hib 24.05.2018, 16:08 Uhr 2 10

Fickfinger

Ich will, dass du bleibst. Aber einer muss ja immer nach Hause.

 

Ich will, dass du bleibst. Für immer hier vor dem Eisladen. Der Wind hat dir den Pony auf die 12 gestellt. Das Sonnenlicht scheint schief in das Grün deiner Augen und lässt es funkeln. Du schaust mich nicht an, du schaust auf dein Eis, das gerade gefährlich klebrige Substanz auf deine Hand verliert. Das Baby gluckst im Wagen, ein Schluck Softeis läuft an seinem Kinn runter. In seinen Augen springt eine Eistüte auf und ab. Ich stehe neben uns und sehe uns für alle Ewigkeit an einem Sonntag vor diesem Laden. Doch dann fährt ein Bus vorbei, ein Spatz landet vor meinem Schuh, eine Wolke dimmt das Licht und gleich bekommt die Kleine Hunger. Wir müssen los. Immer müssen wir los.

 

Ich will mit dir hier sitzen. Auf der Straße vor meinem Haus. Im blauen Auto meiner Mutter mit dem Zündschlüssel im Schloss. Alle Lampen hinter dem Lenkrad leuchten. Nur fahren kann keiner von uns. Das Radio plärrt amerikanischen Rap aus den Raviolidosenboxen. Dein Mund eiert durch dein Gesicht, deine Hand vermischt die milde Sommerluft mit den Schallwellen. Aus dem Fenster schaut ein Mann uns zu, die Ellenbogen auf dem Kissen, die Gedanken irgendwo zwischen 110 und früher. Meine Nackenmuskeln halsen sich den Stress von ein paar knackigen Beats aus Brooklyn auf. Ich schaue zu dir rüber und denke gar nichts, bin einfach nur dein bester Freund. Dann ist der Song vorbei, die Kassette dreht. Es knackt irgendwo, ich weiß nicht ob ich es bin. Die Uhr sagt, dass du heim musst. Du sagst mir, dass du los musst. Du gehst und ich bleibe noch ein bißchen. Immer muss einer nach Hause.

 

Ich will mit dir hier liegen. In deinem Bett, mit dem offenen Fenster daneben, vor dem die große Stadt stille Sommernacht spielt. Deine Hand in meiner. Mein Bein zwischen deinen. Du bist ganz warm. Aus der Bluetooth Box sagen uns Moderat „Let in the light“. Unsere Klamotten liegen im Raum verteilt und brechen das Licht in Bodenhöhe. Du glitzerst im Gesicht. Bei mir funkelt die Ewigkeit durch. Das Ende liegt schon nackt zwischen uns und zählt still unsere Lebeflecke. Ich fass dich an und du atmest mich langsam aus. In der Ecke steht ein glitzernder Kristallschädel und lacht uns aus für unseren Versuch. Du hast ihn geschenkt bekommen und nie hinterfragt. Dann kommst du und ich schaue dir dabei zu. Dann schläfst du ein, fliehst in deinen tiefsten Schlaf. Ich, ich bleibe zurück mit deiner Hülle an meiner Brust und meiner klebrigen Füllung darin. Irgendeiner bleibt immer übrig, einer will immer weg.

 

Ich will mit mir diesen Song hören. Auf meiner Couch, während ich aus dem Fenster auf das Zollamt schaue. „If you wait“ von London Grammar.Ihre Stimme legt sich wie Hustensaft über meine kleinen Entzüdungen. Das Feuer geht aus, die Asche vermischt sich mit ihrem Wasser und spritzt schmutzig an die Seiten. Ich kann hören, wie ihre Finger die Tasten am Piano drücken. Der Rhythmus schleppt sich, sie schleppt etwas mit. Am Ende lässt sie es frei. Sie lässt mich frei. Das Instrument ist eine Verlängerung ihrer Stimme, sie kommt bis zu mir rüber. Kommt durch. Ich muss heulen. Ich frage mich wie das ist, wenn man so einen Song geschrieben bekommt. If you wait, I will trust in time, that we will meet again. Die Tränen auf meinen Wangen sind alt. Dann klingelt mein Telefon. Ich gehe nicht ran.

 

Ich will, dass wir ewig leben. Am felsigen Strand von Kroatien. Über uns tanzen Sterne vom Vodka. Vor uns verschiebt sich das schwarze Wasser rauschend ineinander. Es riecht nach Salz und Bier und manche von uns küssen sich, manche würden gern. Wir fühlen uns überkreuz, über Decken, Überschwang. Wir schmeißen Kieselsteine nach betrunken Holländern. Wir zählen die Blitzlichter der Zeltplatzdisko in der Bucht gegenüber. Wir singen die Songs mit, auch wenn wir sie nicht kennen. Wir trinken so viele Flaschen leer, dass wir uns vom Pfand für alle Eis holen können am nächsten Tag. Wir baden nackt und es ist so dunkel, dass wir uns leider wirklich gar nicht sehen können. Wir liegen nicht auf Decken, wir liegen uns in den Ohren. Wir warten auf die Sonne, die auf sich warten lässt und uns machen lässt. Wir hören Bloc Party und I am Kloot und denken nicht im Traum daran, einzuschlafen. Dann wird es doch irgendwann hell. Ein paar gehen ins Bett, ein paar ins Meer. Einer sitzt vor dem Zelt und singt leise Dredg. Als das Lied vorbei ist, bleibt es ruhig. Irgendwer schweigt immer ein wenig zu lang.

 

Ich hasse dich, Vorbeigehen. Ich hasse deine Hast, deine Angst vor dem Stehenbleiben. Als wären Beine nicht dafür gemacht, auch mal den Weg als Standpunkt zu sehen. Ich hasse es, dass die Dinge weitergehen, wenn sie gerade am rechten Fleck sind. Ich hasse es, wenn du den Zauber mitnimmst. Ich nehme es dir so sehr übel, dass ich manchmal denke, dass ich nicht mehr mit mache. Ich ficke dich trocken, Vergänglichkeit. Mit einem harten Stoß aus dem Handgelenk in dein kaltes Herz. Damit du mal weißt, wie das ist. Du nimmst mir die Momente, als hätten sie nie mir gehört. Ich weiß, ich werde gegen dich verlieren. Alles verliert gegen dich. Aber bis dahin, sieh meinen Mittelfinger jeden Tag als Zeichen meiner Verachtung. Für deine und meine Sinnlosigkeit. Ich steche dir damit deine blinden Flecken aus, ich klemm ihn in dein System, ich ramm ihn hoch bis in dein schlechtes Gewissen und kratz dir die Skrupellosigkeit aus den Windungen. Es wird dir erst weh tun und dann wird es vorbei sein. Irgendwann ist es immer vorbei. Vorbyebye.   

 

Ich will, dass du kommst. Morgen. Wenn du dann da bist, dann werden wir was aus uns machen. Das lassen wir uns nicht nehmen, von niemandem. Und das Ende, die alte Leier, das machen wir zum Anfang von etwas, das bei uns bleibt. Den Fickfinger im Herzen.

 

  

 

 

 

 

 

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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    London
    Grammar sind großartig. Schön geschrieben. SO schön sehnsüchtig. Kann ich mich gut reinfühlen.

    06.06.2018, 21:09 von NieOhne
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  • 0

    Danke.

    26.05.2018, 21:46 von MrMelancholia
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