stereoG 26.11.2010, 05:36 Uhr 23 16

Gangs Of Wartenberg

Halb fünf an der Tischtennisplatte!

Daniel verließ das Klassenzimmer, kramte das Pionierkäppi aus seinem Lederranzen und flitzte los. Er hatte es verdammt eilig, denn in wenigen Minuten würden “Die Leute von der Shiloh Ranch” beginnen, so dass er sogar darauf verzichtete, auf dem Treppengeländer hinunterzurutschen. Wohlgemerkt von ganz oben bis nach unten - ohne Unterbrechung, was sich noch nicht viele Zweitklässler der 2. OS Hohenschönhausen trauten. Katja pfiff ihm hinterher und deutete an, dass er gefälligst auf sie warten solle, schließlich war sie nicht nur Jungpionierratsvorsitzende, sondern auch seine Freundin und wollte wie immer mit ihm zusammen den Hagenower Ring entlang bummeln und über die gemeinsame Zukunft spinnen, denn sie würden bald heiraten, soviel war für sie klar. Heute aber nicht, denn der Virginian kämpfte mal wieder gegen kapitalistische Großgrundbesitzer und Daniel würde ihm wie immer dabei zur Seite stehen.

Er überlegte kurz als er die Fritz-Große-Straße überquerte, ob er über den Hinterhof abkürzen sollte, aber er entschied sich für den etwas längeren Weg, da ihm hier niemand begegnen konnte, der ihn mit sinnlosem Gequatsche aufhalten könnte. Daniel erreichte seinen Aufgang und nahm zwei Treppenstufen auf einmal bis zur Wohnung seiner Eltern im sechsten Stock und schloss auf. Er pfefferte den Schulranzen in die Ecke und stürmte zum Fernseher, schaltete ihn ein und drückte auf die dritte Taste am Gerät, was ihm eigentlich von seinen Eltern untersagt worden war. Er jubilierte als die Titelmelodie startete und so rückte er ganz dicht an den Bildschirm heran, da klingelte es.

Sofort machte er die Glotze aus und ging zum Küchenfenster, um zu sehen, wer es wagte, ihn bei seinem Ritual zu stören, doch sah er nichts, also bequemte er sich zum Türöffner und ließ den Störer ins Treppenhaus. Daniel ging ans Geländer und schaute hinunter, ob er erkennen könne, wem er geöffnet hatte. Er sammelte ein bisschen Spucke im Mund, zielte mittig zwischen dem Geländer und ließ los. Normalerweise platschte es nicht im dritten Stock aufs Geländer, sondern mittenmang auf den Kellerboden. Bin mal gespannt, wer da nachher reinfasst, dachte er und ließ sich auf der obersten Treppenstufe nieder.

Keuchend erreichte Heiko den sechsten Stock und japste: „Schnell, Daniel, du musst unbedingt runter kommen, die vom Hof drüben haben uns den Ball geklaut. Jetzt herrscht Krieg, wir brauchen alle aus unserer Bande um den wieder zu bekommen!“ Seitdem Daniels Familie aus dem Altbau im Friedrichshain vor drei Jahren ins schöne (weil neue) Wartenberg gezogen war, das zum Berliner Bezirk Hohenschönhausen gehörte, hatten sich schnell in den einzelnen Hinterhöfen der Plattenbauten Konflikte zwischen den Kindern herauskristallisiert, die sich des Öfteren zu mittelschweren Auseinandersetzungen entwickelten. Dabei tat es nichts zur Sache, dass man gemeinsam die Schulbank drückte oder im selben Sportverein war. Ganz im Gegenteil; diese persönliche Note heizte den Bandenkrieg meist noch an, da man schnell eigene Erzfeinde fand, denen man so oft es ging zu setzte.

In seinem Hof hatten eigentlich die „Großen“ das Sagen, zu denen sein Nachbar Stefan gehörte, der nicht nur Daniels bester Freund war, sondern auch sein großes Idol und schon Thälmannpionier war. Stefan hatte ihm jüngst erklärt, dass der Kampf zu den Männern gehört, wie das Putzen zu den Frauen - das ziehe sich schon seit der Steinzeit so, da hätten auch Höhle Eins gegen Höhle Zwei gekämpft. Einfach, weil sie es könnten und auch brauchten. Auf Daniels Argumentation, dass das ja gegen die Pionierregeln verstöße, ging Stefan nicht weiter ein.

