mondmaedchen7 30.06.2018, 15:24 Uhr 15 3

Fragmente

Ich bin froh, dass nicht immer alles einfach war.

Ich glaube ich bin so geworden wie ich bin, weil ich bereits sehr früh gelernt habe, dass das Leben nicht immer gut zu einem ist.

Ich denke dabei an den Geburtstag meiner Freundin aus der Grundschule, wir auf dem Teppichboden in ihrem Kinderzimmer sitzend, auf ihre Mutter wartend. Und sie sagte immer wieder "Sie kommt noch, dann essen wir zusammen den Kuchen.", aber sie kam nie.
Ich denke dabei an das Mädchen aus meiner Klasse, die in der zweiten anfing zu stottern und dann garnicht mehr zu sprechen. Und daran, dass das Leben nicht gut zu ihr war.
Ich denke dabei auch an meine andere Freundin, die an ihrem Geburtstag jährlich von ihrer Mutter daran erinnert wurde, dass ihr Zwilling es nicht geschafft hatte, wofür sie sie insgeheim hasste.   

Ich denke dabei an Mama, die spät nach Hause kam von ihrem beschissenen Job und mir die Stirn küsste. Ihre aufgescheuerten Hände, die über meine Wange glitten.
Ich denke dabei an Mama, mit der ich im Alter von 9 Jahren komplizierte Formulare ausfüllte und sie für sie übersetzte. 
Ich denke dabei an die merkwürdige Frau aus der Ausländerbehörde, die ständig zu uns kam und Fragen stellte, auf die ich keine Antwort wusste. 
Ich denke an mein einziges Jahr deutschen Kindergarten zurück, in dem mich die Betreuerin anschrie, weil ich mit einem anderen Mädchen auf russisch sprach und mich dann in eine andere Gruppe schickte, sodass ich mit niemandem mehr sprechen konnte. Ich war ein Nichtschwimmer, dem Schwimmflügel verboten wurden. Ich musste es ohne lernen.

Und dann wieder Mama, die alles dafür tat, dass ich in der Schule mitkam, obwohl ihr diese Sprache, dieses Land so fremd war. Dann das Gefühl, alles alleine bewältigen zu müssen. Keinen zu haben, der mir bei den Hausaufgaben hilft. Ausreden erfinden zu müssen, warum meine Eltern nicht zu Elternabend kommen können, weil es ihnen unangenehm war, nicht am Gespräch teilnehmen zu können. Sich nichts sehnlicher zu wünschen, als ein eigenes Zimmer, statt auf dem Sofa im Wohnzimmer zu schlafen, wie ein ewiger Gast in einem Land, dass niemals zu mir gehören würde.

Ich denke an meinen Fahrradunfall in der Grundschule, WM 2006, bei dem ich zwei Monate im Krankenhaus verbringen musste und Mama jede Nacht bei mir im Zimmer auf einem Klappbett schlief, weil sie niemandem hier wirklich vertraute. 

Dann denke ich auch manchmal an Papa, der dem Whiskey verfiel, wenn er daran dachte, dass er sein abgeschlossenes Studium umsonst weggeschmissen hatte, denn dieses Land hier gab ihm nichts, was er sich gewünscht hatte.

Mama, die sich mit meinem Klassenlehrer stritt, weil er mir keine Gymnasialempfehlung geben wollte. Und gewann. Selbst in gebrochenem deutsch.

Immer wenn ich unglücklich bin und mein Leben nicht zu schätzen weiß, denke ich an diese Momente zurück und wie weit ich trotz all der Schwierigkeiten gekommen bin. Diese ganzen Fragmente fügen sich immer wieder neu zusammen, es ist wie in ein Kaleidoskop zu schauen.
Es ist oft immer noch schwer, es ist oft immer noch verdammt anstrengend, aber ich habe so vieles geschafft, dass mir damals niemand zugetraut hätte. Einem Migrantenkind aus dem Plattenbau. 
Ich denke dann an Mama, die Dostojewksi liest in der Küche und mich anlächelt, und der Wasserkocher laut brodelt und alles irgendwo friedlich ist, wenn auch nicht einfach.  

Ich bin froh, dass ich das alles erlebt habe. Ich bin froh, dass nicht immer alles einfach war. Weil es mich viele Dinge gelehrt hat, die andere möglicherweise erst sehr spät realisieren. Es hat mich eine viel tiefere Nähe zu den Menschen gelehrt. Ein Verständnis, das vielleicht nur die Wenigen besitzen, die sich schon selbst aus dem Dreck ziehen mussten. 
Ganz besonders habe ich dadurch gelernt, in mich selbst zu vertrauen. Und alles in Relation zu setzen. Dafür bin ich dankbar. 

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15 Antworten

Kommentare

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    Es geht mir ähnlich wie dir. ich habe ziemlich viele schlechte Erfahrungen machen müssen, aber ich bin auch irgendwie froh drüber, dass ich sie gemacht habe. 

    06.07.2018, 12:36 von Christofff
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  • 1

    Schöner Text, spannende Erfahrungen. Schlechte Erfahrungen schulen auch die Empathie und machen einen zu angenehmeren Mitmenschen

    05.07.2018, 12:03 von CarlostheBoss
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    Habe ich recht gern gelesen. 

    02.07.2018, 23:01 von Bergfenster
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    • 4

      ich glaube dass kannst DU kaum von einem öffentlich geteilten text über MICH sagen. aber danke für das kinder-in-afrika-argument 

      01.07.2018, 11:08 von mondmaedchen7
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    • 1

      wenn’s dich glücklich macht :-) 

      01.07.2018, 12:32 von mondmaedchen7
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    • 4

      Ach Teechen, du trollst hier immer noch herum? 

      02.07.2018, 23:02 von Bergfenster
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  • 2

    Die Kunst ist nicht, immer das Beste gehabt zu haben, sondern auch Scheiße zu Gold machen zu können. Berührend.

    30.06.2018, 23:07 von ElisLogbuch
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  • 2

    Jetzt wollte ich grade was vonwegen "schöner, melancholischer Text" schreiben und dann las ich auf deinem Profil, dass du Teilzeitmelancholikerin bist ^^. Dein Text gefällt mir sehr!

    30.06.2018, 22:54 von Gluecksaktivistin
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