Choccina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 32

Heimat

Als ich bei dir war, hast du mich genervt.
Du warst so spießig. So unfassbar uncool und vorhersehbar.
Immer wenn ich geglaubt habe, Ecken und Kanten bei dir zu entdecken, musste ich nach einiger Zeit einsehen, dass sie doch glatt und rund waren. Man hat das Gefühl, in einem Einmachglas zu sein, wenn man mit dir abhängt. Und egal wie viel Energie und Kreativität man besitzt, im Endeffekt bleibt einem nur die Größe eines Einmachglases, während die weite Welt außerhalb funkelt und vibriert.
Irgendwie lernte ich dich über die Jahre schon zu mögen, aber wenn ich zurückblicke, war es wohl eher eine Art Stockholm Syndrom und nicht freie Liebe. Leute die noch kleinere Einmachgläser gewohnt sind, sind bei dir glücklich. Sie denken, dein Raum reicht aus.

Am Ende meiner Schulzeit war ich schon an den Rand deines Glases gekommen und starrte hinaus in die Welt, mit dem Gefühl zu ersticken. Es war mir definitiv über die Jahre zu eng geworden. Familie im selben Haus, Freund um die Ecke, Freunde nur einen Anruf entfernt. Sie alle rückten mir auf die Pelle. Allerdings bin ich immer schon jemand gewesen, der Freiraum braucht. Gehst du drei Schritt zu nah an mich heran – gehe ich vier zurück. Also wurde es Zeit, aus dem Glas auszubrechen. So verließ ich dich und ich muss zugeben: es fiel mir nicht leicht. Meine Seele hatte über die Jahre deine zylindrische Form angenommen und nichts ist schwieriger, als sich in starrer, geometrischer Form unter Abstraktes zu mischen und mit ihm Eins werden zu wollen. Außerdem musste ich, nach Jahren des Erstickens an deinen Grenzen, erst wieder Atmen lernen. Der Raum, der mir nun zur Verfügung stand kam mir so endlos vor, ich hatte (und habe) ab und zu das Gefühl mich in ihm zu verlieren und zu fallen.

Manchmal muss man eben ein paar Schritte zurück machen, um Formen klar sehen zu können, und das ist auch bei dir der Fall. Allerdings ist dein Glas nun offen. Ich kann dort nun ein- und ausgehen, wie es mir passt – egal, ob ein Teil von mir immer oben rausschauen und niemals in dich reinpassen wird. Auch muss ich gestehen, dass ich mich echt gerne ab und zu an die kalten Wände deiner Form presse, allerdings nur in dem Wissen, dass der Deckel offen steht und ich jederzeit wieder weg kann. Sie geben mir Ruhe, da sie so klar definiert sind und sie ein guter Urlaub vom chaotischen Moloch sind, dass ich jetzt mein Zuhause nenne. Denn mein Zuhause bist du schon lange nicht mehr und wirst du auch nie wieder sein. Aber du bist meine Heimat, der Ort meiner Kindheit. Egal wo ich hingehe, du hast mir einmal meine Form gegegeben. Du hast mir beigebraucht, wie man sich im Raum bewegt und wie man desssen Grenzen erkennt.


Tags: Heimat, nach Hause kommen
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10 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Toll das Gefühl des Loslassens und sich in die Welt aufmachen beschrieben!

    27.04.2015, 15:06 von imkeskonfetti
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  • 2

    schöne Metaphorik!

    25.04.2015, 11:53 von taetschbuesi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    wunderbar.

    24.04.2015, 11:27 von Barberton.Daisy
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