Fantine 22.05.2007, 22:46 Uhr 22 17

Gefüllt mit Leben

Was bisher war, war mehr wie ein Spiel: Von Zuhause ausziehen und gucken, was passiert.

Mit einer Tasse Cappuccino stehe ich auf meinem Balkon, schaue ins nächtliche Berlin und zupfe ein bisschen an meinem Blumen herum. Ich habe es endlich geschafft – mein Balkon ist aufgeräumt, geputzt, ich habe Blumen drauf gestellt. Jetzt fehlt nur noch der Tisch. Ich mache das nicht aus Spießigkeit, sondern einfach, weil ich Blumen mag und im Sommer gerne auf meinem Balkon sitzen möchte. Währenddessen kribbelt irgendetwas in mir und ich bin unsicher, woher das kommt. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Aufregung, Nervosität und Angst.

Dabei habe ich dazu momentan wirklich keinen Grund: Ich fühle mich wie aus der Winterstarre erweckt, die Zeit, in der ich niemanden kannte und viel zu viele Stunden vor dem Fernseher verbrachte, ist endlich vorbei. Seit Wochen bin ich tagaus, tagein beschäftigt, ich habe nie mehr Langeweile: Ich bereite zwei Projekte für die Uni vor, zweimal die Woche habe ich Theaterprobe, ich gebe Deutschunterricht, ich besuche einen freiwilligen Sprachkurs und morgen ist das erste Treffen mit meiner französischen Tandempartnerin. Mein Leben ist gefüllt mit Diskussionen, E-Mail-Schreiben, Verantwortung übernehmen, Überwindungen, lautem Lachen, Blumenkästen schmücken, Erfolgserlebnissen, Türkischvokabeln, Streitereien, mit – Leben.

Ich werde gefragt, ob ich auch noch ein Bier mittrinken gehen will, und natürlich will ich. Ich plaudere und tratsche und trinke und lache noch mehr – ich höre neue Lebensgeschichten und erzähle von mir. Wir treffen uns zum Kochen und planen schon das nächste Mal. Mein Freund stellt sich ein Klavier in sein Zimmer und wir bestaunen es stundenlang und klimpern das gleiche Lied auf und ab. Am Wochenende sitzen wir im Café beim Frühstück und liegen danach sonnenverträumt im Park.

Mein Mitbewohner zieht aus und eine neue ein. Am Anfang hab ich Angst davor, denn die letzte Erfahrung war nicht gerade berauschend: Aber wir können miteinander reden und ich denke, wir werden gut genug miteinander auskommen. Mein durch meinen „Ist mir egal“ – Ex-Mitbewohner ausgelöstes Desinteresse am Dekorieren der Wohnung verschwindet wieder und meine Ideen strömen aus mir heraus. Sofort fahre ich in den nächsten Second-Hand-Möbelladen und zu Ikea. Die Wohnung, das spüre ich, wird immer mehr zu meiner Wohnung: In der ich mich wohlfühle. In der alles seinen Platz hat. Die so aussieht, wie ich mir meine WG immer vorgestellt habe. Der Ort, den ich „Zuhause“ nenne.

Da stocke ich. Die Tasse in meiner Hand zittert. Zuhause war doch immer das Haus in meinem kleinen Dorf, mit dem riesigen Garten, in dem zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben wohnen. Habe ich mich nicht schon im November darauf gefreut, Weihnachten nach – eben nach Hause zu fahren? Und wie einsam habe ich mich gefühlt, als ich zwei Wochen danach wieder in meinem Zimmer war und plötzlich niemand mehr zum Quatschen in der Küche saß.

Ich habe ihn wirklich nicht bemerkt – diesen langsamen Perspektivwechsel: Entscheidend ist plötzlich nicht mehr so sehr, wann ich mich das nächste Mal in den ICE Richtung Süden setze und was ich bis dahin alles tun muss, um gute Neuigkeiten mitzubringen. Mein Blick ist auf das Intensivtheaterwochenende gerichtet, auf das Referat nächste Woche und auf die Frage, wann mein Nachhilfeschüler endlich die Kommaregeln versteht.

Was bisher war, war mehr wie ein Spiel: Von Zuhause ausziehen und gucken, was passiert. Ich bekomme Startkapital und eine Anhängerladung mit Möbeln und guten Wünschen. Jetzt heißt die spannende Frage: Was werde ich damit machen? Aber im Zweifelsfall kehre ich einfach zurück, zu meinem alten Leben.
Das hat sich verändert. Ich spüre es ganz deutlich: Hier ist jetzt mein Leben. Hier kenne ich jetzt Menschen, manche davon haben gute Chancen zu Freunden zu werden. Sie verlassen sich auf mich, darauf, dass ich komme und mit ihnen etwas aufbaue. Das Gefühl, der Stadt sei es egal, ob ich da bin oder nicht, ist verschwunden. An seine Stelle tritt das Gefühl, dazu zu gehören.

Zurück, auch das merke ich, würde gar nicht gehen: Den Menschen, der ich in meinem alten Leben war, gibt es nicht mehr. Und die neue, die aus mir herausgekommen ist, mag ich auch viel lieber. Das Kribbeln in mir merke ich jetzt ganz deutlich: Nervosität, ob ich wohl schon so weit bin, wieder ein richtiges Leben zu führen. Angst, dass ich es nicht sein könnte. Und Aufregung: Wenn das erst der Anfang ist, was wartet wohl noch auf mich?

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22 Antworten

Kommentare

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    sehr schön geschrieben. sehr schön.

    13.10.2007, 14:07 von s.teff
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    das haben wir wohl alle mal gefühlt, als wir nachg berlin kamen, aber ich denke nicht, dass du ein neuer mensch bist! oder ich hoffe es für dich, dass du ein wesen hast, dass egal wo du bist mit dir geht!

    20.08.2007, 11:00 von peachesrocks
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    Kenne ich mittlerweile auch, raus von Zuhause , und jetzt WG klang gut aber die letzte Mitbewohnerin zieht jetzt gott sei dank aus, is zum Kotzen wenn eine mit permanent Schlechter Laune und chronisch leerem Geldbeutel mit in der WG hockt, naja ich bin auch schon Wahnsinnig gespannt wie der nächste Mitbewohner wird. Viel erfolg beim weitern Wohnen

    Gruß

    30.05.2007, 15:32 von CorInfernale
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    Ja aber das ist es doch! Das Leben! Da gibt es kein Altes und kein Neues! Es geht immer weiter...

    28.05.2007, 20:53 von unwicht
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    Der Artikel beschreibt echt wunderbar den Auszug aus dem "alten" Leben ins "neue". Ich merke gerade in den letzten Wochen, dass ich endlich innerlich in meinem neuen Zuhause angekommen bin.
    Und gerade deshalb spricht mich dein Artikel so an!

    27.05.2007, 16:14 von st.ives
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    Wunderschön. Genauso fühle ich mich auch.

    26.05.2007, 00:54 von isch
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    Du nimmst mir dir Worte fast aus dem Mund. Berlin, Theater... Nur das auf dem Balkonsitzen klappt nicht so gut, bei dem Gewitter gerade... ;-)

    25.05.2007, 19:28 von mirlemaus
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    Wunderschön!
    Hach, und paralell höre ich "Bye Bye Berlin" von Tele.
    ...
    Ich kann mit deinem Text, glaube ich, noch nicht so viel anfangem aber irgendwie... Du schreibst so gefühlvoll!!
    Toller Artikel. :)
    Wird glatt empfohlen.

    25.05.2007, 15:39 von Preussenprinz
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