Die Bande aus Daniels Platte teilte sich auf in die „Großen“ und die „Babys“. Die „Großen“ gingen alle auf die POS nahe der Kaufhalle und waren mit den „Großen“ des anderen Hofes befreundet, weswegen sich die Kämpfe meist auf die Babybanden beschränkten, es sei denn, die „Großen“ sahen einen Grund ebenfalls das Kriegsbeil auszugraben. Dadurch, dass Daniel dicke mit Stefan war, hatte er einen höheren Status bei den „Babys“ inne. So hing er eigentlich meist mit Stefans Kumpels rum, wenn sie im „Schlangental“ kokelten oder an einer Zigarette zogen; einer Schuttabladestelle neben den Zuggleisen, die aus ein paar Hügeln bestand und unerklärlicher Weise diesen romantischen Namen trug, obwohl die einzige Schlange, die Daniel dort jemals gesehen hatte, eine ordinäre Blindschleiche gewesen war.

Daniel war gezwungen sich zwischen den Leuten von der Shiloh Ranch und seiner Bande zu entscheiden, was wirklich gut überlegt sein sollte, denn eigentlich wollte er heute nicht draußen spielen, sondern lieber „Die Söhne der Großen Bärin“ zu Ende lesen, aber dann wies ihn Heiko auf eine entscheidende Tatsache hin: „Den Ball hat der beschissene Christian von Benny geklaut.“

Der beschissene Christian war ein hässlicher, rothaariger Junge mit Sommersprossen und schiefen, gelben Zähnen, der in Daniels Parallelklasse ging und seit seinem ersten Tag in Wartenberg sein Feind war. Er hatte nämlich Daniels Tischtennisball, den einzigen, den er besaß, grundlos zertreten und dabei hämisch gegrinst, woraufhin Daniel ihm eine Tracht Prügel verabreichte, was den rothaarigen Spacko veranlasste zu seinem großen Bruder Erik zu rennen, seines Zeichen Chef der anderen Hofbande und Stefans Tischnachbar in der Schule.

Erik hatte Daniel daraufhin ordentlich vertrimmt, was an sich nicht schlimm war, doch wurde Erik immer weiter von Christian angestachelt, der sich feige hinter seinem Bruder versteckte, ohne dass Daniel eine Chance hatte, es diesem Feigling heimzuzahlen. Auch später nicht, denn sobald Daniel den Rothaarigen erspähte und sich ihm näherte, flitzte dieser so schnell es ging Richtung Hausaufgang oder großen Bruder.

Daniel stand sofort auf und klingelte bei Stefan, doch öffnete nur dessen kleine Schwester Tina, die noch in den Kindergarten ging, also fragte er höflich, ob er denn Stefan sprechen könnte. Die Frage beantwortete ihm Frau Niemeyer, die ebenfalls an die Tür getreten war: „Stefan hat doch heute Wandertag mit seiner Klasse. Sie gehen ins Planetarium und danach noch Rollschuhfahren im SEZ. Er wird erst zum Abendbrot wieder da sein.“

Er sah wie Heiko erblasste und bedankte sich artig bei Frau Niemeyer für die Auskunft. „Was ist los, Heiko? Warum knickst du ein?“ – „Ohne Stefan und die anderen Großen haben wir doch keine Chance gegen die.“ – „Quatsch mit Soße. Das heißt auch, dass Erik ebenfalls nicht da ist. Heute kriegen sie richtig.“ Heiko taute sofort wieder auf und Daniel schmiedete den Schlachtplan: „Du rennst los und trommelst unsere Leute zusammen – bei René brauchste nicht klingeln, der hat die Woche Stubenarrest, aber der Rest muss kommen. Schnell, sag ihnen: Halb fünf an der Tischtennisplatte! Um die Bewaffnung kümmere ich mich.“

Heiko machte sich umgehend auf die Socken und sprang polternd die Treppen hinunter, so dass sich im zweiten Stock der Suffkopf Krause angesprochen fühlte, die Tür zu öffnen und ins Treppenhaus "Ruhe" zu blöken. „Fresse“, rief Daniel von oben hinunter und verschwand in der Wohnung, bevor der Suffke nach oben linsen konnte, wer da dreist Widerworte gab. Daniel schmierte sich zur Stärkung eine Stulle und ging in Gedanken den Kampf durch, dann spähte zur Küchenuhr und verließ die Wohnung.

