pnarm 04.10.2016, 10:35 Uhr 9 15

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"..bin nicht so der Verabschiedungstyp."

Jedes Jahr in den Pfingstferien schickten mich meine Eltern in ein christliches Jugendcamp. Nicht etwa um einen besseren Menschen aus mir zu machen, oder um mich zum Glauben zu bekehren. Nein, sie bekamen ihren traditionellen Besuch von Freunden aus Frankreich mit denen sie durchs Voralpenland wandern, Bier trinken und über Weißwurst und Sartre klugscheißen würden. Dieser Besuch beanspruchte mein Zimmer, also wurde ich zu den Christen ausquartiert.

 

Meine Mutter brachte mich ins Camp. Einer auf tausend Höhenmetern gelegenen Jugendherberge die aussah wie ein kleinwüchsiges Sanatorium.

"Führ dich bitte anständig auf", sagte sie.

"Klar, kennst mich doch", log ich, und griff mir meine Tasche.

"Viel Spaß mit eurem Besuch", Ich drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange und wankte aus dem Wagen. Vor dem Haus stand eine Frau und grinste mich an. Sie war vielleicht 40, trug viel zu weite Bermudashorts und ein grelles, selbstgebatiktes Shirt das mir die Tränen in die Augen trieb. Ich hörte wie das Auto losfuhr. Sie kam mit gestreckter Hand auf mich zu und stellte sich als Tracy vor. Es gab kein zurück mehr. Ich konnte nur nach vorne flüchten, schob mich an ihr vorbei und ging ins Haus. Dort roch es nach verstaubten Kacheln und angebrannter Kohlsuppe. Wo war ich hier nur gelandet?


Sie quartierten mich in einem Viererzimmer mit zwei Stockbetten ein. Zum Glück waren meine Mitbewohner irgendwo draußen unterwegs. Eigentlich wollte ich mich ja die ganze Woche hier im Zimmer verstecken, aber der Hunger trieb mich zum Abendessen in den Speisesaal. Ich war der letzte der zur Gruppe gestoßen war. Etwa ein Dutzend Mädchen und Jungs in meinem Alter drängten sich um die längliche Tafel. Ich hatte sie grade eben noch lachen hören, aber als ich den Raum betrat kehrte eine plötzliche Ruhe ein. Naja, gegen Ruhe hab ich nichts, dachte ich, setzte mein grimmigstes Gesicht auf, und ließ mich auf dem äußersten Platz nieder. Tracy erhob sich. 

"Schön, wir sind komplett. Wer will das Gebet sprechen?" 

Ein blonder Typ im Holzfällerhemd stand auf und nickte Tracy wagemutig zu. 

"Fine. Thank you Laszlo." 

Laszlo faltete formschön die Hände, und betete solange, dass mir die Verschwendung seiner Gedächtnisleistung leid zu tun begann. Dann setzte er sich, sah sich fragend in der Runde um und wurde mit ehrfurchtsvollen Blicken belohnt. Er war der Held des Abends. Zum Glück glaubte ich nicht an Helden.

 

Am nächsten Tag wanderten wir einen Pfad ab, an dem Tracy Bibelverse versteckt hatte. Wer einen der Verse fand und ihn bis zum nächsten Tag auswendig konnte, bekam als Belohnung einen Schokoriegel. Das Auswendiglernen war für die meisten überflüssig. Es schien als könnten sie die ganze Bibel aus dem Stegreif herunterpredigen. Tracy versteckte die Verse so offensichtlich dass es schmerzte. Sie waren an Straßenschilder geklebt, in Parkbänke gesteckt oder lagen unter Steinen mitten am Gehweg. Ich fühlte mich verarscht, und wollte wissen ob sie auch wirkliche Verstecke kannte. Am nächsten Baum an dem wir vorbeikamen hangelte ich mich an einem der Äste hoch, und kletterte vorbei an Zweigen und Gestrüpp in die Krone. Ich lehnte mich zurück, und bedeutete mit ausgebreiteten Armen dass ich nichts gefunden hatte.

"Tobi, come down. Das ist gefährlich."

"Eure Propaganda ist gefährlich! Warum lassen sie sie keine Verse von Baudelaire auswendig lernen? Der wusste wie man lebt!"

Tracy antwortete nicht. Einer der Jungs sah mich mitleidig an, faltete die Hände und begann für mich zu beten. Ich war gefangen. Was sollte mich da jetzt noch rausholen? 

"Ich komm runter wenn ihr aufhört zu beten", bot ich resigniert an, wartete bis das Gemurmel verstummt war und schwang mich dann vom Baum. Den Blick fest auf den Boden gepresst, die Hände in der Tasche zur Faust geballt, ging ich voraus, und sagte den ganzen Tag kein Wort mehr.

 

Am Abend durften die, denen es nicht zu kalt war, Zelten. Alles war besser als in diesem muffigen Zimmer zu schlafen, also erklärte ich mich gern dazu bereit. Zum Glück war es Tracy auch bald zu kalt, und sie ließ uns allein. Wirklich allein. Es gab kein Bier, keinen Supermarkt in der Nähe, keine Clubs, keine Kneipen. Es gab gar nichts außer der frischen Luft, und die Fremdheit über die uns auch das idiotische Lächeln in unseren Mundwinkeln nicht hinwegtäuschen konnte. 

"Na dann, schlaft mal gut." Ich nickte ihnen düster zu, ging in das 4-Mann Zelt, zog den Reißverschluss zu und legte mich auf den Rücken. Die Grillen zirpten. Die Gespräche von draußen verstummten bald. Ich schlief schon fast, als ich die Gitarre hörte. Die Griffe stimmten. Dann hörte ich eine Stimme. Plötzlich atmete ich so laut dass ich dachte das Zelt würde unter dem Druck zusammenbrechen. Ich spürte, wie ein kleines Rinnsal meine Wangen abwärts floss. Es war nur ein Mädchen dabei. Lisa. Die unscheinbare Lisa. Braves Pony. Rollkragenpullover. Ein Lächeln wie ein Souvenir aus der Ehrlichkeit. Sie sang dieses Lied. Sie sang vorbei an jedem Hass, an jeder Ideologie. Ich stand auf, zog den Reißverschluss auf und schritt aus dem Zelt. Als die Jungs am Lagerfeuer mich sahen, schreckten sie zurück. Lisa stoppte ihr Spiel und schaute mich verwundert an. 

"Hey was ist los?" 

Ich setzte mich und winkte ab. "Nichts, schon gut. Spiel einfach ein bisschen weiter."

 

Der nächste Nachmittag war der geheime Höhepunkt, denn die Preisverleihung für die auswendig gelernten Bibelverse stand an. Schon der erste Anwärter predigte mich auf so elegante Weise in den Schlaf dass ich mich auf einen verträumten Nachmittag freute. Irgendwann stupste mich jemand an.

"Hey, du bist dran."

"Was? Leck mich."

"Come on. Try it." Tracy lächelte sanft. Diese verdammten Pazifisten, konnten sie mich nicht einfach verprügeln und mich dann in Ruhe lassen wie alle anderen? Wieso waren sie so einfühlsam? In was für einer Welt lebten sie? Ich stand auf, stellte mich vor die Gruppe und begann mit den einzigen Zeilen die ich auswendig wusste: 

"I want to conquer the World. Give all the Idiots a brand new Religion. Put an end to.." Tracy unterbrach meinen Vortrag mit tosendem Applaus. Die Gruppe stimmte ein. Für einen Schokoriegel hatte es leider nicht gereicht. Tracy ließ sich dennoch nicht aus dem Konzept bringen. Sie ging zum Kühlschrank und suchte nach einem Trostpreis. Ich wusste dass dort nicht mehr viel zu finden war. Seit sich Paul, mein Zimmerkollege, mit geklauter Wurst und Joghurt immer exzessiver in den Schlaf mampfte, waren unsere Vorräte bedenklich geschrumpft. 

"Oh my God. We really ate a lot." Tracy schüttelte verwundert den Kopf. Sie setzte sich an den Tisch, kritztelte etwas auf einen Zettel und zog dann ein paar Scheine aus der Tasche. 

"Lisa, du kennst den Weg zum Bauernhof?" Lisa nickte. Tracy gab ihr den Zettel und das Geld, und sah sich in der Runde um. 

"Wer von euch Gentlemen begleitet sie?" Ich zögerte nicht lange, und hob die Hand bevor mir jemand zuvor kommen konnte.


Tagsüber hatte es geregnet. Langsam trocknete der Boden. Es roch nach Heu und verdunstetem Quellwasser. Lisa ging einen Schritt vor mir. Ich ließ mir Zeit. Diesen Moment wollte ich so lange wie möglich genießen. Irgendwann drehte sie sich um.

"Bist du eigentlich immer gegen alles?" Die Wärme in ihrem Blick brachte mich zum Kochen.

"Nein, wieso?"

"Du machst den Eindruck als ob dir nichts Spaß machen würde."

"Naja, eigentlich will ich nur meine Ruhe haben."

"..aber hier ist es doch ruhig!" sagte sie, und ich hörte nichts als ihr Lächeln und ihre Bewegung und ihre leisen Schritte die den Weg kannten, dem ich blindlings hinterherirrte.

"Glaubst du wirklich an Gott?"

"Klar." sagte sie.

"Woher willst du wissen dass es ihn gibt?"

"Ich kann es spüren." Sie sah mir in die Augen. "Was spürst du denn?"

Ich errötete

"Du musst doch etwas spüren. Wovon lebst du denn? An was glaubst du?"

"Manchmal glaube ich dass Gott meinen Dolmetscher wegen Unfähigkeit entlassen hat."

Sie blieb stehen. Ich drehte mich um. Sie lächelte.

"Wieso lernst du dann nicht selbst für dich zu sprechen?"

Schweigen.

"Schau, da vorn müssen wir hin." Lisa ging wieder schnell voran. Ich sah zu, dass ich mit ihrem Tempo mitkam.

 

Am letzten Abend grillten wir auf der Terasse. Tracy war die Grillmeisterin. Auf ihrer Schürze prangte ein "I'm with Jesus" Schriftzug. Ein Pfeil zeigte in Herzrichtung. Ich freute mich dass ich bald hier wegkam. Lisa aus den Augen zu verlieren machte mich traurig. Einige hatten ein Theaterstück einstudiert. Laszlo kam mit einem Zauberkasten an, und ließ ein Stoffhäschen in einem Hut verschwinden. 

"Was sagt Gott wohl dazu dass du uns hier Magie vorgaukelst, hm!?" ätzte ich, während Laszlo sich stilsicher verbeugte. Es war das erste mal dass ich Tracy wütend erlebte. Mit rotem Kopf kam sie auf mich zugestürmt und fuchtelte wild mit dem Pfannenwender herum. 

"OK. That's enough. Go to your room now! Ich will dich heute nicht mehr sehen!" Sie deutete starräugig ins Haus. Ich drehte mich zu Lisa um. Sie sah mich enttäuscht an. Ich hatte mal wieder alles verbockt.

"Ich brauch euch doch eh nicht!" schrie ich, stand auf und stolzierte davon. Im Zimmer war es still. Es war dunkel, und ich wusste nicht mehr wo ich war. Was wenn sie recht hatten? Was wenn es Gott gab und er es immer gut mit mir gemeint hatte? Ich wollte doch nichts kaputtmachen. Ich wollte nicht in der Hölle schmoren. Ich wollte einfach dass sie aufhörten mir ständig ihre Ideale aufzuzwingen. Gott würde das sicher verstehen. Bestimmt hat er auch dazugelernt und ist nicht mehr so rachsüchtig wie Tracy immer sagte. Ihre Quellen waren auch schon ein paar Jahre alt. Seither ist viel passiert, und wenn Gott in der Vergangenheit leben wollte, wozu hätte er dann die Gegenwart erfunden? Ich versuchte den Gedanken zu halten, aber er verschwamm, wie so oft. Dann hörte ich wieder die Gitarre. Lisas Stimme erklang. Ich wurde nervös. Wenn ich Gott irgendwo erkennen konnte, dann in ihrer Musik. Ich schlich mich aus dem Zimmer, irrte durch den Gang und tastete mich zur Terasse vor. Es war dunkel. Nur der Anrufbeantworter warf sein Blinken in den Flur. Ich hörte Applaus. Lisa bedankte sich. Dann begann sie ihr zweites Lied. Ich musste mich beeilen. Ich riss das Kabel des Anrufbeantworters aus der Dose, kroch in die Küche und steckte das Gerät ein. Dann drückte ich auf Record und rührte mich nicht mehr, weil ich Angst hatte, mit meinen plumpen Bewegungen die Magie zu zerstören.

 

Zum Glück wurde ich am nächsten Tag früh abgeholt. Tracy saß noch beim Frühstück als ich mit gepackten Taschen und breitem Grinsen meine Mutter empfing.

"... und hattest du eine schöne Zeit?" fragte sie.

"Ging so Können wir fahren?"

"Hast du dich von deinen Freunden schon verabschiedet?"

"..bin nicht so der Verabschiedungstyp."

Wir gingen zum Wagen.

"..und bist du Gott ein wenig näher gekommen in den letzten Tagen? fragte meine Mutter als sie das Auto startete.

"Sagen wir mal so.." Ich machte die Tür zu. "..ich hab jetzt ne Telefonnummer unter der er angeblich erreichbar ist."

Langsam fuhren wir den Berg herab. Ich drehte mich nochmal um. Jetzt wirkte das Haus von außen so ruhig. 

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9 Antworten

Kommentare

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  • 0

    schön erzählt, ein bisschen riecht die Luft nach einem Zivildienstausflug in den Hängen von Trier

    05.10.2016, 15:26 von EliasRafael
    • 0

      Wenn ein Text "riecht", dann ist sein Ziel oder sein Sinn erfüllt, was will man mehr?
      Das ist ein großes Kompliment!
      Warum dann kein Herz, oder eine Weiterempfehlung?

      05.10.2016, 21:57 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Ach Gott, sind diese Herzen so entscheidend hier? 

      06.10.2016, 10:21 von EliasRafael
    • 1

      also bei mir ist's so: ich finde jede art von feedback gut, egal ob kommentar, herz oder kritik oder alles zusammen.

      06.10.2016, 10:44 von pnarm
    • 0

      Ich glaube ja, es ist halt eine eindeutige Stellungnahme, aber natürlich zählt ein freundlicher Kommentar auch. ichmach je nach Lust und Laune beides, aber ich differenziere schon sehr genau, welchem Text ich jetzt ein Herz gebe und welchem Text nicht

      06.10.2016, 13:58 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    vielen dank für's lesen. : )

    05.10.2016, 13:56 von pnarm
    • 0

      mehr mehr mehr von dir!!!!

      05.10.2016, 21:47 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    evangelen.

    04.10.2016, 14:27 von libido
    • 2

      Haha, wahrscheinlich ja. I ch hab das fast haargenauso auch miterlebt, nur dass wir (ich hab mitgezählt) sage und schreibe 15 Mal am Tag beten mussten. Ich dachte ich krieg ein Horn und bin zur nächstbesten Gelegenheit in den Ethikunterricht gewechselt. Mittwoch Abend ging die halbe Klasse in die katholische (!) Teestube, weil es da lockerer und entspannter zuging und das in einer Region, die absolut evangelisch dominiert  war. D.h. von 120 Leuten auf einer (Gymnasial-)Stufe, gab es maximal 15 Katholiken, sodass der Reli unterricht parallelisiert werden musste. In Ethik waren wir zur 8... DAS dann mal dazu ;)

      04.10.2016, 22:10 von Gluecksaktivistin
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