Heir 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 29

Gratwanderer

What goes around comes around und so. Ich auch.

Der Sommer liegt im Sterben, als ich mich zum letzten Mal von Talla verabschiede. Seit mehr als zwei Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen, ich weiß nicht einmal, wer mir die Traueranzeige geschickt hatte und erst die Rede des Pfarrers verrät mir, wie sie starb. Schnell und heftig, wie das Leben, nach dem sie sich immer sehnte, dem sie mit atemloser Begeisterung hinterher jagte, bis ihr Herz aufgab. Ich weiß, dass sie sich weinende, klagende Menschen gewünscht hätte. Sicher hatte sie geahnt, dass ich dazu nicht in der Lage sein würde und damit Recht behalten. Immerhin trage ich mein Schwarz ohne das alberne, selbstdarstellerische Pathos, das ihre Freunde an den Tag legen. Sie sind ausnahms- und rücksichtslos erschienen. Falls überhaupt möglich, hasse ich sie noch mehr als früher. Weder die Jahre, noch dunkler Zwirn haben ausgereicht, um aus ihnen Erwachsene zu machen. Das Ereignis schon gar nicht. Bietet es doch die Möglichkeit, sich einander nach all der Zeit wieder anzunähern, die sonnenbebrillten Gesichter erst in Betroffenheitsfalten und dann aneinander zu legen. Ich lausche den Worten des Pfarrers, die ebenso schön wie leer sind. Ich hatte in mir nach Gefühlen gesucht, Trauer, Reue, irgendeine Regung, aber ich habe nichts gefunden und suche noch immer, als der Sarg zu den Klängen von Ave Verum aus der Halle getragen wird. Ich folge ihm und werde verfolgt. Der Mann gehört nicht zu den gemeinsamen Bekannten und die aggressive Neugier in seinem Blick weckt in mir auch nicht den Wunsch, das zu ändern. Ich sehe zu, wie der Sarg in die Grube gelassen wird und verschwinde, ohne ihm eine Schaufel Erde
hinterher zu werfen oder Tallas Eltern zu kondolieren. Sie wüssten sowieso nicht, wer ich bin.

Müdigkeit liegt schwer auf meinen Schultern. Jene Sorte Müdigkeit, die nicht nach Schlaf sondern etwas Tieferem, Elementaren verlangt. Ich werfe die schwarze Jacke in die Ecke und suche nach Geistigem, um den schalen Nachgeschmack des Geistlichen weg zu spülen, als es klingelt. Ich bekomme selten genug Besuch, um einen Zufall auszuschließen. Jemand ist mir gefolgt, und wird es nicht dulden, ignoriert zu werden. Das verrät bereits die Art des Klingelns und ich ahne, wer vor meiner Tür steht. Ich kenne ihn nicht, habe ihn vor wenigen Stunden erstmals gesehen, aber sein Blick hatte mich verfolgt. Und nichts von seiner Intensität verloren, Wahnsinn lodert mir entgegen, als ich die Tür öffne, ein Hauch Wut und so wilde Verzweiflung, dass ich unwillkürlich zurücktrete, um ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Bevor ich dazu komme, schiebt er seinen Fuß hinein und ich taste nach dem Hockeyschläger an der Garderobe. Als er mir eine Faust entgegen streckt, glaubte ich einen kurzen, rationalen Moment lang, er würde mich schlagen, aber als ich begreife, trifft es mich weitaus härter. Er hält mir seinen Ring entgegen. Mattes Silber mit gemusterter Oberfläche. Ungewöhnlich, aber nicht ungewohnt. Schließlich hatte ich den Abdruck seines Zwillings tagelang auf der Stirn getragen.


Er betrachtet mein Wohnzimmer mit angespanntem Interesse, die Frage ins Gesicht tätowiert. Ich kann ihn beruhigen. Talla wohnte niemals hier, hierher flüchtete ich, als ich sie endgültig nicht mehr ertragen konnte und hier war ich geblieben, während sie sich im Sog der Welt verlor. Sein Name ist Nils. Talla hat so häufig von ihm gesprochen, aber erst in diesem Moment realisiere ich, dass er mehr ist als eine fiktive Figur ihrer bizarren Erzählungen. Abgesehen von einer Flasche Wild Turkey habe ich nichts im Haus und wir geben uns beide damit zufrieden. Was folgt ist Tangentialgerede. Dinge, die nicht schmerzen, während wir einander einschätzen. Letztlich ist er es, der die Initiative ergreift. Mit bohrendem Blick und Stahl in der Stimme.

„Hast du sie gefickt?“
Manche Fragen betteln darum, nicht beantwortet zu werden.

Ich traf Talla in der Silvesternacht. Mein Bruder Lex war wieder einmal im Krankenhaus und ich betrunken genug, um in einem jener Clubs zu landen, in die er mich als Teenager geschleift hatte. Irgendwann zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte alles seinen Zauber verloren, die Langeweile war eingezogen und wurde seither zelebriert. Die Menschen tanzten mit gesenktem Blick in unsichtbaren Vierecken. Talla zwischen ihnen war ein Feuerwerkskörper im Moment der Explosion, funkelnde Euphorie. Als sich mein Gesicht merkwürdig anfühlte, spürte ich, dass ich unwillkürlich lächelte.

