annique_ 08.03.2006, 15:06 Uhr 71 0

Generation Panik

Ich halte den Druck nicht aus. Wenn ich nicht vorher aufgebe, habe ich noch ca. 55 Jahre. Doch mein Herz schlägt schneller wenn ich an morgen denke.

Ich will kein Morgen. Ich will vor dem Fernseher sitzen und mich berieseln lassen. Dann ist alles gut. Alles besser. Ich vergesse und mein Herzschlag beruhigt sich. So geht es immer. Ich beginne wieder zu denken. Meine Mutter könnte jeden Moment anrufen. Sie fragt nach. Was willst du jetzt tun? Was hast du getan? Hast du den und den bereits angerufen? Ich habe Bewerbungen geschrieben. Aber ich habe das Gefühl, dass ich gelogen habe. Durch mein gutes Zeugnis und meine Lügen besteht die Gefahr, dass ich tatsächlich zu einem Gespräch eingeladen werde. Mein Herz fängt wieder an zu rasen. Was ist wenn? Was ist wenn nicht? Ich habe Träume. Aber innerlich wünsche ich mir, dass es Träume bleiben und die Zeit stehenbleibt. Nicht weil ich glücklich bin, sondern weil ich eine scheiß Angst habe. Ich will mich betrinken. Ich will fernsehen. Dumme Sachen ansehen. Dumme Reportagen, Talkshows und dergleichen. Doch wie zahle ich die Miete? Wie zahle ich die Miete in fünf Jahren? Ich habe Angst bei meinem Arbeitgeber anzurufen, weil ich mich seit drei Monaten nicht gemeldet habe. Ich denke an früher, als ich mit Freunden im Gras lag und Pillen geschmissen habe. Könnte ich das doch jetzt noch mal erleben. Das geht jetzt nicht mehr. Ich muss jetzt was werden. Die Weichen stellen. Ich habe mir ein einfaches Studium ausgesucht um Aufschub zu kriegen. Ich hoffte, dass dadurch das Gewissen und die Familie aufhören würden zu nerven. Aber es ist nur schlimmer geworden. Was ist wenn ich ein Praktikum im Sommer kriege? Mein Herz rast. Warum habe ich diese Angst? Könnte ich mich doch einfach für ein BWL Studium begeistern. Ich kann es nicht. Ich ticke anders. Ich will Künstler werden. Alle sagen ich habe Talent. Ich habe nichts geschafft. Nichts getan. Die Atmung fällt schwer. Die einzige Möglichkeit Luft zu kriegen ist ein langes Gähnen alle 2 Minuten. Manchmal klappt es. Und manchmal ringt man stundenlang mit der Luft. Eine Panikattacke. Und alles wegen Morgen, den Eltern, der Wirtschaftslage, den Medien. Ca. 30 Prozent meiner Freunde sind in psychotherapeutischer Behandlung. Andere sind am Überlegen ob sie nicht Hilfe brauchen. Keine Gestörten. Alles auf den ersten, zweiten und dritten Blick normale, nette Menschen. Und ich frage mich: Sind wir ein Konstrukt dieser modernen Gesellschaft oder war es eigentlich nie anders?

71 Antworten

Kommentare

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    toller artikel..
    ich bin erst 16, trotzdem finde ich mich dadrin ziemlich genau wieder..

    17.08.2008, 20:25 von weltveraenderer
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    Alle Kommentare haben etwas wahres an sich, doch musst du immer in den Spiegel schauen und sagen können: "Ja, in irgendeiner Weise ist das noch mein Leben."

    Vielleicht täte es dir gut, andere "Welten" zu entdecken, und damit die unterschiedlichen Werteverteilungen dieser Welt sehen. Wo mancher klagt, dass er nichts zu tun hat, anderer jedoch, dass er zu tun hat seine Familie mit Nahrung zu versorgen...usw.
    Doch sicher kannst du sein, dass du in irgendeiner Weise an dein Ziel gelangst, du musst dir es nur noch aufstellen, doch auch damit kannst du dir Zeit lassen.

    Panik ist ein Gefühl, Gefühle sind dem Menschen eigen, sie dich bringen dich weiter.
    In welcher Weise, dass musst du allein entscheiden.

    21.04.2006, 21:30 von bibliophile
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    ..hatte meinen Beitrag ausversehen schon abgeschickt...

    Ich will damit nicht die Ängste von Leuten kleinreden, aber ich glaube, dass oft Dinge als "Zeitgeistphänomen" angesehen werden, die es schon gibt, seit es Menschen gibt. Nur hat erst unsere Generation (durch die Medien und die zunehmende Individualisierung) ein "Forum" dafür.

    04.04.2006, 12:33 von Artfowler
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    Ich will hier nicht den Spielverderber spielen, aber...glaubt ihr, dass die Leute nach dem zweiten Weltkrieg keine Zukunftsängste hatten? Wenn man sich nur mal versucht vorzustellen, wie es damals etwa einer (nach dem Krieg) alleinerziehenden Frau gegangen sein muß, die keine Ahnung hat, ob ihr Alter überhaupt noch lebt, ob er in Kriegsgefangenschaft ist, ob er überhaupt irgendwann zurückkommt und wenn dann wie....dann kommt es mir diese pauschale "früher war alles besser"-Haltung relativ absurd vor.

