Love_the_People. 05.06.2012, 00:14 Uhr 6 4

Für Ronja - Halt!

Bitter. Wahrhaftig bitter.

Die Decke fiel ihr auf den Kopf und mit elektrostatisch aufgeladenen, sonnengelben Haaren, kroch das kleine Mädchen hervor. Lachte mit den großen, braunen Augen. Das kleine Haus, zwischen Sofa und Tisch war nun doch eingefallen.
"Warte, dass haben wir gleich."
Immer wenn er etwas so leicht sagte und behutsam lächelte bildeten sich kleine Fältchen um seine Augen, rahmten sie ein und gaben ihnen unglaubliche tiefe. Aber das ist so, wenn man alt ist.
Ronja hatte schließlich schon viele alte Menschen gesehen.
Beim Sommerfest in ihrem Garten, freuten sie sich immer alle über das laute Lachen des kleinen Blondschopfes. Und sie freute sich über das grüne Gras, in welchem man kleine Käfer fangen konnte und über die frischen Kirschen damit verbunden auch auf das Kirschkernweitspucken gegen ihren großen Opa.
Ab und Ann durfte sie Glücksfee spielen und das Glücksrad drehen, was mindestens zwei mal so groß, wie Ronja selbst war. Sie durfte die Preise überreichen. Vertraut mit der weichen, schrumpligen Haut war das Mädchen und sie lachte immer, wenn sie in der Badewanne saß und plötzlich alterte.
Ronja kam in die Schule wurde älter und begann an der Blüte der Jugend zu schnuppern. Doch egal, wie erwachsen sie ab und an schon war, nachmittags blieb immer noch Zeit für ein Fußballspiel. Er wurde langsamer, vielleicht wurde sie auch schneller.
Er mochte auch Fußball und sie eigentlich nicht so sehr. Aber mit 4 Jahren bekam sie einen Stift geschenkt, der das Lied einer WM sang, wenn man ihn öffnete. Der Fußballabend, und nicht nur der, waren verbunden mit Bier. Ronja sammelte die Bierdeckel in einem Eierkarton, der immer im linken Schrank in der Küche stand. Schon bald hatte sich ein ordentliches, rasselndes Geräusch gebildet.

Ronja strecke ihre kalten Füße aus dem Bett. Ob die Sonne schon aufgegangen war? Halb Sieben. Schon sehr früh für einen Samstag. Stufe für Stufe ging sie nach unten, das weinen wurde lauter, die Schritte langsamer. Bis irgendetwas nicht normal war.
"Er hat versucht sich das Leben zu..."
Mehr hörte Ronja nicht mehr, alles war taub, das kleine Mädchen eingefroren und sehte sich augenblicklich nach nichts anderem, als seiner Nähe. Der Tag begann neben ihr zu laufen. Trat nicht auf sie ein. Leider. Ihr kleiner Bruder sollte noch nichts wissen, sie sollten zu Freunden der Familie. Wie kann man einem Kind so etwas antun?
Ronja hatte Angst davor, sich noch einmal umzudrehen, sie wollte nichts sehen, nichts hören und vorallem, wollte sie gerade nichts wissen. Was sie eigentlich wollte war...
Noch vor der nächsten Ecke begegnete ihnen der Krankenwagen. Der Schlüssel für moderne Schauer auf Ronjas Haut. Der Totenschlag in ihrem Kopf.
Ronja wollte den Schmerz nicht spüren, nicht so stark, durfte ihn nicht teilen und lernte stumm zu weinen. Am Nachmittag kamen sie dann, die Gestallten, die sich Eltern schimpfen und nahmen Ronjas kleinen Bruder in den Arm und sagten leise:
"Opa ist gestorben."
Der Zorn in Ronja über diese Lüge wuchs, die Enttäuschung allein zu sein und in den Polstern des Sofas zu verschwinden, weil keiner sie festhielt setzte sich in ihr fest. Aber sie war schon 11 Jahre, sie musste doch verstehen, dass kleine Kinder das nicht so leicht aufnehmen können.
Aber sie konnte es nicht.
Ronja wurde eine junge Frau, immer noch blond mit herzlichem Lachen und noch immer konnte sie stumm weinen, öfter als ihr Lieb war. Der Kuli sang schon ein paar Jahre nicht mehr. Zu oft wollte sie das Vertraute hören, wollte die Erinnerung aufleben lassen.
Ronja geriet an Falsche Menschen lernte die Aufdringlichkeit der Männer kennen und hassen. Wusste nun auch was Psychoterror ist. Sie fiel immer weiter. Leise wimmert sie. Alles tut ihr weh. Auch wenn sie Lacht, sie ist allein. Jemand hat sie gerettet und ihr Herz, hat ihre Seele verbunden und in seine Hände genommen.
Doch der Stift schreibt nicht mehr und das einzige was bleibt ist das Messer, nachdem sie schon so lange sucht(e).

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6 Antworten

Kommentare

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    Ronja kam in die Schule wurde älter und begann an der Blüte der Jugend zu schnuppern.


    Nach dem Satz hab ich aufgehört zu lesen.

    11.11.2012, 23:34 von topfbluemchen
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    Wir lachen für andere damit sie nicht sehen das wir noch immer weinen....

    Fuck ich erkenne ein paar der dinge in mir wieder...

    07.11.2012, 20:11 von Kuro
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    Und Stille.

    02.11.2012, 20:22 von kleineMiranda
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    Du hast nen schönen Schreibstil :) liest sich spannend und leicht mit..
    Vielleicht magst du das Aussehen der Protagonistin etwas abändern, erinnert stark an dich, oder ist das Absicht?
    Das Ende würde ich mehr ausbauen, von wegen Psychoterror und so..das teilt sich nicht wirklich mit..
    Aber wirklich gut, werde bei Gelegenheit mal mehr von dir lesen..

    17.07.2012, 17:08 von altes_Kind
    • 0

      Liebsten Dank, für diesen schönen Kommentar.
      Das Aussehen... es bezieht sich auf die Wahrheit ich wollte es nicht ändern, da etwas wahres eine andere Magie, eine andere Kraft hat als etwas verstelltes...
      Du bringst mich auf wunderbare Ideen, das Ende zu erweitern... Dankeschön :)

      17.07.2012, 21:34 von Love_the_People.
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  • 1

    Betäubend.

    28.06.2012, 18:18 von no_ah_
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