FriedaRavissante 27.12.2013, 09:32 Uhr 0 2

Henkersmahlzeit

Nicht schon schlimm genug, dass Montag ist... nein - Erbsen!

"Guten Tag, mein Name ist Kind und ich brauche einen Anwalt."

Ja, um Ihnen die Bedeutsamkeit dieses Satzes näher zu bringen, erfordert es wohl Einiges an Erklärung.

Mein Name ist Kind, wie schon gesagt, ich heiße nicht nur so - nein, ich bin auch eins. Vier Jahre hab ich nun schon auf dem Buckel. Ich wohne mit meinen "Eltern" (ich betone dies so, weil sie mir extrem in den Rücken gefallen sind und das Wort mir jetzt nur noch schwer über die Lippen kommt), in Würzdingen, einem kleinen Kaff in einem stinknormalen Reihenhaus. Das hört sich ja wirklich unspektakulär an, aber ich muss Ihnen sagen, der Schein trügt. Mit drei Jahren traf mich das Schicksal hart, denn ab meinem dritten Lebensjahr besuche ich dort den Kindergarten "Lachdochmal". Der Kindergarten "Lachdochmal" besteht aus zwei Gebäudekomplexen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine Seite, ein Neubau: Nett anzuschauen, freundlich, hell. Die andere Seite: Alt, verranzt und düster. Beide Beschreibungen treffen ebenso auf die Fräulein Erzieherinnen zu. Ja, die gute und die böse Seite. Drei mal dürfen sie raten, in welcher Seite ich meinen harten Spielalltag hinter mich bringen muss. Na? Na? - Alt und verranzt, richtig. Fluchtversuche auf die Sonnenseite unmöglich! Wird mit wochenlangem Puzzeln bestraft. 

Ich bin Mops. Nein ich bin Kind, aber ich bin in der Möpsegruppe. Unser Frollein fand die Idee unwahrscheinlich nett, da sie ein richtiger Möpsefan ist und die sind ja nun wirklich sooo putzig und goldig. Hätte sie mal in den Spiegel geschaut, denn Fräulein hat wirklich Ähnlichkeit mit dieser Spezies von Hund und kuckt auch oft so, wäre ihr auch schnell klar gewesen welch bodenlose Frechheit es ist, uns Kinder dieser Peinlichkeit so schutzlos auszuliefern. Hach aber ich schweife schon wieder ab. Genannte Sachverhalte sind empörend , aber nicht der Grund weshalb ich dringend einen Anwalt brauche.

Der wahre Grund ist Essen. 

Essen ist lecker, Essen ist doch toll. Ja klar natürlich. ich liebe Essen! Aber seit ich den Titel "Essenskind" im Kindergarten trage und dieser Hölle jetzt nicht mal mehr dem Mittag über entfliehen kann, „Papa und Mama brauchen auch ihren Mittagsschlaf blabla“, sitz ich hier fest. 

Jeden Montag gibt es Erbsen. 

Nicht schon schlimm genug, dass Montag ist... nein - Erbsen! Kleine, runde, grüne Popel, deren Haut immer in meinen Zähnen steckenbleibt. Grässlich! Und jeden Montag das gleiche Szenario. Frollein Mopsgesicht mit ihren Mopsaugen starrend auf meinen Teller, auf dem sie vorher liebevoll einen Haufen Erbsenpopel gestapelt hat. Manchmal nehme ich nur so aus Spaß drei vier Erbsen auf die Gabel, um ihre Pupillen hoch und runter glotzen lassen zu können. 

Hoch runter hoch runter. Hoch runter hoch runter....

Essen tu ich die Erbsen nie. Deswegen gibt es auch keinen Nachtisch. Niemals. Nachtisch ist richtig toll, da gibts Äpfel, Früchtejoghurt und auch mal nen Müsliriegel. Nein nicht für mich. Der Nachtisch ist um es in den Worten von Frollein Mopsi zu sagen "für dich gestorben". Ich sterbe auch wenn ich Erbsen essen muss, das sieht natürlich keiner. 