Später sah ich sie in einer Gruppe Menschen, von denen ich einige flüchtig kannte. Selbsternannte Jungintellektuelle, die ihre Energien einzig in Selbstdarstellung und leere Diskussionen steckten, deren mangelnde Kompetenz und fehlender Ehrgeiz sich aber hübsch mit dem Geldbeutel der Parentalgeneration kompensieren ließen. Für einige von ihnen hatte ich Hausarbeiten geschrieben, als ich abgebrannt war und wäre Talla nicht unter ihnen gewesen, hätte ich einen großen Bogen um sie geschlagen. So aber wurden sie von der Pest zur Möglichkeit. Ich mischte mich unter sie und lauschte Talla, die mit klarer, die Musik übertönender Stimme eine schräge Geschichte erzählte. Während ich ihr zuhörte, ging mir auf, worin ihr Zauber lag. Begeisterung. Kindlich, vielleicht sogar naiv, aber ehrlich. Wir stürzten uns so hungrig darauf, eine Horde fahler Vampire angesichts einer rosigen Jungfrau.

Irgendwann am Nachmittag landeten sie und ich in meiner Wohnung. Ehrfürchtig betrachtete sie das Bild über dem Sofa. Lex hatte es nach einem Candyflip gemalt und es gab niemanden, der sich nicht irgendwie dazu äußerte. Talla tat mir den Gefallen und analysierte es nicht. Stattdessen erzählte sie von sich. Sie sprach mit der gefährlichen Offenherzigkeit der Betrunkenen, verschwommene Artikulation klarer Inhalte. Talla war auf der Flucht vor einem Leben, das, wie sie sagte, zu eng für sie geworden war. Ein Weg, den man vor ihr ausgebreitet hatte und dessen Grenzsteine sie wütend beiseite trat. Schwankend zeigte sie mir ihren Verlobungsring, bevor sie ihn mit einem weiteren Bier hinunter schluckte. Dann verfiel sie in hysterischen Ekel, bei der Vorstellung, ihn in ihrer Scheiße suchen zu müssen. Diesbezüglich hätte Talla sich keine Sorgen machen müssen, sie kotzte ihn zusammen mit ihrem restlichen Mageninhalt auf die Bodendielen.

Talla blieb zu meinem Erstaunen. Abgesehen von Lex und Judith hatte ich noch nie mit jemandem zusammen gewohnt. Ich betrachtete mich nicht als die Sorte Mensch, die dazu in der Lage wäre. Aber Talla war charmant und herzlich und folgte ihrem Freiheitsdrang so deutlich, dass ich glaubte, sie würde das auch mir zugestehen.

Dass sie einen Großteil der Miete zahlte, gab ihr das Recht, meine Wohnung nach ihren Wünschen zu nutzen und zu meinem Entsetzen füllte Talla sie mit unseren gemeinsamen Bekannten und veranstaltete merkwürdige Lesungen. Dunkle Gestalten lasen vor einer Menge, die ihre Begeisterung in größtmöglichem Desinteresse ausdrückte und die Texte anschließend bis zum letzten Graphem diskutieren wollte. Die Kunst erstickte unter Trivialstem und ich versteckte mich in der Küche. An einem jener Abende, als die Wohnung von Zigarettenrauch und leerem Gerede erfüllt war, lockte mich die Stimme eines Mannes aus dem Exil. Er las Texte über Wandel, Verfall und Verlust und je länger ich ihm zuhörte, umso wütender wurde ich. Dass seinem Vortrag der übliche gelangweilte Ton fehlte, hatte mich angezogen, aber der Schmerz darin widerte mich an. Er war so übertrieben und laut, dass er nicht real sein konnte. An diesem Abend trank ich weit über mein übliches Maß hinaus und als der Mann zu Ende gelesen hatte, warf ich all meine Prinzipien über Bord und ließ mich auf ein Gespräch mit ihm ein. Talla beobachte, wie unsere Unterhaltung an Intensität gewann. Zuerst erfreut, dann alarmiert. Ihr letzter Blick, als ich meine Faust in sein Gesicht schlug, enthielt Angst. Schmerz. Diese Menschen sehnten sich danach, saßen dem Irrglauben auf, dass er der einzige Schlüssel zu Authentizität sei, weil sie ihn nie kennen gelernt hatten. Sie beugten ihre Rücken einem imaginären Sturm, ohne jemals Wind im Haar gespürt zu haben. Und Talla war eine von ihnen. Sie überhäufte mich mit Tränen und Vorwürfen, die ich mir regungslos anhörte. Als sie endlich verstummte, fragte ich sie, ob sie nicht genau deswegen bei mir war. Eine Antwort erhielt ich nie.

