nachtschwimmer 27.06.2012, 10:10 Uhr 22 54

Hart genug

"Sie müssen härter werden. Nur bitte nicht schon wieder über diese Liebe. Das kann keiner mehr hören."

Wieder war ich zu spät, schon der letzte Tag, bevor ich meinen Text abgeben sollte. Was hatte ich mir dabei gedacht? Kolumnen! Kolumnen schreiben ist wie onanieren, Selbstbefriedigung, Selbstekel und Sich selbst langweilen in einem Vorgang vereint. 

Trotzdem hatte ich es immer geschafft, pünktlich abzuliefern. „Sauber abgeliefert“, sagten sie dann. Aber irgendwann nervte es sie doch, da es immer um das Eine ging. Um die Liebe. Und sogar immer um die gleiche Liebe, die gleichen zwei Menschen, die gleichen Gefühle, die sich nicht verändern – das will doch niemand hören. Geschweige denn lesen.

„Das Kind rappelt sich auf und fährt

mit dem Dreirad wiederholt über den Knöchel der

alten Frau. Der Sohn der alten Frau kommt auf den

Platz, bricht sich einen Stock aus einem Gebüsch und

verprügelt die Mutter und das Kind. Beide weinen und

jammern. Der Sohn zieht die alte Frau an ihrer Handtasche,

die um ihren Hals hängt, vom Platz. Sie gibt

würgende Geräusche von sich. Die Mutter und das

Kind sterben an ihren Verletzungen.“

 

Ich lehnte mich zurück und genoss meine Tat. Dass es überdies Diebstahl war, merkten sie sowieso nicht. Sie kannten sich noch nie gut genug aus. Es gefiel ihnen, was sie dort lasen, aber doch, es war ihnen nicht hart genug:

„Das ist schon amüsant, aber wir meinten das ernsthaft. Schreiben Sie weiterhin über das, was Sie bewegt. Oder Ihnen passiert. Nur bitte nicht schon wieder über diese Liebe. Das kann keiner mehr hören.“

Sie wollten etwas, was mir wirklich passiert? Das durfte doch nicht wahr sein, seit wann wollen Leute denn das lesen, was wirklich passiert?

Aber gut, wenn sie es wollen…

Bevor ich an diesem Freitagabend losgehen kann, muss ich zunächst an meine Nase. Sie ist kurz davor, aufzugeben, lässt nicht mehr mit sich spaßen. Ich nehme den Nagel, der inzwischen auf meiner Ablage im Bad liegt. Erst die Blutkruste abschaben, also vom Nagel. Es wird wehtun, das ist gut. Dann schiebe ich die Spitze langsam hinein und es blutet, die Schwellung nimmt ab, ich kann nicht nur besser atmen, ich habe auch genug Platz. Zumindest für kurze Zeit. Schnell nehme ich den Briefumschlag. Verdammt, das reicht höchstens noch drei Tage. Wieder Geld auftreiben, das ich nicht habe. „Wie kann das sein, dass du ständig wieder pleite bist? Du hast doch jetzt einen Job, gibst nicht viel aus. Wofür gibst du dein Geld aus?“ „Ich bin viel unterwegs, Mama. Bewerbungsgespräche und Freunde besuchen und so…“, sage ich, „Koks ist teuer Mama, und immer die Freigetränke für die Schlampen am Abend auch“, denke ich.

Jetzt konzentrieren, zwei Lines auf dem Tisch und die Nase überraschen, ffffffffffffffffft, geschafft. Anderes Loch, fffffffffft, das Blut bekleckert das Pulver, verdammt, noch mehr, das ich nicht mehr gebrauchen kann. Dann warten, warten dass die Schwellung zunimmt und es nicht mehr blutet. Nach einer Dreiviertelstunde fühle ich mich gut genug, ins Treppenhaus zu treten. Der Nachbar von nebenan, Scheiße, warum kommt der mir ausgerechnet jetzt entgegen. Voller Ekel und Wut sieht er mir in die glasigen Augen. Seitdem eine meiner Begleiterinnen neulich nachts bei ihm vor die Wohnungstür auf die Fußmatte gekotzt hat, ist er nicht mehr gut auf mich zu sprechen. Leider führten ihre Fußspuren aus Kotze in meine Wohnung, in die ich sie aber nicht hinein ließ. Zum Glück merkte ich bereits im Flur an der Garderobe, was Sache ist. „Boah, das ist jetzt nicht dein Ernst. Raus hier!“ Sie weinte und bezeichnete mich als Schwein.. Mich. Ich kotze nicht bei anderen Leuten ins Treppenhaus – wer ist hier das Schwein?

In der ersten Bar bin ich noch allein mit zwei Flaschen Bier und Tequila ohne alles. Ich trinke den Tequila nur noch pur, Orangen oder Zitronen beißen zu sehr in meinem Nasenbereich, allein von dem Geruch könnte ich vor Schmerzen die Wände hochgehen. In der zweiten Bar bin ich zu dritt, aus einem unerfindlichen Grund hat mich ein Pärchen angesprochen, ob ich mich in der Gegend auskennen würde. „Kann man so sagen“, antworte ich nonchalant. „Wo kriegt man hier Schnee? So wie du rumläufst, wirst du das ja wissen.“ Was haben wir gelacht, zumindest kurz. Dazu fünf Bier, nur einen Tequila, aber eine Nase auf dem Klo. Die schönen Linien an der Wand, das Männerklo, rechts im Kellereingang vom Goldfischglas, unübertroffene Linien… aufregend. Selbst heute Nacht noch.

