hib 21.06.2007, 09:40 Uhr 6 8

Fünfter Stock links

Hier habe ich zwölf Jahre gewohnt. Und ich passe in keinen einzigen Quadratmeter mehr hinein.

Heute bin ich den alten Weg gegangen. Und kurz stehen geblieben. An den Plätzen, die mich jetzt plötzlich älter werden lassen. Nur weil ich überlegen muss. Wie viel Jahre die Straße herunter geflossen sind. Seit ich das letzte Mal hier gelebt habe.

Die Welt scheint zu schrumpfen, während man selbst mittlerweile in jeden noch so hohen Badspiegel schauen kann. Alles wirkt so, als müsste ich mich hinhocken. Um zu verstehen was gewesen ist. Die Erinnerungen rennen mir nur so gegen die Knie. Ich setze mich auf die Bordsteinkante und halte die Augen offen. Und dann rennen sie mir die Bude ein.

Die geschossenen Pappeln hinter dem rostigen Zaun geben ein angenehm ruhiges Hintergrundrauschen ab. Für den schnell geschnittenen Videoclip in meinem Kopf. Der mir all die Bilder wiederbringt. Von denen ich gar nicht mehr wusste. Dass ich dabei war. Ich wünsche mir jetzt einen. Dem ich es erzählen kann. Aber hinter den Fenstern sprechen sie noch die Sprache von damals. Und ich verstehe nicht mehr. Ich habe lediglich eine Ahnung.

Der Block hat neue Türen bekommen. Die früher waren aus Holz und es blätterte eigentlich ständig grüne Farbe von ihnen ab. Das passte irgendwie ins Bild. Jetzt sind die Eingänge so weiß, dass man nicht sicher ist. Ob man sich noch an Rot erinnern kann. Wenn man länger hinschaut.

Ich begreife nun, warum sie in die frischen Außenwände der Plattenbauten Steine gedrückt haben. Die sollen das Haus am Boden halten. Wenn die Bewohner von etwas besserem Träumen. Als niedrige Decken. Und den Nachbarn streiten zu hören.

Ich weiß genau wie dunkel es im Keller gerade ist. Wie es riecht, wenn man den Staub von den Planen aufwirbelt. Und wie meine Stimme klingt. Wenn ich zu irgendwem Hallo sage. Nur weil das Licht nicht funktioniert. Ich aber mein Fahrrad brauche.

Und dann. Fallen aus den oberen Stockwerken Namen auf mich herunter. Und ich mach mir einen Reim aus ihnen. Der auf vorbei endet. Ich finde noch ein paar Tränen von mir im Gras. Und benutze sie ein zweites Mal.

Ich frage mich ob die Leute, die jetzt hier wohnen wissen, was hier einmal war. Und ob sie es traurig finden, dass ihr Hof leer ist an Samstagsommern. Oder ob sie froh sind darüber. Dass niemand mehr stört. Beim Elfquadratmetereinsamsein.

Dort in der dritten Etage hat die böse Frau Keller gewohnt. Die hat mal im Treppenhaus mit einer Pistole rumgemacht als ich abends mit roten Netzhäuten vom Tanzen heim kam. Ich hab dann eine zeitlang im dritten Stock immer das Licht ausgelassen und hab zwei Stufen gleichzeitig genommen. Manchmal hab ich auch die Luft angehalten. Bis ich meine Zimmertür geschlossen hatte. Aber das war keine Absicht gewesen.

All die, unter deren Augen ich groß geworden bin. Sind jetzt selber groß.
Einige sind sogar über sich und mich hinausgewachsen. Auch deshalb würde keiner von uns mehr in sein altes Zimmer passen. Uns würden die Köpfe und die Rücken schmerzen. Ich kenne jetzt andere. Aber ab einem bestimmten Punkt kamen die nur noch dazu.

Mir fällt das tote Mädchen ein. Und dass ihre Eltern noch immer hier wohnen. Ein Nadelgewächs hat es bis an ihr Fensterbrett im vierten Stock geschafft und versteckt mich. Sie war meine beste Freundin. Zumindest war es das beste was mir passieren konnte. Und ich weiß zehn Jahre später noch immer nicht. Ob sie ein Grab hat. Und wie es dort aussieht, wenn man es besucht. Da fällt mir auf, dass es noch viel zu tun gibt.

Jemand hat mit weißer Kreide eine Sonne auf den Boden gemalt. Gerührt von soviel Klischee lasse ich mich noch einmal in den fünften Stock hinauf fallen. Und schaue auf mich herab. Und stelle fest, dass ich ganz schön groß geworden bin. Für einen der mal hierher gepasst hat.

Ich komme mit Leichtigkeit über den Zaun. Obwohl es keinen Ball zu holen gibt diesmal. Interessant denke ich mir. Wie schnell aus Hürden Kleinigkeiten werden. Und umgekehrt.

Es ist so viel passiert hier. Und so wenig Platz in einem Kopf. Um alles zu behalten. Ich beschließe, als ich gehe, das alles einfach in guter Erinnerung zu behalten. Es scheint mir nicht nötig öfter herzukommen um nachzuschauen, ob alles an seinem Platz ist. Ich habe das Gefühl hier wird sich nichts ändern. Solang ich hinschaue.

Es findet sich hier soviel Präteritum. Es ist kein Raum für Präsens oder Futur. Nicht auf den Ästen der Pappeln. Nicht auf den kleinen Dächern der Hauseingänge. Nicht in einem einzigen Briefkasten. Nicht in den Zimmern. Nicht unter den Treppen der Nummern zehn bis vier.

Die Rosenbeete gleich vor den Hausmauern haben sich aufgegeben. Deshalb sticht hier auch kein Dorn irgendwohin. Sondern es ist Gras über die Sache gewachsen.

Es ist gut zu wissen, wo man einmal war. Und dass man nie wieder an den Anfang zurück muss.

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6 Antworten

Kommentare

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    Diesen Text gibt's mit 34 anderen von hib im Buch "Was macht dich schön" auf Papier zum in-die-Hand-nehmen:

    www.worthandel.de/hib

    01.03.2008, 23:39 von lippenmond
    • 0

      @lippenmond bitte keine werbung an dieser stelle. danke.

      03.03.2008, 17:53 von hib
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    Wahrscheinlich langweilen dich die Kommentare, dass deine Texte so genial sind schon.
    Ich muss es trotzdem sagen.
    Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich empfinde wenn ich deine Texte lese.
    Ich bin einfach nur berührt und beeindruckt.
    Ich könnte nur hier sitzen und heulen und darüber nachdenken weshalb du so toll schreibst.

    Du gibst einem so viel mit deinen Texten.

    Ich weiß gar nicht was ich noch sagen soll, es tut mir leid wenn mein Kommentar ins Kitschige abgerutscht ist, ich weiß nur einfach nicht wie ich sagen soll was ich fühle wenn du so schön schreibst, aber das kannst du sowieso viel besser.

    Hör bitte niemals auf zu schreiben.

    15.10.2007, 10:57 von foreveryoung
    • 0

      @foreveryoung auch weil mir manchmal jemand so etwas schönes sagt, kann ich gar nicht anders. ich danke dir.

      15.10.2007, 15:49 von hib
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    "Ich finde noch ein paar Tränen von mir im Gras. Und benutze sie ein zweites Mal."
    ....wunderbar- einfach wunderbar!

    21.08.2007, 16:02 von kristallblau
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  • 0

    Hausstaub-Allergiker bitte vorsicht. Extrem realistische Beschreibungen. :)

    danke.

    21.06.2007, 12:42 von hib
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    So schöne Worte... ich rieche den modrigen Geruch von altem Staub auf entfernten, klaren Erinnerungen.

    Mag es sehr. Wie du schreibst. Und auch die Themen.

    21.06.2007, 11:58 von 7Sterntaler
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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