    04.04.2006, 12:23 von Artfowler
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    Es gab sicherlich immer Menschen, die ihrer eigenen Persönlichkeit nur die bedrückende Enge zugestanden, die ihnen die Summe der Erwartungen anderer erlaubte.

    Eventuell nimmt ihre Zahl zu, je mehr eine Gesellschaft auf Wettbewerb basiert.

    25.03.2006, 02:27 von Abstinenzabszess
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      @Abstinenzabszess Boa...... . Diese sind also ein Tatbestand, der mal mehr mal weniger unsere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

      Das klingt wie die Aussage eines Bekannten, der meinte bei den hohen Arbeitslosenzahlen, die wären auch schon immer da gewesen, man hätte nur nicht richtig gezählt. Es kann einen trösten! Meine Betonung liegt auf dem Wörtchen KANN!

      25.03.2006, 09:00 von uschi_fisch
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      @uschi_fisch Das war meinerseits nicht tröstend gemeint, ich habe lediglich meine Antwort auf den letzten Satz des Artikels gegeben und einen Vorschlag zur Interpretation der Entwicklung gemacht.

      Letztlich muss jeder im Kampf mit sich selbst mit dem Problem fertig werden, ob mit Hilfe oder alleine. Ich wünsche allen Betroffenen viel Erfolg dabei, fühle mich aber außerstande, per Artikelkommentar Hilfreicheres als Durchhalteparolen oder leere Phrasen beizusteuern.

      Nur eines: Dein Kopf gehört nur dir. Lass die anderen nicht darin herumpfuschen.

      25.03.2006, 19:38 von Abstinenzabszess
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    Ich glaube, es war nie anders :) Wenn du willst, begleite ich dir zu einer Therapie und hoffe, dass sie mich nicht gleich auch da behalten wollten.......Mehr Artikel schreiben. Höfliche Aufforderung.

    22.03.2006, 21:03 von NeonBlond
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    Wow, ich denk ich weiß genau was Du meinst. Diese lähmende Angst! Aber sich dann reinfallen zu lassen ist keine Lösung. Ich denke es kommt drauf an es immer wieder zu wagen, und mal ehrlich was kann schon wirklich schrecklich sein und nicht wieder korrigierbar ? Ich bin froh um jeden Fehler den ich machte, denn er brachte mich stets dem, was ich wirklich will, näher. Kopf hoch und nicht unterkriegen lassen, dabei auf sich acht geben ist wichtig. Und vielleicht gibt es ja einen Mittelweg zwischen dem was Du willst und brauchst. Weil die Erde ist ein Kugel und sich stets drehen wird, deswegen wird auch Dein Leben stets weitegehen. Du bist das Ergebnis und die Konsequenz all dessen was Dir bislang widerfahren ist. Und gefällst Du Dir ??

    22.03.2006, 13:57 von sternschnuppchen
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    mir geht's genau so. dieser druck. seit dem 1. Oktober 2000 verging eigentlich kaum ein tag ohne ihn. besonders schlimm wurde es 2002, als ich endlich aussprechen konnte, was ich lange wußte: bwl ist nichts für mich! und dann die quälende frage: aber was denn dann? keinen ahnung. ein paar dritte versuche später (leider hat es keiner davon geschafft, mir den entscheidung für einen neuen weg abzunehmen) dann die ersten schritte zur "erleuchtung" durch diverse praktika beim radio, verlagen und promotionjobs. reden kann ich gut, das ist schon mal ein anfang. und weiter?
    diesmal hat mir das studium die entscheidung abgenommen. ich war zu weit, um alles abzubrechen, nur noch 3 läppische klausuren zum "ziel": diplom. irgendwo quer einsteigen mit abschluss kommt immer besser als ohne. also durchhalten mit bauchschmerzen und immer häufigeren panik attacken und dem gedanken daran, bisher in allem versagt zu haben niemand zu sein und nichts zu haben.
    dann endlich die letzte klausur, gar nicht lang her. peinlich ohne ende... was ist passiert? stellt euch vor, ich bin einfach raus gerannt, mitten aus der klausur. ist mir auch noch nie passiert... klar, man meldet sich hin und wieder mal an um sich kurz davor ein attest zu holen, aber rausrennen???
    seitdem ist alles anders. ich habe lange mit mir gerungen, ich dachte immer, ich kenne mein problem doch, dann kann ich es auch selber lösen... fehlanzeige. jetzt hilft mir eine psychotherapeutin auf dem weg zum abschluss. sie macht pläne mit mir, hilft mir, meinen tag einzuteilen, damit ich tatsächlich auch mal wieder zeit für mich habe. das kannte ich so gar nicht. ich habe 12 stunden am tag eingesperrt in meinem zimmer allein mit meinen büchern verbracht. nicht nur tage, oder wochen. monate vor der klausur. ich hatte keine freizeit und durfte keine haben, sagte mein kopf. die seele hatte praktisch nichts zu melden. das war neulich…
    in ein paar tagen darf ich meine verpasste klausur noch mal schreiben. ich denke, es wird alles gut, denn ich weiß, was ich weiß.
    ich habe wieder hoffnung. hoffnung haben ist sehr zu empfehlen. man kann es lernen. notfalls in einer psychotherapie.
    ist doch keine schande...

    21.03.2006, 22:57 von dieKathi
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