Gratwanderer (3)
Am Rand eines Anderen Abgrunds
Der Mensch hinter dem Nachtschalter war klug genug, unsere erbärmliche Erscheinung zu ignorieren und sich voll und ganz dem Geschäft seines Lebens zu widmen. Die Beleuchtung der Tankstelle ließ Nils' Gesicht grün wirken und das Aufeinanderschlagen meiner Zähne war unkontrollierbar. Der Spätsommertag war einer Herbstnacht gewichen und ich hatte nicht daran gedacht, meine Jacke anzuziehen. Auf dem Rückweg schwiegen wir. Nils schien sich Worte zurecht zu legen und ich suchte vergeblich nach einer Möglichkeit, sie mir nicht anhören zu müssen. Lex' dicker roter Kater wartete vor der Haustür und schloss sich uns an. Schnurrend umstrich er meine Beine, ein vermeintlicher Beweis dafür, dass ich in der Lage war, Verantwortung zu übernehmen. Tatsächlich zeugte das Vieh nur davon, dass Talla nicht die Erste war, die ich im Stich gelassen hatte.
Nils war überrascht von der Tatsache, dass ich Tallas Alter erst
seit dem vorigen Tag kannte, aber ich legte keinen Wert auf
Geburtstage oder sonstige Daten und vermutlich hatte sie das
originell gefunden. Von meinem Ritual, den meinen zu begehen, hatte
sie nie erfahren. Sobald ich alt genug aussah, um Alkohol zu kaufen,
suchte ich mir ein ruhiges Plätzchen in der freien Natur und widmete
mich hingebungsvoll dem Inhalt der erworbenen Flaschen, bis die Welt
vor mir verschwamm. Immerhin angenehmer, als die Feiern im
Familienkreis, an denen Lex und die mir verbliebene Großmutter sich
ebenso eifrig wie vergeblich bemühten, eine fröhliche Stimmung zu
verbreiten, während meine Eltern, gefrorenes Lächeln auf den
Lippen, dem Jahrestag ihrer bittersten Enttäuschung gedachten.
„Nicht kompatibel.“
Das Flüstern des Arztes tätowierte Schatten auf ihre Gesichter, machte sie zum traurigsten Paar auf der Neugeborenenstation, stellte mir die Diagnose für das Leben, das vor mir lag.
Dass Talla mir drei Jahre voraus hatte, überraschte mich nicht, aber dennoch rückte es sie in ein anderes Licht. Ich hatte ihr meine Ecken und Kanten gezeigt, um sie auf Distanz zu halten. Stattdessen hatte ich sie damit fester an mich gebunden, war sie dankbar gewesen, für all die blutigen Schrammen, die sie sich an mir holte und die sie als Zeichen des Erwachsenseins betrachtet hatte.
Er sprach ihren Namen aus, als könnte er sich noch immer daran verletzen. Ich wollte weg laufen, schreien, ein Kissen auf sein Gesicht pressen, aber ich saß stumm und gelähmt neben ihm, unfähig, mich seinen Worten zu entziehen. Während Nils sprach, entdeckte ich, wie sehr sich unsere Biographien glichen. Es ist egal, ob man ein mit Erwartungen behaftetes Wunschkind ist oder versehentlich gezeugt wurde, beides schmerzt, wenn es einem vorgehalten wird. Während ich mich mit Verachtung wappnete, war er süchtig nach Zuneigung. Und die erhielt er von diesem Mädchen, das sich so sehr nach der Finsternis sehnte. Nils hatte Talla auf jenen Thron gehoben, von dem ich sie später stoßen und ihr Genick brechen sollte.
Wie bezaubernd sie als Teenager gewesen sein musste. Grenzenlose Unbekümmertheit und kindlichen Glauben im Gesicht. Nils erzählte, dass sie jeden hätte haben können, aber der Aussage, dass sie sich für ihn entschieden hatte, fehlte der normalerweise damit einhergehende Stolz. Er durchschaute sie, vielleicht erst seit dem vorigen Tag, aber er tat es und die Erkenntnis musste schmerzen.
Assoziationen und Projektionen, die schleichenden Begleiter der Verliebtheit. Anfangs klein und harmlos, wachsen sie sich zu Messern im Rücken der Liebe aus, wenn man ihnen Beachtung schenkt. Talla hatte sich als Heldin eines Stückes betrachtet, das sich ihren Launen entsprechend zwischen den verschiedenen Genres bewegte. Wohltäterin, Liebhaberin, Dompteurin. Wie sehr sie sich in diesen Rollen gefallen haben musste.
Ich wollte Talla vor Nils bloßstellen, sie Chantal nennen und ihr die unzähligen Masken und Kostüme vom Leib reißen, bis sie in ihrer ganzen Hässlichkeit vor ihm stand, aber das war nicht länger nötig. Wie sehr wir uns in diesen Rollen gefallen. Ich biss mir auf die Unterlippe, bis sie blutete. Die Luft im Wohnzimmer war heiß, trocken und verqualmt. Ich sah Nils' fragenden Blick. Er erwartete sein Urteil. Er sah das Blut. Die Flaschen waren leer und es dämmerte. Vielleicht schuldete ich ihm Tränen, aber die hatte ich nicht. Nur Schweiß und eben Blut.




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Kommentare
Wow! Kittycat, das ist großartig. Jeder Absatz ein eigenes Universum. Bleib dran. Du MUSST schreiben!
29.01.2013, 16:34 von King-Lube-IIIwas yolk sacht...
24.01.2013, 17:33 von zehnmomenteIch musste erst mal wieder die anderen beiden Storys lesen, weil es schon ein Zeitchen her ist und ich mich nicht mehr richtig erinnerte. Für mich persönlich kommt dieser Teil nicht ganz an den ersten und zweiten heran, ide außerordentlich gut waren, was die Leistung dieses Textes aber nicht schmälern soll. Alles in allem aber dennoch gute Passagen drin, die auf- und erklären.
24.01.2013, 12:02 von topfbluemchennachschub, langersehnter.
24.01.2013, 11:17 von YOLK