Talla begann zu spielen. Statt nach dem Menschen zu suchen, der sie tatsächlich war, verschwendete sie ihre Energie darauf, den Menschen darzustellen, der sie gern sein wollte. Aber ihre Fassade war rissig, alte Gewohnheiten strapazierten sie. Talla war nicht so frei, wie sie gerne vorgab. Der Wunsch zu besitzen trieb sie und die Tatsache, dass ich Geheimnisse vor ihr hatte, machte sie ebenso rasend, wie die, dass mich die ihren nicht interessierten. Während sie abends allein unterwegs war und düsteren Abenteuer hinterher jagte, spannte sie tagsüber versteckte Sicherungsseile. Ich tolerierte das bis zu dem Tag, an dem sie entgegen meiner ausdrücklichen Bitte in Lex' Sachen wühlte. Sie saß am Küchentisch, seine gekritzelten Stammbäume und Landkarten vor sich ausgebreitet, und verfolgte Lex' Kugelschreiberlinien, die sich wie die Flugrouten verwirrter Zugvögel über Europa erstreckten. Sie in den privaten Unterlagen meines Bruders wühlen zu sehen, Neugier und Sensationsgeilheit im Blick, tat mir mehr weh als ihr Vertrauensbruch an sich. Ich wurde ausfallend, sie schlug zu und ich zurück. Es dauerte über eine Woche, bis der Abdruck ihres Rings aus meinem Gesicht verschwunden war und noch länger, bis ich mit ihr reden konnte, ohne dass Hass aus meiner Stimme quoll.

Es gab gute Zeiten. Jener Sonntagnachmittag, nicht lange nach unserem heftigen Streit gehörte dazu. Der Frühling war jung und zurückhaltend und wir lagen im Park, um die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Talla hatte mich nicht mehr auf Lex angesprochen, aber als sie es jetzt tat, überraschte ich uns beide, indem ich ihr von meinem Bruder erzählte. Von Krankheit und Rückfällen. Von Hoffnung, Suchen und Enttäuschungen. Irgendwann schimmerten ihre Augen. Wenn ich Talla jemals geliebt hatte, dann in jenem Moment. Als sie meine Tränen vergoss.

Briefe landeten in meinem Briefkasten. Weiße Kuverts auf denen in schöner, geschwungener Handschrift ein fremder Name geschrieben war. Dass ihr ehemaliger Verlobter weiterhin um sie kämpfte, erfüllte Talla mit widerwärtiger Selbstzufriedenheit. Sie trug seinen Schmerz wie eine Krone und als das Leid in seinen Briefen der Klärung von Formalitäten wich, kränkte es Talla. Oder Chantal. Sie mochte es, mit der Wirklichkeit zu spielen, sie zu kürzen oder zu erweitern, bis sie ihren Vorstellungen entsprach. Ich mochte es, an ihrer Fassade zu kratzen, bis Blut floss.
Es gab unzählige Zusammenstöße, aber nicht den großen Knall. Eiertänze um Nichtiges, unausgesprochene Sehnsüchte, die sich in Missmut Luft machten. Talla war verreist, als ich bemerkte, dass ich in ihrer Abwesenheit atmete. Ich kündigte die Wohnung, packte meine Sachen und verschwand. Ich sah sie nie wieder.

Die Flasche ist leer und der Tag der Nacht gewichen. Nils ließ mich reden, hörte geduldig zu und unterbrach mich nur selten. Ich bin müde und leer. Vielleicht sollte ich Reue zeigen, aber ich finde sie nirgends. Vielleicht hatte mir Talla irgendwann den Auftrag erteilt, ihre Hand zu halten, während sie am Abgrund balancierte, aber ich hatte nie zugegriffen. Vielleicht hätte ich sie von dem Leben, das sie sich so wünschte abhalten sollen. Aber das hatte ich nie als meine Aufgabe betrachtet.

Manchmal betteln Menschen darum, belogen zu werden. Aber für Bitten bin ich taub.


Tags: Copypastecat, Gratwanderer
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10 Antworten

Kommentare

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    großartig!

    07.12.2016, 18:07 von Milani
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    schön düster und ehrlich.

    19.05.2016, 22:20 von NoaThalis
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    Danke dafür!

    11.04.2016, 09:41 von EvaLinda
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Dieser hier war in zwei Texte unterteilt, insgesamt sind es bisher vier, ich glaube, drei davon hatte ich hier veröffentlicht. Ich freue mich, dass sie dir im Gedächtnis geblieben sind.

      11.04.2016, 07:54 von Heir
  • 0

    Voll gut mann

    10.04.2016, 20:45 von AlYoung
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  • 0

    Yeah! Cool.

    10.04.2016, 06:35 von Ellysia
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  • 0

    Krass geil!

    09.04.2016, 20:37 von gedankenpunk
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  • 1

    Duuu Teufel hast mich von Anfang an in deinen Bann gezogen. Das berührt. sehr schön.

    09.04.2016, 10:11 von Drahtseilakt.
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  • 0

    bei talla musste ich an dieses hängengebliebene technodoppelkinn hier denken: talla 2xlc

    ab heute denke ich von ihm als chantalla. thx. 

    08.04.2016, 21:45 von libido
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