Noch lauter als Heiko trampelte er durchs Treppenhaus, dabei immer die letzten vier Stufen springend, in den Keller zu Stefans und seiner Bude, die sie sich unter der Kellertreppe aus alten Möbelteilen gebaut hatten. Hier schnallte er sich eine Spanplatte vor den Bauch, ergriff zwei Holzlatten und eine abgerissene Fahrradkette für Heiko und die Jungs. Er selbst wählte zwischen einem Kabel mit Steckdosenknopf oder einem alten Schlauch mit Gewinde daran, die wirklich übelst zeckten, wenn man damit jemanden verdrosch. Der rothaarige Spacko wird wohl heute noch ein bisschen roter als sonst aussehen, wenn ich mit ihm fertig bin, dachte Daniel, während er abwechselnd Kabel und Schlauch gegen die Wand schlug. Wieder brüllte jemand nach Ruhe ins Treppenhaus.

Mit dem Kabel in der Hand lief Daniel schnurstracks zur Tischtennisplatte, wo Heiko schon den Rest der Bande versammelt hatte. Die restlichen Waffen des Arsenals gab er den – seiner Meinung nach – Stärksten, die anderen sollten sich Steine suchen. „Männers, heute haben wir die einmalige Chance uns in der Nachbarschaft einen Namen zu machen. Es sind keine 'Großen' da, also kriegen die von drüben richtig Dresche. Wir machen keine Gefangenen. Es ist mir egal, ob ihr zu zweit auf einen von denen raufgeht. Hauptsache, der beschissene Christian gehört mir. Und ja, Benny, deinen Ball bekommst du mit Zins und Zinseszins wieder. Wenn der Spuk vorbei ist, treffen wir uns am Klettergerüst wieder.“

Der Plan, den er ausgetüftelt hatte, sah vor, dass Benny und ein anderer Kleiner, um den Ball bettelnd in den anderen Hof hinübergehen sollten, während sich der Rest auf beiden Seiten des Eingangs versteckte. Auf Daniels Zeichen – ein lauter Pfiff – sollten die Gegner erst mit einem Steinhagel eingedeckt werden bis diese dann zermürbt im Kampf Mann gegen Mann verdroschen werden würden.

Als er mit seiner Truppe zum gegnerischen Hof schlich und verfolgte, wie Benny und sein Kumpel zaghaft nach vorn tappten, sah er seinen Erzfeind lässig auf dem Ball sitzen und erkannte, dass sie eine Falle erwartete. Er schrie, dass die beiden Kleinen zurückkommen sollten und wollte zum Angriff pfeifen, als sie von hinten mit Steinen und Ästen überrascht worden. Was nun, dachte Daniel, wie würden Chingachgook oder Tokei-ihto reagieren? Er handelte als guter Anführer und ging zum Gegenangriff über: „Vergesst die Steine, in den Nahkampf, Männer!“

Daniel stürzte sich gleich auf zwei Gegner, schwang sein Kabel und trieb die beiden vor sich her in eine Ecke, was seine Gegner nicht sahen, da sie rückwärts stolperten, um nicht von seinen Kabelschwüngen getroffen zu werden. In der Ecke prügelte er ein paar Mal auf sie ein und wandte sich den nächsten Gegnern zu, die den Rückwärtsgang einlegten, da sie von der entschiedenen Gegenwehr überrascht waren. Daniels Bande war klar überlegen, also richtete er seine Aufmerksamkeit Richtung Ball, der nun allein die Straße entlang rollte.

Wo war der rothaarige Hund? Daniel entfernte sich vom Gewusel der Anderen auf der Suche nach seinem Gegner. Mittlerweile wurden einige Fenster geöffnet und die Anwohner riefen, dass sie aufhören sollten, sonst würden sie den ABV-Mann rufen. Doch die Jungs waren in ihrem Rausch taub und ignorierten die Rufe. Er erblickte Christian, der versuchte mit seinem Schlüssel, den er wie alle Kinder an einer Strippe um den Hals trug, die Eingangstür aufzuschließen und sich der drohenden Niederlage zu entziehen. Mit schnellen Schritten war Daniel bei ihm und trat ihm die Beine weg, so dass der Rothaarige hilflos wimmernd vor ihm hing und nach Luft japste.

„Jetzt bekommste richtig, du Made. Heute kannste dich nicht hinter Eriks Rücken verstecken.“ Wie in Trance ließ er das harte Kabelende auf Beine, Bauch und Arme des Rothaarigen sausen, bis er Heikos Rufe hinter sich wahr nahm, „Weg, Daniel. Der ABV-Mann kommt.“ Nach einem letzten Schwinger flüchtete er zurück in seinen Hof und in Sicherheit. Bevor er zum Klettergerüst um das Trafohäuschen bog, vergewisserte er sich, dass ihm niemand folgte und lief mit stolzgeschwellter Brust zu seiner Bande, die schon vor den Mädchen fleißig angaben, wie klar sie doch die anderen - trotz einer Falle – besiegt hatten.