In der dritten Bar sehe ich sie endlich. Sie ist genau richtig, gefärbtes Haar, nicht sehr groß, nicht sehr klein. Viel Lachen, um den anderen, mit denen sie hier ist, zu zeigen, wie sehr sie sich doch amüsiert. Viele karierte Hemden um sie herum, oh Gott, warum kamen die jemals wieder in Mode, bitte?! Sie raucht und sieht ab und an zu mir hinüber, dreht an ihren Haaren. Dann geht sie in Richtung Toilette, ich gehe hinterher. Als sie rauskommt stehe ich bereit, an die Wand gegenüber gelehnt. Sie lächelt, ich lächle. An ihrem Gang merke ich, wie betrunken sie bereits ist, das macht es für mich günstiger, rein finanziell und überhaupt. „Hey“, sage ich. „Hi“, antwortet sie. Große Regisseure könnten einen so dämlichen Gesprächsanfang nicht einmal erfinden, wenn sie dafür den Oscar versprochen bekämen. Und doch sind das die Worte – tausendmal in jeder Nacht, in dieser Stadt, in diesem Land, auf der ganzen verdammten Welt. Nur die Sprache variiert.

Wir trinken langsam und sprechen viel, wir tanzen weil sie es möchte, sie küsst mich und ist gierig bei der Sache. Dann fragt sie mich, ob ich noch mit zu ihr möchte. „Wo wohnst du denn?“, frage ich sie. „Hihi. Die Straße runter, dann links. Also direkt an der Ecke“. Wie praktisch, wie oft sie diese kecke Antwort wohl schon bringen konnte?

Bei ihr im Zimmer ziehen wir uns aus, sie ist jenseits von Gut und Böse aber motiviert, ich übernehme die Initiative und nach ein wenig Vorspiel dringe ich in sie ein. Wir schwitzen, ein Schweißtropfen kullert an meiner Wange hinab und fällt auf ihre Stirn. Ob sie das wohl eklig findet? Sie lässt sich nichts anmerken, sondern stöhnt und sagt eingeübte Worte wie „Ja, ja… oh Gott, oh ja … das ist so gut“. Ist es das? Danke. Ganz Herr der Lage mache ich weiter, racker mich ab, aber spüre kaum etwas. Auf einmal spüre ich, wie meine Nase kribbelt, dann etwas zu reißen scheint und sie aufschreit. Zunächst weiß ich nicht warum, aber dann sehe ich, wie mein Blut durch die Nase direkt in ihr Gesicht rinnt. Nicht einmal viel, warum macht sie einen solchen Aufstand? Und überhaupt, ob Schweiß oder Blut, sollte das nicht egal sein? Kommt beides aus mir, und Sperma kommt ja auch bald hinzu, das heißt jetzt nicht mehr, aber normalerweise schon, und genau dafür nahm sie mich mit zu ihr. Wo ist also das Problem?

Als ich gehe weint sie, ohne dass ich wüsste warum. „Ich fand dich echt nett.“ Sagt sie. Ja, genau, wenn man jemanden nett findet macht man genau das, was hier gerade ablaufen sollte. Und ich habe es kaputt gemacht. Ich Schwein. „Du hättest von mir sogar noch einen Kaffee bekommen, morgen Früh. Wenn sie nett sind, kriegen sie noch einen Kaffee...“ Was für eine Ehre.

In der Bahn schlafe ich ein und wache leider erst an der Endhaltestelle auf, als ein uniformierter HVV-Mann mich schüttelt. „Zunächst mal Ihren Fahrausweis bitte. Und danach sollten Sie zu einem Arzt gehen.“ Ich habe keinen Ausweis, das heißt wieder vierzig Euro und die zweite Anzeige wegen Schwarzfahren. Also noch mehr Geld ausgeben, das ich nicht habe.

Zu Hause lege ich mich aufs Bett und schlafe ruhig ein. Alles in allem eine relativ unspektakuläre Freitagnacht. Alles in allem bin ich im Plus. Und nicht ein einziges Mal kommt Liebe vor in meinem Text. Keine Liebe, nicht im Text, nicht im Leben. 

Hart genug?

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22 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    wenn man jemanden nett findet macht man genau das!

    29.07.2012, 14:55 von katrinmarlen
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  • 0

    Kolumnen
    schreiben ist wie onanieren, Selbstbefriedigung, Selbstekel und Sich selbst
    langweilen in einem Vorgang vereint.
    so schlimm?
    also... ich frag jetzt mal als vollkommen unbedarfte frau ^^

    26.07.2012, 14:09 von deluecksartist
    • 0

      was ich vergaß:
      der text gefällt mir sehr gut :) schade, das man ihn nur einmal mögen kann ^^


      26.07.2012, 14:11 von deluecksartist
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  • 1

    ich hab es drei mal gelesen und würde am liebsten gleich drei herzen geben!

    02.07.2012, 08:05 von herzscheu
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  • 0

    glückwunsch zur startseite!

    01.07.2012, 13:02 von tagtraum
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    Zwar nicht das Härteste, was ich bisher gelesen habe, und ziemlich plump und hölzern - aber deswegen noch lange nicht niveaulos.
    Ich mags. Vielleicht gerade deshalb.

    30.06.2012, 20:35 von taubengrau
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    "Ja, ja… oh Gott, oh ja … das ist so gut."

    Das würde ich jetzt nicht SO sagen, aber: JA, das war gut :) Und das "stumpfe" war genau das, was ich mochte. Ich habe 6mal Liebe gelesen...

    29.06.2012, 05:39 von Mrs.McH
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