"Jeder isst Erbsen, die Mia, die Ida, der Daniel.Probier doch mal" Und schließlich immer wieder der Satz: "Es wird gegessen was auf den Tisch kommt"

Ich bin aber Kind verdammt und bei mir hängt die Erbsenpopelhaut in den Zähnen und das mag ich nicht!!! „Prinzessin auf der Erbse“ nennt es mich das Frollein. Dabei bin ich gar kein Prinzessinnenkind! Ich bin ein Mädchen, ja, aber ich hasse Prinzessinnen! Sowieso spiel ich lieber Fußball und rauche Kaugummizigaretten. Anzeigen wegen Beleidigung könnt ich sie. Ich bin Kind aber ich weiß schon genau was abgeht in der Welt da draußen. 

Deswegen ruf ich jetzt einen Anwalt an, um meine Rechte als Kind geltend zu machen. Paragraph 8a: „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“, das ist doch ne nette Grundlage.

"Guten Tag, mein Name ist Kind und ich brauche einen Anwalt"

Am anderen Ende der Leitung ein leises Räuspern, dann:

"Guten Tag, Kind. Darf ich fragen wie alt sie sind?"

"Alt genug um zu wissen was meine Rechte sind! Ich werde zum Essen gezwungen, das ist eindeutig Missbrauch der frolleinigen Autorität und ich bitte sie dem Sachbestand unverzüglich auf den Grund zu gehen. Montag,11.30 Uhr Kindergarten "Lachdochmal" ähmmmm "Möpsegruppe".

Durch den Hörer konnte ich merken wie er sich sein Lachen verkniff.  Jaja irrsinnig witzig. Das wird er gleich seiner Frau Zuhause erzählen. Stell dir vor "Möpsegruppe" hahaha. 

Ob er wohl kommt?

Am nächsten Montag war ich so aufgeregt, ich hätte jedesmal vor Freude bellen können, wenn Frollein Mops an mir vorbeilief. Endlich wird ihr eine Leine umgelegt ha! Der Retter erschien. Er war kleiner, unspektakulärer als ich dachte, aber im Wortgefecht erledigt er bestimmt jeden Feind im Nu. Lachend kam er auf mich zu.... lief vorbei und strahlte Frollein Mops ins Gesicht.

"Ich habe gehört ich bin hier zum Essen eingeladen.",so mein Retter.

Sie verstanden sich auf Anhieb. Nachdem er mir den Kopf getätschelt hatte, setzte er sich mit seinem Teller zur lieben Frollein. Irritierend: die Erbsen auf seinem Teller. Aber vermutlich musste er, um das Ausmaß der Gefährdung auch richtig erfassen zu können, am eigenen Leib erfahren, wie grässlich die Zustände im "Lachdochmal" sind.

"Ich muss einiges erklären. Hier gibt es wohl ein Kind das nicht gerne Erbsen isst!" 

"Na endlich! Gibs ihr!“, dachte ich. 

Das Mopsgesicht wurde noch mopsiger und wieder weniger, während es sprach:

"Es ist ganz einfach Herr Anwalt: Was auf den Tisch kommt, das wird gegessen! Hier sehen sie, wer ein Kind bei uns angemeldet hat hat es schwarz auf weiß unterschrieben! Ganz einfach." 

"Na dann ist ja alles klar! Dann kann ich nichts machen Kind." 

Während er das sagte, konnte ich sehen wie ihm die Erbsen durch die großen Zahnlücken in den Rachen kullerten, um schließlich mit einem übertrieben gesäuselten "Mmmmh" im Magen zu landen. Das Frollein kam mit strengem Mopsgesicht an meinen Tisch. Sie wollte gerade mit der Hirnwäsche via Dauerschleife beginnen, da war sie auch schon weg. 

Ja ich aß das Frollein Mops einfach auf! 

Der Anwalt kuckte belämmert und er tat mir sogar ein bisschen leid.

"Entschuldigen sie Herr Anwalt, aber was an den Tisch kommt wird aufgegessen!“

"Was auf den Tisch kommt...", er protestierte.

"Herr Anwalt ich bin Vier Jahre alt. Ich bin Kind. Das mit den Präpositionen habe ich noch nicht gelernt. Ich bitte um Ihr Verständnis."

An diesem Tag brauchte ich keinen Nachtisch mehr, ich war satt.






Tags: Kind, kind sein, Erziehung, essen, erbse, Kindergarten, Macht, Recht
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