Die Mädels zeigten sich wenig beeindruckt und lachten über die Jungs mit ihren falschen Vorstellungen von Heldentum, was Daniel kränkte, denn schließlich hatten sie Ehre und Ruhm für ihren Hof erkämpft, während die doofen Weiber sich die Haare geflochten und Gummihopse gespielt hatten. Stefan hatte Recht; Krieg ist doch nur was für Männer, dachte er enttäuscht.

Als die Dämmerung einbrach, öffneten sich nach und nach die Fenster zum Hof und die Mütter riefen ihre Kinder nach oben. Nur Daniel saß bis zum Schluss da, denn seine Eltern kamen erst später nach Hause und niemand rief nach ihm. Er wollte sich gerade auf den Weg nach oben machen, als sich jemand von hinten anschlich und ihm die Hände auf die Augen legte: „Wer bin ich?“, flüsterte eine Stimme. Daniel dachte an Erik und sich anbahnende Prügel, doch lösten sich die Hände schnell und er sah in Katjas lächelndes Gesicht. „Ich bin stolz auf dich. Ich habe euren Kampf vom Balkon aus gesehen.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Holst du mich morgen früh ab?“ Er nickte und strahlte: Ein Kämpfer zu sein, lohnt sich also doch.

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23 Antworten

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    Tolles Zeitdokument, toll geschrieben.

    Gefällt mir durch und durch! :)

    29.11.2010, 07:02 von Unresting
    • 0

      @Unresting Edit: Gewisse Parallelen zu Clemens Meyer habe ich auch bemerkt, jedoch seh ich diese positiv.

      29.11.2010, 07:02 von Unresting
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    Scheiße der Text bekommt schon allein deshalb eine Empfehlung weil ich beim Lesen schlagartig sieben Jahre alt geworden bin und in dieser verdammten Gegend am Ende von Berlin groß geworden bin.
    Es erscheint einem bei der ganzen Beschreibung surreal und aufgesetzt aber authentisch ist es zu100%.
    Einzig: der ABV war uns egal.

    28.11.2010, 20:57 von plattenbau-beau
    • 0

      @plattenbau-beau Mir nicht, der kannte meinen Namen auswendig und duzte meine Eltern, so oft war der wegen irgendner Scheiße da.

      28.11.2010, 21:56 von stereoG
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    is ne nette geschichte für zwischendurch. gefällt mir

    28.11.2010, 17:21 von nic.is.listen
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    ein hohenschönhausen-text hat hier echt noch gefehlt, richtig geil ... und ick bin da sogar inna nähe aufgewachsen (am berl), also gibts alleine deswegen schon die empfehlung !!

    27.11.2010, 19:56 von the_bum
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    ja so eine kindergeschichte...schlangental..hmm das waren noch zeiten als man für all die Orte so wahnsinnige namen hatte!
    erinnert mich an unbeschwerte zeiten :P

    27.11.2010, 02:44 von weAreAnimals
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    Daniel Daniel Daniel Katja Daniel Daniel Heiko Daniel Daniel Stefan Daniel Daniel Daniel

    Sorry, nee - ich hatte durchaus Interesse diesen Text zu lesen - aber ich komm nich durch. Bei dieser inflationären Namenschleuder hebt sichs mir. Ich packs einfach nicht.

    Mit sozialistischem Gruße,
    Jungpionier (auf ewig) Deurich

    27.11.2010, 01:55 von Der_Misanthrop
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    Erstmal vielen Dank für eure Diskussion und Kritik, die ich im großen und ganzen akzeptiere, doch stören mich 2 Sachen:

    Zum einem der Vergleich mit Clemens Meyer, dessen Buch ich auch zum Teil gelesen habe, doch stellt sich mir die Frage, ob der Ostler den Universalanspruch hat, als einziger über die Kindheit in der DDR erzählen zu dürfen und dies dementsprechend als Stats Quo stehen zu lassen?

    Auf oceaneyes belanglosen Kommentar hat kocmo genügend geantwortet, und @kiwisalz, vllt. war es ja wirklich eine schöne Kindheit? Verklärung findet ja wohl nicht statt oder warte; wahrscheinlich hat es das Schreckensregime der DDR geschafft mich so zu manipulieren, dass ich die traurige Realität verdrehe.

    Immer bereit!

    27.11.2010, 01:09 von stereoG
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