine deutsche Disney-Adaption gehalten wurden.

Ja, sie hatte mich immer schon verunsichert. Sie lebte in diesem Schloß von einem Haus, wo sich nie etwas zu verändern schien. Selbst ihre Mutter wirkte wie eines dieser 70er Jahre Möbel, die das ganze Haus zu so einer Art Retro-Museum werden ließen. Ihre Mutter mit den dünnen Legginsbeinen, wie mit der Couch verwachsen, bewegte sich nur dann und wann um aus dem Holzglobus (die Hausbar) ihr Glas neu zu befüllen. Doch ihre Tochter irritierte mich umso mehr, weil sie sich eine Parallelwelt dazu aufgebaut hatte. Eine schöne neue Welt, die sich so sehr von diesem 70er-Revival-Schloss und seinen grotesken Bewohnern unterschied. Sie war fleißig, diszipliniert und sie war schön. Sandbraune Haut und langbeinig, weiße Zähne wie aus einer Werbesendung um halb acht. Der Nachbarsjunge hatte einmal versucht ihr unter der Schaukel einen Kuss aufzudrücken. Als Antwort nahm sie Anlauf und trat ihm mit voller Wucht in die Weichteile. Außerdem hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie einen neuen Freund hätte (und zwar mich), was ein volkommener Unsinn war. Doch ich war damals im Judoverein, was auf manche als abschreckendes Argument wirken mochte. Schließlich glaubten jedoch alle in meiner Klasse, dass ich mit ihr zusammen sei und ich war mächtig stolz. Gern hätte ich sie auch einmal geküsst, doch sie tat mir irgendwie leid mit ihren Psycho-Eltern. Ich wollte nicht riskieren, dass sie auch noch von ihrem besten Freund enttäuscht würde. Irgendwann musste sie mit ihrer Mutter wegziehen. Ihr Vater hatte Schulden gemacht und seine Familie verlassen. Sie kam noch einmal zu mir nachhause um sich von mir zu verabschieden. Ich Trottel konnte die ganze Zeit nur daran denken, wie ich sie irgendwie berühren, nicht vielleicht wie ich sie trösten könnte. Ich wollte die Situation ausnutzen, weiss ich heute. Sie war 15 damals. Ihre Beine waren nicht mehr so lang aber ihre Brüste waren ansehlich.

Acht Jahre später stand ich ihr also wieder gegenüber und konnte nicht abschätzen ob sich ihre Brüste verändert hatten unter der dicken Jacke, die sie trug, konnte ihr kaum in die Augen blicken. Wo ist dieser hormonstrotzende Junge hin? Aber vorallem, wo ist ihr bester Freund geblieben? Da war sie wieder die Angst und die Unsicherheit. Wie erstarrt stand ich vor ihr und rauchte und grinste dämlich und rauchte und hustete. Sie schien ebenfalls kein weiteres Interesse an mir zu haben. Da waren wir, wir Helden der Stille, wo es doch so viel zu sagen gegeben hätte.

7

Diesen Text mochten auch

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wo kann ich unterschreiben?

    09.07.2009, 09:41 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Da waren wir, wir Helden der Stille, wo es doch so viel zu sagen gegeben hätte."

    Ja. Es gibt immer was zu sagen. Oder man sagt eben nichts mehr.
    Fängt stark an und flacht ein klein wenig ab in der zweiten Hälfte.

    Prinzipiell aber: Ganz viel Stoff drin, ich sah es schon als Epos, ich wollte mehr davon, aber dann stehen sie sich gegenüber und es gibt nichts mehr zu sagen.

    Schöner und besser als dein Startseitendings.

    09.07.2009, 00:14 von frl_smilla
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    es wirkt wie eine peinliche Stille oder besser, wie eine hilflose. Ich denke, es sind Jahre dazwischen, die nicht wegzudenken sind .
    Menschen verändern sich oder mit den Helden zu sprechen: " Du erkennst mich nicht wieder".
    Manchmal hat man Ideen im Kopf, die der andere eben so nicht mehr hat.
    Ich wäre aber trotzdem neugierig, was du ihr zu sagen gehabt hättest! Aber das ist meine Phantasie

    24.07.2008, 07:50 von roggbiv
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare