Seaside 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 2

Fensterblick im Kopf

Sie sitzt in ihrem Zimmer und starrt aus dem Fenster. Sie starrt und sieht doch nichts.

Alles verschwimmt zu einer grauen Masse. Der Blick aufs Wesentliche ist ausgeschaltet, ihre Augen finden keinen Punkt dort draußen, auf dem sie ruhen können. In ihrem Kopf arbeitet es. Alle Schubladen dort drin werden geöffnet und ihr Inhalt untersucht. Aber fast alles taugt nichts und wird achtlos und zerwühlt wieder hineingeworfen. Diese Dinge sind es nicht wert, sorgfältig wieder zusammengelegt und sortiert an ihrem Ort zurückgelegt zu werden.
Bei ihrem Rundgang vergisst sie aber, die Schubladen wieder zu schließen und so wabert der Geruch der Dinge durch ihren Kopf. Er lässt sich nicht so leicht einsperren und vergessen.
Sie kann ihrem eigentlichen Gedanken nicht folgen, er ist zu schwach. Ständig kommt sie an geöffneten Schubladen vorbei und deren Geruch nimmt sie gefangen, lässt sie schaudern, macht sie wütend, lässt ihre Augen leuchten, lächeln oder beschämt die Augen niederschlagen.
Nun wendet sie den Kopf zur Seite und sieht sich um. Ihr Zimmer. Voller persönlichen Dingen, voller Vergangenheit. Auch wenn es klein ist, für sie ist es groß, denn es besitzt Seele. In einem ihrer vielen Bücher las sie einmal, wenn ein Zimmer verlassen wird und somit unbewohnt ist, sei kein Leben mehr in ihm. Ein leeres Zimmer strahlt Traurigkeit aus.
Der Blick wieder zum Fenster lässt sie zu ihrem eigentlichen Gedanken zurückkehren. Er hüpft in die Mitte und übertönt die Schubladen. Sie wird unruhig und blinzelt.
Der Gedanke wird lauter und lauter und schließlich schreit er sie an. Er ist nun wirklich nicht mehr wegzuschubsen oder zu ignorieren. Langsam findet er seinen Weg zu ihrem Herzen und sie verspürt einen kleinen Stich.
‚ Nun werd nicht sentimental’, mahnt sie sich selbst. ‚ Was sein muss, muss sein!’ Aber so?
In diesem Augenblick verflucht sie ihre Unentschlossenheit. Sonst ist sie zwar auch nicht gerade stolz darauf, doch jetzt bringt es sie ganz und gar nicht weiter. Was wäre wenn…Dieser Gedanke schlägt geschickt einen Haken um den noch immer schreienden Gedanken in der Mitte und lässt ihn einfach stehen.
Was wäre, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte oder alle Möglichkeiten für sie offen wären? Dann wäre alles einfacher. Das alles aber ist nur Wunschdenken.
Aber weil das Leben das Leben ist, muss sie sich fügen. Auch wenn sie es überhaupt nicht will. Auch wenn ihr alles zu schnell geht und sie am liebsten die Momente anhalten würde, um sie eingehend zu bestaunen. Auch wenn es ihr so schwer fällt Entscheidungen zu treffen.
Ihre Schultern straffen sich und der neue Gedanke verschwindet so schnell, wie er kam. Man kann nun mal nicht alles haben. Dafür sind die Dinge die man hat, umso wertvoller.
Einen Moment fühlt sie sich sicher und zuversichtlich. Nichts kann ihr anhaben. Sofort aber meldet sich das Problem zurück und erinnert sie eindringlich an ihre Situation.
Sie steht auf, geht ein paar Schritte im Zimmer umher und setzt sich wieder auf den Stuhl. Inzwischen ist es draußen dämmerig geworden.
Bald wird sich vieles ändern und nichts wird die Zeit aufhalten können. Alles geht seinen täglichen Gang und doch ganz anders. Keiner kann etwas dagegen tun, auch nicht sie selbst. Nein.
Bald wird sie nicht mehr in ihrem Zimmer sitzen und aus dem Fenster schauen, sondern in einem fremden Zimmer und versuchen, ihm Leben zu geben. In einer fremden Stadt und unter Leuten, die sie nicht kennt.
Fast alles, was ihr Leben ausmacht wird sie zurücklassen. Ihr Leben bekommt eine neue Hülle. Der Gedanke in der Mitte zeigt ihr dies nun überdeutlich.
Sie wird verlieren und zurücklassen müssen. Die große Distanz ist eine Probe für wirkliche und echte Freundschaften. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Ein Vorteil? Bestimmt, dennoch zweifelt sie.
Was wird alles passieren wenn sie nicht mehr hier ist? Wird man sie noch kennen oder bald vergessen?
Sie schließt ihre Augen und lehnt sich zurück.
Es ist richtig, von hier wegzugehen. Auch wenn es wehtut. Anders geht es nicht. Der Gedanke in der Mitte wird kleiner. Zu ihm gesellt sich ein neuer. Zwar schwach, aber er ist da. Kroch leise aus einer offenen Schublade. Er ist ihr auch bekannt und nun lächelt sie.
Der Neue baut sich neben dem in der Mitte auf und rückt ihm dicht auf den Pelz. Der Mittige empört sich, weicht aber zur Seite und wird langsam kleiner.
Ihr Lächeln wird breiter und ihre Augen bekommen etwas sehnsüchtiges, der dunkle Schleier ist verschwunden.
Bilder tauchen in ihrem Kopf auf, der neue Gedanke breitet sich noch weiter aus. Ihr wird warm.
‚Fernweh…’, denkt sie. Es hat sie gepackt. Dieser schlaue Gedanke. Er packt bunte Bilder aus, denen sie sich nicht erwehren kann. Sie überfluten ihren Kopf regelrecht. Ihre Phantasie tut ihr übriges.
Sie schaut aus dem Fenster. Es ist dunkel. Doch in ihrem Kopf malt sie sich ihre Zukunft in den hellsten Farben.
Ja, es ist richtig etwas Neues zu wagen. Das Leben zu verändern und auch zu scheitern. Sie kann ja wieder aufstehen. Immer.

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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    gefällt mir sehr gut... kenne dieses gedankenspiel auch... super text!

    12.02.2007, 18:39 von nani-ipo83
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    fast perfekt, wie ich finde. ein paar kleinigkeiten hier und da, aber ansonsten: große prosa. wird unbedingt empfohlen
    lg
    pdk

    06.02.2007, 23:43 von PDK
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