Glück
Was Glück ist
Glück. Früher dachte ich, Glück sei ein Shoppingtrip und endlich die Jeans zu finden, die perfekt sitzt. Früher dache ich, Glück sei Urlaub im Vier-Sterne Hotel und den ganzen Tag Cocktails am Pool schlürfen. Früher dachte ich, Glück sei, wenn du nachts um zwei gerade im Club ankommst und rein zufällig gerade dein Lieblingslied aufgelegt wird und dann noch eins. Früher dachte ich, Glück sei die Matheprüfung zu bestehen ohne einen blassen Schimmer von Differenzialrechnung zu haben. Früher dachte ich, Glück sei ein Blick auf meinen Kontostand am ersten des Monats und ein Gehaltscheck Früher dachte ich, Glück sei nach einem erlebnisreichen Tag in ein kuschelig warmes Himmelbett zu fallen und zehn Stunden zu schlafen. Früher dachte ich, Glück sei farbenfroh, laut und sorglos.
Glück. Ich habe mir niemals vorgestellt, dass ich einmal so leben könnte. Hätte mir jemand vor zwei Jahren die Fakten meines jetzigen Lebens aufgezählt, hätte ich vermutlich Gänsehaut bekommen. Gelacht. Farbenfroh, laut und sorglos. Und jetzt liege ich hier, in meinen alten Jeans, die sind fast zwei Jahre alt und so oft getragen, dass der Stoff dünn wird. Sie haben Löcher an diversen Stellen, und ich habe mir mithilfe von youtube versucht, Nähen beizubringen, Nähte, die andauernd aufgehen und furchtbar aussehen. Außerdem ist das rechte Bein jetzt kürzer als das linke. Ich habe mir seit über einem Jahr keine Jeans mehr gekauft, ich kann mich kaum an meinen letzten Shoppingtrip erinnern. Glück ist auch, wenn die Jeans ausgeleiert und bequem ist, perfekt sitzt, so dass man nicht die Luft anhalten muss. Glück ist auch, wenn man mit zwanzig gerade das erste Mal seine Lieblingsjeans zusammengenäht hat und die Naht länger als zehn Minuten hält. Glück ist auch, wichtigere Dinge zu tun zu haben. Glück kann alt, verratzt und hässlich sein.
Glück. Ich liege hier, in meiner verratzten Jeans, in einem fremden Land, das sich so zu Hause anfühlt. In dem keiner meine Muttersprache spricht und die Leute doch inzwischen meinen Akzent nicht mehr erkennen. Es begann als Urlaub, ist es noch, irgendwie, und fühlt sich jetzt kein bisschen mehr so an. Und ich habe in diesen zehn Monaten, seit ich hier bin, nur zehn Cocktails getrunken und die alle in einer Nacht, da gab es zehn Cocktails für 15 Dollar und das war alles Geld, das ich noch in der Tasche hatte und die Cocktails hatten komische Namen und die Gläser waren voller Flecken und der Alkohol nicht geschichtet und es kam ein Tropfen Wodka auf 300ml Saft und das Licht im Club war schummrig und die Musik furchtbar. Glück ist auch, Dinge als Luxus anzusehen, die andere für selbstverständlich erachten. Glück ist auch, sich endlich mal wieder etwas zu gönnen. Glück ist auch, sich in einer dunklen Ecke in einem runtergekommenen Club voller Menschen, die man früher nicht einmal angesehen hätte, zu betrinken. Glück kann dunkel, unheimlich und billig sein.
Glück. Ich bin schon so lange nicht mehr ausgegangen. Die Eintritte hier sind hoch und ich besitze nur noch ein schönes Kleid und ich hatte seit fast 12 Monaten keinen Haarschnitt mehr und meine Eitelkeit verbündet sich mit meiner Armut und stellt sich mir wie ein Türsteher in den Weg. Außerdem kenne ich nur noch Leute, die ihre Samstagabende in 10-für-15$-Bars verbringen und zu Bands, die ich nicht kenne, mit dem Kopf nicken. Und außerdem hast du einen Fernseher und eine Videothek-Mitgliedschaft und ein Auto und ein CD-Player und eine nie endende CD-Sammlung. und immer irgendwas zu sagen. Glück ist auch, selber zu bestimmen, was für Musik heute Abend aufgelegt wird. Glück ist auch, von jemandem Musik vorgespielt zu bekommen, die man selbst nie gehört hätte, und sie trotzdem zu genießen. Glück ist auch, froh zu sein, dass kein Bass die Unterhaltung übertönt. Glück kann leise, fremd und geplant sein.
