Grüne Welle
Ein kurzer Text über das Abhauen
Ich schlage die Tür mit aller Wucht zu, stecke den Zündschlüssel ins Schloss, drehe ihn und lasse den Motor mehrmals laut aufbrausen.
Beobachte im Rückspiegel, wie Vater und Mutter aus ihrem verkehrsgelben Hochsicherheitslabor treten, um mich - ja, was eigentlich? - zurückzuhalten‽ Ich warte einen Augenblick. Die beiden tapsen, Arm in Arm, mit ihren angstdurchflochtenen Betroffenheitsmienen hinter meinen Wagen und stocken dann unvermittelt, als ihnen die Nähe zu groß wird. Kenn ich nicht anders. Die auch nicht. Zeitlupig öffnen sich ihre lautlosen Münder, jedoch will ich nicht länger warten.
Der wirbelnde Staub meines Aufbruchs mantelt meine Eltern in Gräue ein und deckt auf, was sie bedauerlicherweise sind. Monochrome Schemen. Ich muss jetzt weg, Richtung Horizont.
Ich biege in die Hauptstraße ein und betrachte das Batallion wolkendurchstoßender Glas- und Stahlquader, durch deren Fluchten lethargisierende Hektik zieht. Muss diesem reizüberflutenden Ort der Konformität entkommen, bevor er mich gänzlich vereinnahmt und versklavt.
So wie all meine mir völlig unbekannten Freunde, an denen ich vorbeifahre und die ich mit erhobener Hand versuche abschiedlich zu grüßen. Doch sie beachten mich nicht. Von artifiziellen Auren umgeben paradieren die Willensbetäubten kuhgleich ins Leere. Angezogen vom verlockenden Wohlklang der Sirenen, die die Behüter des Friedens von ihren papiernen Herren in die gebundenen Hände gedrückt bekamen. Ich konnte diese Melodie noch nie ausstehen. Kopfschüttelnd setze ich meine Fahrt fort.
Und dann bemerke ich, dass meine erste Liebe überraschend aus einer Seitengasse heraus sprintet und sich in meinen Weg stellt. Als sie erkennt, dass ich nicht gewillt bin anzuhalten, hechtet sie mit einem beherzten Sprung auf meine Motorhaube. Soviel Courage hätte ich ihr nicht zugetraut. Sie war diejenige, die sich damals gleich einem mürrischen Esel dem nächsten Schritt verweigert hat. Jetzt ist sie plötzlich mutig, schlägt wutentbrannt auf meine Windschutzscheibe ein und will mich so zum Stoppen zwingen. Aber helfen wird ihr das auch nicht. Habe meinen Wagen nämlich mit vergangenheitsabweisender Unversöhnlichkeitspolitur behandelt.
Und so verliert sie in einer Neunziggradkurve den Halt, schleudert hellkreischend durch die Luft und zerschellt an ihrer roten Ampel. Ja, ihre Chance hat sie vor langer Zeit vertan.
Als ich dann den Horizont namens Ortsausgangsschild erreiche und passiere, nehm ich "sie" endlich haptisch wahr. Lebenssatte Selbstbestimmung versprechend. Meine Grüne Welle.
Voll panischer Vorfreude trete ich das Gaspedal durch, rase in die Welle hinein und lass mich von ihr in eine unbestimmte Zukunft strömen.







Kommentare
Dein Hamster kann aber gut schreiben!
28.08.2012, 23:03 von SexyBrigitte23Danke! Hab's ausgerichtet. Hamster ist erfreut!
28.08.2012, 23:25 von Die.sass.daIch meinte doch den anderen...
29.08.2012, 21:12 von SexyBrigitte23Ha! Echt gut. Gefällt mir sehr! Dein Schreibstil ist ebenfalls toll. Weiter so :)
28.08.2012, 15:19 von missweissDanke Dir! :)
28.08.2012, 15:20 von Die.sass.daArschtritt und ab dafür !
Meine Devise! :D
28.08.2012, 14:48 von Die.sass.da...ein Text, denn man so stehen lassen kann. ^^
28.08.2012, 12:36 von derHalbstarkeDankeschön! :)
28.08.2012, 12:39 von Die.sass.daTrotz gelegentlicher Überfrachtung in der Bildsprache, hier und da etwas bekifft sperrig auftürmt, gefällt mir die Stimmung sehr. ein wortvertonter Arschtritt Song, literarischer Drum and Bass gesprengter Ketten.
27.08.2012, 19:18 von schaubyWow! Danke Dir ganz herzlich für die Lesezeit und den Kommentar! :)
27.08.2012, 21:11 von Die.sass.daJap. Ich tendiere zum Verschwurbeln, aber bekifft war ich hierbei nicht! XD
my pleasure, :)
30.08.2012, 02:33 von schaubyhatte so eine wage Mischung aus diesen (1) zwei (2) Songs beim Lesen im Ohr.
vage
30.08.2012, 02:39 von schaubyFreu mich sehr! Danke! :)
30.08.2012, 15:42 von Die.sass.daVage Mischung...Text aus dem ersten und Musik aus dem zweiten Song, oder? Also, fiel mir so dabei ein. :)
Und jetzt bitte nicht lachen. Ich habe vor kurzem "The Devils Rejects" gesehen. Und gegen Ende gibt's ja diese Flucht und Schießerei mit der Polente. Und dazu lief dieser Song "Freebird". Den hatte ich dann beim Schreiben im Hinterkopf. Wollte den aber nicht extra am Anfang des Textes verlinken. Wäre zuviel Klischee :D
besonders die ersten 4 absätze gefallen mir enorm! da sind ein paar unheimlich geladene satzschöpfungen dabei, die melodie in
27.08.2012, 09:29 von MiaMiau"Der
wirbelnde Staub meines Aufbruchs mantelt meine Eltern in Gräue ein und
deckt auf, was sie bedauerlicherweise sind."
ist wunderbar und auch die "angstdurchflochtene Betroffenheitsmienen"zeichnen ein sehr greifbares bild! ersteres hat den geschmack eines ersten satzes eines verheißungsvollen coming-of-age romans! weiter so!
Danke Dir! :)
27.08.2012, 09:34 von Die.sass.daGeil - kraftvolle Wortschöpfungen, die mich in die Story peitschen!
26.08.2012, 16:46 von owoDanke! Freut mich, dass der Text Dir gefällt! :)
26.08.2012, 22:26 von Die.sass.dagroß. ich will nicht mit superlativen um mich schmeissen. gute reise..
25.08.2012, 21:00 von MarekKlippendichterVielen Dank! :)
26.08.2012, 08:38 von Die.sass.dagroßartiger text. toll geschrieben :)!
25.08.2012, 17:42 von SunFeatherFreut mich! Danke Dir sehr :)
26.08.2012, 08:38 von Die.sass.daToller Text! Hierfür hab ich mich extra eingeloggt ;D
25.08.2012, 09:38 von verpixeltIch fühl mich geehrt! Danke Dir herzlich! :)
25.08.2012, 09:40 von Die.sass.daich auch!!!
25.08.2012, 10:43 von zehnmomente