Glück. Meine letzte Prüfung scheint Jahrzehnte her. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gelernt, lernen müssen, für irgendeine Prüfung, die mich nicht interessiert. Ich wurde schon so lange nicht mehr abgefragt und belächelt, weil ich etwas nicht wusste. Stattdessen habe ich gelernt, einfach so, mehr als je zuvor in meinem Leben. Ich habe Texte vom vielen Hören auswendig gelernt, Lebensgeschichten angehört, von einem Piloten über einer Flasche Billig-Bier die Grundlagen der Physik erklärt bekommen und sie zum ersten Mal verstanden, von allen möglichen Nationen alle möglichen Wörter und Sätze in allen möglichen Sprachen. Ich kann Fick dich sagen in dreizehn Sprachen und ich kann Nähen, zumindest so ein bisschen, und Wäsche waschen und Dinge organisieren und mich entspannen und die Dinge locker sehen und offen auf Menschen zugehen und ich kann fünf Gerichte kochen, die unter fünf Dollar kosten und ich kann von Luft und Liebe leben und an allen möglichen Orten schlafen und ich habe Respekt gelernt und Toleranz und irgendwo dazwischen, da hab ich mich selbst kennen gelernt. Glück ist auch, seine Lehrer überall zu finden. Glück ist auch, jeden als Lehrer zu betrachten. Glück ist auch, sein eigener Lehrer zu sein. Glück kann erfolglos, unwichtig und banal sein.
Glück. Scheint tatsächlich nicht käuflich zu sein, denn sonst könnte ich es mir nicht leisten. Ich hatte drei Jobs in den letzten Monaten, wenn ich genug Geld habe, um davon ein, zwei Monate zu leben, kündige ich, wenn es nicht mehr für Mineralwasser reicht, gehe ich wieder auf Jobsuche. Ein Konto habe ich nicht, mein Geld liegt in einem Briefumschlag in meinem Koffer und braucht nicht sehr viel Platz. Ich zähle es erst, wenn es nur noch aus zwei Scheinen besteht und das ist dann nicht Glück, aber auch nicht Unglück, es ist einfach unwichtig. Geld, das kommt daher, wo es noch mehr davon gibt, und ich brauche nicht viel davon. Glück ist auch, simpel zu leben. Glück ist auch, nicht zu wissen, was man morgen tut. Glück ist auch, zu sehen, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein. Glück ist auch, sich frei zu machen und seine Zeit selbst einzuteilen. Glück kann günstig, arm und arbeitslos sein.
Glück. Und jetzt liege ich hier, in meiner verratzten Jeans, in einem fremden Land, verkatert vom Tetrapack-Rotwein gestern Abend, mit all meinem neuen Wissen und ohne Job. Hier, das ist bei dir, in deiner Wohnung, auf dem Boden. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal auf deinem Boden leben würde, auf einer Luftmatratze aus einem Koffer voller alter Klamotten. Die Mieten sind teuer und ich habe keinen Job und ein zu Hause, 16000 Kilometer entfernt von hier und du bist unkompliziert und wir sind verliebt. So einfach kann das sein. Das Leben. Das Glück. Und wenn du morgens aufstehst, schlaftrunken und ich aufwache, davon, dass du über mich stolperst und mir einen Tritt in die Rippen versetzt und fluchst und dann lachst und dich vor lauter Lachen kaum entschuldigen kannst, dann weiß ich, Glück kann ganz anders sein, als man denkt. Es kann schmerzhaft sein und seltsam und beengt. Glück kann alles sein.




Kommentare
Wow! du triffst es Zen-genau in deinem Text. bin positiv von Dir überascht. ein echtes FLYINGTOOHIGH-Erlebnis das zu lesen. Vielleicht solltest Du ein Buddha werden oder so. - bin übrigens inzwischen auf= twitter.com/neonsheela
24.12.2010, 23:50 von YasminTranz
21.12.2010, 18:39 von sailorwww.karbid-kocher/dl/glueck.mp3
© Cucumber Lounge Orchestra
@sailor Funktioniert (bei mir) nicht.
21.12.2010, 22:35 von flyingtoohigh@flyingtoohigh In dieser URL haben wir einen kleinen Fehler verstackt...
22.12.2010, 13:27 von sailor:D
Probier' mal hier:
www.karbid-kocher.de/dl/glueck.mp3
@sailor Ach, hätte ich noch ein paar Wochen drüber nachdenken können, wäre ich bestimmt auch noch auf die Idee gekommen, ein .de einzufügen ;) Jetzt funktioniert's, danke sehr.
22.12.2010, 17:26 von flyingtoohighIn diesem Text wird mir das Wort *Glück* überstrapaziert. Schade.
21.12.2010, 14:41 von Jackie_Grey@Jackie_Grey ohne das wort am anfang jedes absatzes würde natürlich auch gehen. oder dann immer noch zu viel?
21.12.2010, 14:48 von flyingtoohigh@flyingtoohigh Du sagst da viel Schönes, aber ab Mitte des Textes ermüdet mich das Wort *Glück* und damit auch Dein Text. Weniger "Glück" wäre mehr... Ich hab sie nicht durchgezählt, aber es sind ca. 100 gefühlte 'Glücks'.
21.12.2010, 18:52 von Jackie_Grey@Jackie_Grey Ja, ich denke, ich verstehe was du meinst. Vielen Dank für die konstruktive Kritik :)
21.12.2010, 22:36 von flyingtoohigh